251.Infanteriedivision
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Kriegstagebuch Mai 1940
10.5.1940 Bericht 6./I.R.471:
Der Morgen des 10.Mai 1940 ist angebrochen. Während die Kompanie pünktlich um 5.30 Uhr die belgische Grenze überschreitet, brausen einige Minuten später
die Bombenstaffeln der Luftwaffe, schwer beladen, über uns hinweg. Auf Nebenwegen geht die Kompanie vor, sorgsam die stark verminten Hauptstraßen vermeidend.
Straßensperren werden umgangen, genau so, wie es so viele Male geübt worden ist. Und von den Nebenwegen geht der Marschweg dann durch die vielen Wälder von
Eupen und Malmedy. Sorgfältig wird nach allen Seiten gesichert, doch kein Feind ist zu sehen. Die Ortschaften stehen leer und verlassen. Nichts ist vom Gegner
zu sehen, nur seine Zerstörungswut an Brücken und Straßen. Kein Schuß fällt.
11.5.1940 Bericht 6./I.R.471:
Auch am nächsten Tag kaum eine Veränderung.
12.5.1940 Bericht 6./I.R.471:
Der 12.Mai, es ist der Pfingstsonntag, bringt uns endlich an die Südgrenze von Lüttich. Noch am Abend werden die ersten Spähtrupps ausgeschickt, sie haben den
Auftrag, zu erkunden, ob das Gebiet südlich der Vesdre vom Feinde frei ist und wie die Annäherungsmöglichkeiten an das Fort de Chaudfontaine sind. Der Tag geht
Der Tag geht immer mehr zur Neige. Die Spähtrupps arbeiten sich vor, wie sie es während der langen Wrtezeit in den WIntermonaten immer wieder geübt haben.
An jeder Lichtung, an jeder Waldecke wird gesichert, wird erst das Gelände mit dem Glas abgesucht. Vorsichtig arbeiten sie sich weiter am steilen und gut
einsehbaren Hang zum Tal der Vesdre hinab. Vom Feind ist nichts zu sehen. Links auf der Höhe liegt das Fort de Chaudfontaine, unser Angriffsziel. Das Ta1 der
Vesdre weist dichte Besiedlung auf. Aber die Straßen sind leer.
13.5.1940 Bericht 6./I.R.471:
Als der nächste Morgen graut, müssen sich die gleichen Spähtrupps nochmals auf den Weg machen, um bei Tageslicht die gestrigen Erkundungsergebnisse zu erweitern.
Sie stoßen weiter nach links vor, um bessere Sicht nach dem Fort zu gewinnen. Und von einer lichten Höhe aus bietet sich ihnen das Fort dar. Alle Panzerkuppeln
sind prachtvoll zu erkennen. Kein Baum oder Strauch liegt um das Fort; sobald der Angreifer aus dem Bois de La Rochette heraustritt, fehlt ihm jede Deckung.
Nur gelber Sand, darin ein breiter Stacheldrahtverhau, dahinter die Fortanlagen aus Beton und Panzer. Die Kompanie bekommt den Befehl zur gewaltsamen Erkundung
auf das Fort de Chaudfontaine zu stoßen. Während zu den weiter zurückliegenden anderen Zügen Melder eilen, um sie heranzuführen, setzt sich der erste Zug sofort
in Marsch. Vorsicht ist bei den offenen Hängen geboten, die der Gegner vom Fort aus unbedingt Einsehen muß! Zwischen Bäumen und Gestrüpp wird in Deckung vorgegangen,
an steilen Hängen und Felsen rutscht man in ein Seitental. Alsdann muß ein offener Bahndamm überschritten werden und von dort geht es durch einen kleinen Tunnel
und schließlich über die Brücke hinweg. Liegen nicht irgendwo Minen? Ist nicht doch eine Sprengladung angebracht? Nichts von allem! Unangefochten erreichen wir die
von hohen Bäumen bestandene Hauptstraße. Zwei Gruppen gehen mit ihren MG. in Stellung, um zu sichern, die einen die Straße nach der Ortschaft Chaudfontaine hin, die
anderen vorwiegend nach dem Waldhang zu, wo obenauf das Fort liegt. Gedeckt arbeiten sich die Schützen an beiden Straßenseiten vor, scharf nach Hang und Ortschaft
spähend. Da ein Schuß! Aus Stellungen des Feindes am Abhang erhalten wir das erste Feuer! Mehr Schüsse folgen. Aber schon ist der Gegner erkannt, unsere MG. werden
auf ihn eingerichtet, und Feuerstoß um Feuerstoß wird aus den Läufen gejagt. Aber auch im Ort selbst wird es lebendig! AuS den vordersten Häusern von Chaudfontaine
erhalten wir Infanteriefeuer. Nun hämmern unsere MG. auch in dieser Richtung los, die Garben prasseln gegen die Häuser, die Fensterscheiben springen in Stücke.
