| Kriegstagebuch Januar 1944 | |
| 7.1.1944 | KTB 9.Armee. Das Bevorstehen des Feindangriffs am äußersten Südflügel der Armee wird durch s.Qu.=Nachrichten bestätigt (s.Ic=Zwischenmeldung). In den Mittagstunden greift der Gegner auch beiderseits der Armeenaht erstmalig etwa in Btl.Stärke an. Die im Abschnitt der 134.I.D. hart nördlich der Armeegrenze vorgehende Feindkompanie wird schon vor Erreichen des Upa=Abschnittes durch Art.-Feuer zerschlagen, beim rechten Nachbar allerdings gelingt dem Gegner ein örtlicher Einbruch. Zur Abriegelung setzt die 134.I.D. eine Pi.Kp. an der Armeenaht ein. — Vor der Front der 253.I.D. hat der Gegner einen Teil seines Drahthindernisses südwestl. Schazilki beseitigt. Man wird weiterhin mit feindlichen Angriffen auf beiden Flügeln des Korps rechnen müssen; der heutige Angriff düfte lediglich als Aufklärungsvorstoß zu werten sein. Zur Aufbesserung der Gefechtsstärken — man kann angesichts der Tatsache, daß auf 100 m Grabenlänge kaum noch 4 Mann Infanterie in der HKL stehen, eigentlich nur noch von einer Sicherung des Verteidigungsabschnittes der Armee sprechen - hat das AOK die Heeresgruppe nochmals um Rückführung der noch bei der 4.Armee befindlichen Restteile der 9.Armee gebeten (s.Anl. V 1). |
| 21.1.1944 | KTB 9.Armee. Die Divisionen des LVI. und XXXXI.Pz.K. stehen auch heute wieder in schweren, wechselvollem Abwehrkampf gegen den hartnäckig weiter angreifenden Feind. Am äußersten rechten Armeeflügel geht am Vormittag Dubnjaki verloren, kann jedoch im Gegenangriff mit Unterstützung von Sturmgeschützen wiedergenommen werden, wobei der Feind schwere Verluste erleidet. Die erstrebte Wiedergewinnung des Anschlusses zur 2.Armee ostw. des Tremlja=Sumpfes allerdings gelingt nicht. Nördlich Osaritschi sind schwere Kämpfe um Lessez und Ssolowejka im Gange. Der Feind, der sich nach mehreren vergeblichen Angriffen in den Besitz beider Orte hat setzen können, wird in verlustreichen Häuserkämpfen wieder auf die alte HKL zurückgeworfen. Am Abend geht Ssoloweika erneut verloren. Die Nachtruppen, die noch in der bisherigen HKL der 134.I.D. an der Upa stehengeblieben sind, werden von überlegenem Feind durchbrochen und auf die Linie Sabolotje - Mechowtschina - Salje zurückgeworfen. Auch die Front der 36.I.D., die durch Abziehung von Kräften zur Abriegelung der Einbruchsstelle Welikij Bor stark überdehnt ist, wird vom Gegner an mehreren Stellen durchstoßen. In einzelnen Widerstandsgruppen zersprengt, erleidet die Division erhebliche Verluste. Erst südlich der Straße Welikij Bor - Tschirkowitschi kann der Feind unter Heranziehung dort eingesetzter Baukräfte wieder zum Stehen gebracht und eine neue Abwehrfront gebildet werden. Die Absichten des Feindes in diesem Raum scheinen, nach dem Schwerpunkt der heutigen Angriffe zu urteilen, nun doch in erster Linie auf die Gewinnung der Straße Tschirkowitschi - Paritschi gerichtet zu sein, was den Oberbefehlshaber dazu veranlaßt, die sofortige Bildung eines Abwehrschwerpunktes auf dem rechten Flügel der 253.I.D. zu befehlen, um ein Abgeschnittenwerden der im Brückenkopf Schazilki stehenden Teile der Division zu vermeiden. Daß dies nicht ohne Schwächung der Abwehrkraft des Brückenkopfes geschehen kann, ist bei den vorhandenen geringen Kräften unvermeidlich, zwingt aber andererseits dazu, die Möglichkeit eines Eindrückens des Brückenkopfes schon jetzt ins Auge zu fassen (s. dazu Anl. IV 1). In einer Besprechung, die am Vormittag beim Armeechef stattfindet, wird die Anlage des Bandenunternehmens südlich Bobruisk im einzelnen festgelegt (s. dazu den Befehl Anl. IV.2). Am 23.1. soll, in Erweiterung eines vom LVI.Pz.K. durchgeführten Unternehmens, mit dem Freikämpfen des Versorgungsweges für das LVI.Pz.K. über Karpilowka - Ratmirowitschi nach Glusk begonnen werden. Der Kampfauftrag geht dahin, das Bandenzentrum um Karpilowka zunächst von Norden im Zuge der Eisenbahn und von Osten her anzugreifen, um die Banden nach Westen über den Ptitsch zurückzuwerfen. Der Versuch einer Einschließung und Vernichtung der Banden soll unterlassen, nach Säuberung des Gebietes um Karpilowka vielmehr unverzüglich zum Freikämpfen eines Weges nach Nordwesten auf Glusk und nach Südosten auf Kurin und Grabje abgetreten werden (Einzelheiten s.d.Anl.). |