Unter stetem Schießen arbeiten sich die Gewehrschützen durch die vordersten Häuser hindurch. Das Gewehr- und MG-Feuer reißt nicht ab, dazwischen krachen die
Handgranaten. Plötzlich verstummt das feindlicne Feuer; noch sehen unsere Leute belgische Soldaten um die Ecke rennen; aber es ist schon zu spät, sie sind verschwunden.
Mit der Pistole in der Hand, mit aufgepflanztem Seitengewehr und wurfbereiter Handgranate werden die einzelnen Häuser durchsucht Das Durchkämmen bleibt jedoch ohne
weiteren Erfolg und so kehren die Männer zurück.
Die Vesdre wird durchschritten; bis weit über die Knie reicht das Wasser. Schnell sind die feindlichen Feldstellungen am Hang überschritten. Mann um Mann erreicht den
oberen Rand der Höhen nach allen Seiten umherspähend schiebt man sich näher an die Stellungen heran. Dort liegt noch das Feuer unserer eigenen Artilleie; jedoch müssen
sie in unseren Besitz gebracht werden, um weiter vordringen zu können. Auf den Flügeln stoßen umfassend die erste und dritte Gruppe vor. In der Mitte liegen die zweite
und vierte Gruppe und übernehmen vorerst den Feuerschutz. Sie halten den Gegner nieder bis die anderen Gruppen eingebrochen sind, dann rücken alle selbst nach. Unter
dem,Schutz des eigenen Feuers beginnt das Durcnschneiden der Drahtverhaue. Es vollzieht sich alles so gut und planmäßig, wie es an so vielen Vormittagen in der Eifel
geübt worden ist. Jeder Mann kennt seine Aufgabe. Unsere Artillerie trommelt immer stärker auf das Fort und das umliegende Gelände. Ein weiteres Vorangehen wird deshalb
unmöglich. Die Angriffsgrundlagen der Kompanie sind auf Grund unserer gewaltsamen Erkundung geschaffen. Nun heißt es zurückgehen. Sprungweise, von Trichter zu Trichter
springend, erreicht der Zug den unteren Teil des Hanges.
14.5.1940 Bericht 6./I.R.471:
Der Schlaf war eine Wohltat und auch redlich verdient. Denn schon am kommenden Morgen steht diesmal die gesamte Kompanie zur gewaltsamen Erkundung bereit. Bis unmittelbar
an das Fort soll sie jetzt getragen werden. Und sollte es nicht vielleicht möglich sein, das Fort selbst in unsere Hand zu bringen? Das wäre doch etwas! Genau wie am
Abend vorher arbeiten sich die Gruppen wieder empor, die Gruppenführer ständig das Glas an den Augen und alle Gefahrenpunkte beobachtend. Aber ohne daß ein Schuß fällt,
kommen wir vor die Feldstellungen, durchschneiden wiederum die teilweise doppelt angelegten Drahtverhaue und gehdn gegen die ersten Stellungen vor. Doch wo ist der Gegner?
Feldkessel mit frischer warmer Suppe stehen überall umher. Warum verteidigt sich der Belgier hier nicht? Er tut es beim zweiten und dritten Zug. Beide müssen sich erst
durch die Stellungen durchkämpfen und müssen den Gegner zurückwerfen. Aber nichts vermag die Kompanie, die von frischem Angriffsgeist beseelt ist, aufzuhalten.
Im raschen Vordringen im Bois de la Rochette bringen wir die vorderen Feldsellunsen schnell hinter uns. Die Stoßtrupps gehen weiter vor. Alles ist voll fieberhaft
gespannter Erwartung, denn in jedem Augenblick kann von irgendwoher aus einem Busch heraus, hinter einem Baum her, ein Schuß fallen, oder wir können auf Minen treten.
Aber der Gegner rührt sich nicht. Der belgische Infanterist ist wie vom Erdboden verschwunden. Dafür aber setzt Artilleriefeuer ein. Granate um Granate schlägt ein.
Auf engstem Raum konzentrieren sich in ununterbrochener Folge die Einschläge. Durch die Bäume zischen die Splitter. Auch die schweren Granatwerfer des Forts selbst sind
in Aktion getreten. Aber nichts vermag das zügige Vorwärtsdrängen der eingesetzten drei Stoßtrupps und Züge aufzuhalten, höchstens ein wenig zu verzögern. Ja, der Angriff
gegen das Fort wird zum Teil so schnell vorgetragen, daß in dem unübersichtlichen Waldgelände und hohen Gestrüpp der Zusammenhalt zwischen den einzelnen Gruppen abreißt.
Inzwischen sind auch schon die ersten Verluste eingetreten. Ein Unteroffizier ist am Kinn verwundet; er wird verbunden, dann reiht er sich wieder in die vordersten Teile
der Kompanie ein. Wo der Wald und das Buschholz zuende gehen, sind wieder Stellungen aufgeworfen. Aber auch in diesen sitzt kein Mann. Warum nur hat sich der Gegner die
Mühe gemacht, sie auszuheben, wenn er sie nicht besetzt? Unverständlich! Aber dort, wo der letzte Busch steht, da beginnt das offene und ungedeckte Plateaustück, das die
Spähtruppführer schon bei ihren Erkundungen als das gefährlichste Gelände für die Annäherung erkannt hatten. Es wird von den MG. und Schützen beherrscht, die im Fort
hinter meterdicken Beton- und Panzerwänden liegen und uns in aller Ruhe befunken können. Also heißt es jetzt, seitwärts umfassend angreifen, soll uns überhaupt ein
Erfolg beschieden sein. Der Stoßtrupp des ersten Zuges springt über die Straße und verschwindet hinter dem Hang. über die Friedhofmauer hinweg, hindurch durch den Friedhof,
auf dem die Gefallenen des Forts von 1914 ruhen. So nähern wir uns dem Ziel. Und nun prallen die einzelnen Stoßtrupps gegen das Fort, um das sich rings ein mehrere Meter
breiter Stacheldrahtgürtel zieht. Da überrascht uns Gewehr- und MG.-Feuer im Rücken; es kommt vom gegenüberliegenden Hang, an dem ein Kloster gelegen ist. Aber unbekümmert
arbeiten sich die Männer des Stosstrupps mit MG., Pistole und Handgranate an das Drahtverhau heran. Sie schleppen und ziehen ihre schweren Sandsäcke hinter sich her, die
sie kurz zuvor erst gefüllt haben. Es gilt nun die Scharten, die feindlichen MGs, niederzuhalten, ihre Waffen zum Schweigen zu bringen. Unsere Feuerstöße prasseln gegen
die Scharten. Sie sitzen gut! Aber auch der Gegner, der ja soviel sicherer sitzt, erwidert das Feuer. Deutlich unterscheidet sich das langsame Tacken seiner von dem rasenden
Feuer unserer eigenen. Dazwischen krachen die Handgranaten und geballten Ladungen, überschütten uns die schweren Granatwerfer des Forts mit ihrem Spittersegen, dann heulen
die Granaten des Nachbarforts heran, immer dichter und dichter schiebt sich die Feuerwalze an unsere Truppe heran. Nun liegt sie auf ihnen. Aber unsere Stoßtrupps lassen
nicht locker.