| 22.1.1944 | KTB 9.Armee. Die schweren Kämpfe, die seit dem 16.1. auf dem Südflügel der Armee entbrannt sind, stehen, wie jetzt, allmählich immer klarer hervortritt, unter dem Zeichen eines neuen sowjetischen Großangriffsverfahrens. Der Feind berennt nicht, wie er еs sonst vielfach tut, auf breiter Front die deutschen Stellungen, sondern greift unter scharfer Bildung örtlicher Schwerpunkte einzelne Stellen der HKL mit starken Kräften an und versucht, wenn ihm der Durchbrach gelingt, in sofortigen Eindrehen die Front aufzurollen. Gelingt ihm der Durchbruch nicht, so pflegt er nach verhältnismäßig rascher Verlagerung seiner Schwerpunkte an anderer Stelle erneut anzugreifen. Es ist dies eine taktisch außerordentlich geschickte Angriffsart, die аn den Verteidiger führungsmäßig größte Anforderungen stellt; sie verlangt eine in höchstem Maße wendige Anpassung an die Kampfweise des Gegners durch vorausschauende und schnelle Bildung von Abwehr Schwerpunkten in den jeweils bedrohten Abschnitten. Von der Truppe fordert sie - gerade hier, in dem fast -überall unübersichtlichen und für den Artillerieeinsatz besonders ungünstigen Gelände - äußerste Anstrengungen und Leistungen. Die. Tatsache, daß es bisher gelang, die fast immer mit erheblicher Überlegenheit geführten Angriffe nach kurzer Zeit wieder zum Stehen zu bringen und die Front geschlossen zu halten, ferner, daß im ganzen gesehen - doch nur ein im Verhältnis zum Kräfteeinsatz des Feindes geringfügiger Geländestreifen verloren wurde, stellt Führung und Truppe ein hervorragendes Zeugnis aus. Am heutigen Tag steht die Front südlich der Beresina wiederum in äußerster Anspannung, Um den heftigen feindlichen Angriffen sandzuhalten. Abgesehen von zwei örtlichen Einbrüchen bei Dubnjaki und bei Sakletnoje (4.Pz.Div. bzw. 253.I.D.), um die am Abend noch gekämpft wird, bleibt die HKL überall in eigener Hand (Näheres s.Anl. II und III). Besonders schwer sind die Kämpfe beim XXXXI.Pz.K. (36. und 253.I.D.). Der Oberbefehlshaber hat deshalb befohlen, eine Rgt.Gruppe der an sich zum Einsatz am Korpsflügel des LVI.Pz.K. bestimmten 110.I.D., vorläufig am linken Flügel des XXXXI.Pz.K. in der 2.Stellung einzusetzen, um zu verhindern, daß der Feind bei einem plötzlichen Einbruch diese eher als die eigene Truppe erreicht, denn er hofft, falls die Front noch weiter zurückgeworfen werden sollte, die stark abgekämpften Verbände wenigstens für einige Tage in dieser Stellung sich setzen zu lassen. Der Verbleib des I.Gde.Pz.K., mit dessen Auftreten ja nun schon seit Tagen gerechnet wird, ist nach wie vor zweifelhaft; das Vorhandensein einzelner Panzer in verschiedenen Frontabschnitten gibt noch kein endgültiges Bild. Das AOK hält jedoch sein Auftauchen im Abschnitt des LVI.Pz.K. für besonders wahrscheinlich. Es wird deshalb befohlen, die erste soeben fertig aufgestellte - Kompanie des Armee=Pz.=Zerstörer=Btl. dem LVI.Pz.K. zuzuführen. Die Kp. ist mit der neuen R=Panzerabwehrwaffe, dem sog. "Ofenrohr" ausgestattetj die hier erstmalig im Armeebereich zum Einsatz kommen soll (s.Anl. IV 1). |