Vom Forteingang her tackt das feindliche MG, sobald sich nur ein deutscher Stahlhelm etwas hebt. Könnten wir doch hier nur heran, ihn aufbrechen und uns den Eintritt
erzwingen. Man liegt da und kommt nicht voran. Auf die senkrecht in der Erde steckenden Eisenbahnschienen vor dem Haupteingang schlagen die Gewehr-und MG-Kugeln auf und
pfeifen als Querschläger weiter. Man liegt da und kann den Eingang sehen, über dem der belgische Löwe angebracht ist sowie der Name der Kampfanlage: "Fort Chaudfontaine".
Die Kompanie krallt sich vor dem Fort fest, hier liegt sie vor den zusammengehäuften Massen von Zement und Stahl. Aber die Männer lassen immer noch nicht locker!
Die Nachbarforts Embourg und Fleron setzen Schuß auf Schuß in den Angreifer, immer toller wird der Feuerzauber, immer mehr gehen die eigenen Kampfmittel zur Neige.
Schutzlos liegen wir im Feuer der 15 cm Granaten. Zwar ist es gelungen, die Masse der Scharten in zähem und verbissenem Ringen zum Schweigen zu bringen. Aber was hilft
hier schließlich gegen Beton und Panzer der Beschuß durch Pistole, MP, Gewehr und MG? Was nützt die Handgranate? Und gar erst das Bajonett? Zwar erleidet der Feind,
so erzählten uns später nach der Übergabe die belgischen Offiziere - seine Verluste einzig und allein durch die Einwirkung der Infanteriewaffen!
Die eingehende Schiessausbildung trägt hier ihre Früchte! Aber um uns Infanteristen den Weg durch Stahl und Beton zu bahnen, dazu gehören andere Mittel als die unsrigen.
Die Tatsache erkennt der Kompanieführer und so befiehlt er, daß sich die Kompanie vom Fort löst. Wer von uns allen hatte wohl bemerkt, daß der Uhrzeiger inzwischen schon
auf 10.35 Uhr vorgerückt war? 1 1/2 Stunden also hat die Kompanie sich in zähem, verbissenem Ringen unter stärkster Feindeinwirkung am Fort geschlagen. Wenn auch schweren
Herzens, so muß dennoch der Rückzug angetreten werden. Ordnungsgemäß setzen sich die Trupps vom Fort ab. Nichts darf liegenbleiben. Selbst bei den Verwundeten nicht.
Für sie tragen andere Kameraden Waffen und Gerät. Noch muß die Kompanie das starke Feuer durchlaufen, das ihr bei dem Rückzug folgt. Oft liegen alle für eine Weile hart
am Boden gepresst, um in der nächsten kurzen Feuerpause einen Sprung zu machen. Ein Teil der Kompanie zieht sich auf der Höhe durch den Bois de la Rochette zurück, ein
anderer am Hang entlang und ein dritter schließlich, als letzter zurückgehender, wird durch das starke Artilleriefeuer gezwungen, die tiefer gelegenen Teile des Tales
aufzusuchen. Der schützende Waldrand wird erreicht.
Wir steigen nach Chaudfontaine hinab. Hier sammelt sich die Kompanie und bezieht wieder ihren alten Bereitstellungsraum. Alle Männer finden sich in ihren Gruppen wieüer
ein, die Verwundeten finden eine erste Betreuung durch den Arzt. Alle sind sie zurück - bis auf einen Kameraden.
 
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