| 24.1.1944 | KTB 9.Armee. Mit weit überlegenen Kräften, unterstützt durch seine Luftwaffe, greift der Gegner auch heute wieder mit Schwerpunkt beim XXXXI.Pz.K, an. Die nun schon über acht Tage andauernden schweren Kämpfe, verschärft durch das Fehlen ausreichend ausgebauter Stellungen, die Auswirkungen der Witterung und den Aufenthalt im Sumpfgelände heben die Abwehrkraft der Truppe bedenklich absinken lassen. Dank seiner Überlegenheit kann der Feind mehrere Einbrüche in die Front der 134., 36. und 253.I.D. erzielen, deren Bereinigung trotz sofort geführter Gegenstöße in der Mehrzahl der Fälle nicht gelingt. Der Zusammenhang der HKL geht an zahlreichen Stellen ganz verloren, zuweilen können sich isolierte Teile nur durch Ausweichen nach Norden bzw. Nordwesten der drohenden Einschließung entziehen. Der Oberbefehlshaber, der sich beim XXXXI.Pz.K. befindet, hält auf Grund dieser Lage die Zurücknahme in die ausgebaute 2.Stellung (bei 253.I.D.) in die Riegelstellung bei Tschirkowitschi) nunmehr für unbedingt erforderlich. Er erbittet infolgedessen vom Feldmarschall die grundsätzliche Genehmigung zum Absetzen, weist darauf hin, daß nur so ein geordnetes Beziehen dieser Stellung und eine zureichende Anbringung von Hindernissen und Minensperren gegen den nachdrängenden Feind gewährleistet sei und betont, die Genehmigung nur insoweit ausnutzen zu wollen, als der feindliche Druck dazu zwinge (OB/Chef H.Gr., 12.15Uhr). Der Feldmarschall ist einverstanden, allerdings nur unter der Bedingung, daß der Brückenkopf Schazilki weiterhin gehalten werde (Chef H.Gr./OB, 12.45 Uhr), da durch eine Zurücknahme der dortigen HKL auf den Riegel bei Tschirkowitschi eine neue Front am Norrdufer der Beresina entstehe, die, angesichts der Unmöglichkeit, sie mit ausreichenden Kräften zu besetzen, die Gefahr dort mit Sicherheit zu erwartender erneuter Feindangriffe und =einbrüche heraufbeschwöre (s. auch Anl. V 2). Der Oberbefehlshaber verweist demgegenüber darauf, daß bei Belassung des Brückenkopfes die darin stehenden Teile mit größter Wahrscheinlichkeit bald abgeschnitten werden würden und angesichts der aufgetauten Beresina keine Aussicht hätten, notfalls, bei überlegenem Feindangriff, auf das Nordufer des Flusses auszuweichen. Mit einem Angriff des Gegners über den Fluß sei zum mindesten solange nicht zu rechnen, als dieser nicht wieder zugefroren sei, bis dahin aber werde das Nordufer ausreichend gesichert sein. Unter dem Eindruck neuer Angriffe gegen den linken Flügel der 253.I.D., die wieder zu tiefen Einbrüchen führen, gibt der Feldmarschall daraufhin sein Einverständnis zur Räumung auch des Brückenkopfes (FM/OB, 14.40 Uhr). Dem XXXXI.Pz.K. wird befohlen, in der kommenden Nacht seine Front in die 2.Stellung bzw. den Tschirkowitschi=Riegel zurückzunehmen. Um Kobylschtschina und Sarotschje sollen brückenkopfertige Stellungen gehalten werden, im übrigen durch Nachtruppen und Sperrarbeiten das Folgen des Gegners möglichst länge verzögert werden, um noch weitere Zeit für den Stellungsbau zu gewinnen. Das XXXV.A.K. erhält Befehl, seinen Südflügel längs der Beresina bis zur Fährstelle nordostw. Tschirkowitschi zu verlängern und Vorbereitungen für eine weitere Verlängerung bis nördl. Studitschi, dem Anschlußpunkt zur eigentlichen 2.Stellung des XXXXI.Pz.K., zu treffen. Die Besetzung des Beresina=Nordufers muß zunächst mit alarmmäßig aufgestellten Einheiten durchgeführt werden, zum 26.1. ist die Rückführung des Div.Füs.Btl.45 vorgesehen, das dann den Abschnitt endgültig übernehmen soll. Beim LVI.Pz.K. hat die Kampftatigkeit nachgelassen. Lediglich auf den linken Korpsflügel greifen die Angriffe über; dort geht Ssemenowitschi vorübergehend verloren. Der eigene Gegenangriff, durch den der Feind wieder geworfen werden kann, kostet den Gegner außerordentlich hohe Verluste. Im rückwärtigen Gebiet des LVI.Pz.K. nimmt das Bandenunternehmen gegen verhältnismäßig geringen Feindwiderstand seinen planmäßigen Fortgang (Einzelheiten s. Morgenmeldung v. 25.1.44). |
| 25.1.1944 | KTB 9.Armee. Dem XXXXI.Pz.K. ist der Aufbau einer neuen Verteidigungsfront in der 2.Stellung gelungen. Der Feind, der die Nachtruppen der 134.I.D. an mehreren Stellen angreift, wird abgewiesen, die Brückenköpfe Kobylschtschina und Saretschje können, gehalten werden. Vor der Front der 36. und 253.I.D. schließt der Gegner mit starken Kräften auf, wobei er durch zahlreiche Verminungen und Sperren aufgehalten wird. Eigene Luftwaffe bekämpft feindliche Ansammlungen und Bereitstellungen (s. dazu Anl. II u. III). Auch beim LVI.Pz.K. ist die Kampftätigkeit heute wieder nur gering. Der Feind benutzt die Zeit zu umfangreichen Umgruppierungen. Westlich der Wischa hat er sich durch Zusammenziehung von 7 besonders kampfkräftigen Schtz.Div., die anscheinend durch Heranführen von Verbänden aus dem Raum Osaritschi noch verstärkt werden, eine Kräftegruppe von erheblicher Stoßkraft geschaffen, offensichtlich mit der Absicht eines Durchbruchs über die Tremlja. Auch das I.Gde.Pz.K. scheint er hier herangezogen zu haben. Man muß deshalb in diesen Abschnitt mit einem baldigen Wiederaufleben heftiger Kämpfe rechnen. Auf bauend auf den Erfahrungen des bisherigen Kampfverlaufs und in der Erwartung, daß der Feind seine Durchbruchsversuche südlich der Beresina weiter fortsetzen wird, läßt der Oberbefehlshaber an die beteiligten Korps eine grundsätzliche Kampfanweisung ergehen (Anl. IV l). Davon ausgehend, daß der Feind seine Erfolge in erster Linie der in dem größtenteils unübersichtlichen Waldgelände besonders unangenehm fühlbaren zahlenmäßigen Schwäche der eigenen Infanterie verdankt, wird befohlen, durch vermehrten Einsatz schwerer Waffen in Geländeabschnitten mit guter Beobachtungsmöglichkeit dort infanteristische Kräfte einzusparen und und diese dann zur Verdichtung der Front in unübersichtlichen Abschnitten einzusetzen. Um dem neuen feindlichen Angriffsverfahren, der plötzlichen und überraschenden Bildung örtlicher Angriffsschwerpunkte, wirksam entgegentreten zu können (was vor allem dann Erfolg verspricht, wenn Gegenstöße sofort geführt werden und nicht erst dann, wenn schon größere Einbrüche erzielt sind), wird die Zurückhaltung zahlreicher kleiner Stoßgruppen befohlen, denen die Aufgabe zufällt, die feindlichen Angriffsspitzen im Gegenstoß solange aufzuhaltcn, bis stärkere Reserven zur Stelle sind - hierzu soll je Schwerpunktabschnitt ein durch Sturmgeschütze verstärktes Btl. bereitgehalten werden. Endlich wird angeordnet, unter Einsatz aller Mittel den Ausbau von Riegel- und rückwärtiger Stellungen so zu fördern, daß in Falle eines Feindeinbruchss mindestens eine als Auffanglinie geeignete Stellung als Rückhalt für den Neuaufbau der Verteidigung vorhanden ist. Das geschieht in der klaren, Einsicht, daß es in dem gegenwärtigen Kampf darauf ankommt, unter allen Umständen einen feindlichen Durchbruch zu verhindern und gleichzeitig die größtmögliche Abnützung der gegnerischen Kräfte zu erreichen. Wenn in Anbetracht der eigenen zahlenmäßigen Unterlegenheit bei dieser dieser Art der Kampfführung einzelne Geländestreifen verloren gehen, so muß dies - wenn auch ungern - in Kauf genommen werden. Zu diesem Zweck soll, hinter der derzeitigen HKL ein dichtes Netz neuer Stellungen entstehen (srAnl. I op. und IV 1 v. 27.1.44). Dem XXXV.A.K. wird aufgegeben, seine neu entstandene Beresina= Flanke durch Einsatz von Alarmeinheiten zu verstärken und dafür Sorge zu tragen, daß auch artilleristisch die sofortige Bekämpfung übergesetzter Feindteile sichergestellt ist - auch hier kommt es entscheidend darauf an, jeden gegnerischen Vorstoß schon im Keime zu ersticken. Als Führungsstab für diesen Abschnitt hat das AOK dss Div.Kdo. 707.I.D. zur Verfügung gestellt. |
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