68.Infanteriedivision
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Kriegstagebuch Mai 1940
16.5.1940 Der Kampf der 3.Kompanie Inf.Regt.196 an der Maas in und um Inor am 16. und 17.Mai.
Nach heißen Marschtagen, die uns als Reserve durch Luxemburg, Belgien bis nach Frankreich hinein führten, erreichen wir
am 16.Mai frühmorgens die Gegend nördlich von Vaux, südostwärts Sedan. Noch ist unser Wunsch, in den Kampf zu kommen,
nicht in Erfüllung gegangen.

Nun ist es soweit. Das I.Bataillon erhält im Rahmen des Regiments den Befehl, am 16.5. früh über Moulins - St.Hubert -
Inor vorzustoßen und als Endziel über Martincourt hinaus eine Verteidigungsstellung auszubauen.
Das Bataillon tritt um 4 Uhr an, die 3.Kompanie als Spitzenkompanie, an. Das Dorf Vaux wird ohne Feindberührung schnell
durchschritten. Hinter Vaux geht es leicht bergan. Am Abhang ist links und reehts der Straße eine eilig geräumte Feldstellung
der Franzosen, sonst ist vom Gegner nichts zu bemeken. Links von uns ist Wald. Das Gelände fällt bis Moulins langsam wieder ab.
Kurz vor Moulin überholt uns ein Pakgeschütz; wir erfahren, daß vor uns noch die Aufklärungs-Abteilung der Division sich befindet,

und sind enttäuscht und fürchten, daß wir wieder hinter den Franzosen herlaufen können. Es soll jedoch anders kommen. Als die
Spitze 200 m von Moulins - St.Hubert entfernt ist, da heult es heran und wiederholt bersten Granaten im Dorf auf der Straße.
Braune Qualmwolken steigen hoch. Das Feuer wird stärker, die Franzosen scheinen die Absicht zu haben, die Dorfstraße für den
weiteren Vormarsch abzuriegeln. Kurze Feuerpause, dann geht es wieder los. Der Kompaniechef gibt der Spitze den Befehl zur Umgehung
des Dorfes. Die Feuerpausen des Gegners geben jedoch die Möglichkeit, die Fahrzeuge ohne Verluste durch das Dorf zu führen, und so
folgt auch das Gros durch den Ort.

Das Gelände steigt langsam wieder an. Auf der Höhe sehen wir unten vor uns das Tal der Maas, in dem das Dorf Inor liegt.
Nun sind wir von den Höhen hinter Inor, die vom Feind besetzt sind, einzusehen und erhalten von dort Artilleriefeuer. Das Feuer
wird immer heftiger. Die Kompaniespitze, bei ihr der Kompanie=Chef, geht mit Abständen im Straßengraben sprungweise gegen Inor
vor. Immer den Einschlag der Granaten abwartend, und dann schnell vorwärts - 5 bis 10 m. Es werden noch viele Sprünge werden, bis
wir die letzten 500 m, die uns noch von dem Dorfrand trennen, zurückgelegt haben. Im weiteren Vorgehen bekommen wir auch
Maschinengewehrfeuer von den bewaldeten Höhen östwärts der Straße.
Endlich hat die Spitze das Dorf Inor erreicht. Hier wird unerwarteter Weise ein Bataillon eines anderen Infanterie-Regiments festgestellt,
das den Nordausgang des Dorfes, also den diesseitigen Rand des Dorfes, besetzt hat und die 3.Kompanie für ihre Ablösung hält. Der
Kompaniechef entschließt sich, mit der Kompanie durch Inor durchzustoßen, hart südostwärts Inor zunächst eine Einbruchsstelle in Igelform
einzurichten und den Anschluß an das Bataillon abzuwarten, sowie die Verbindung mit der Aufklärungs-Abteilung aufzunehmen, die mit ihrem
Voraustrupp seit zwei Tagen die rechte Hälfte des Dorfes gegen ständige Angriffe verteidigt, und durch ihr tapferes Verhalten verhindert
hat, daß die noch unzerstörte Brücke über die Maas in die Hände des Feindes fällt.
Die 3.Kompanie schiebt sich nun zugweise durch die Gärten in ihre Stellung, alle drei Züge in vorderer Linie, der, linke Flügel kommt mit
den vordersten Teilen in einen Steinbruch, 200 m gegenüber den Infanteriestellungen der Franzosen. Die Verbindung mit der Aufklärungs-Abteilung
wird aufgenommen; vom Bataillon trifft der Befehl ein, nicht über Inor hinauszugehen, da die l.und 2.Kompanie auf starken Feind in den Wäldern
ostwärts der Marschstraße gestoßen seien und vorläufig nicht vorwärts kämen.
Die Teile der A.A. werden der 3.Kompanie unterstellt. Die Lage ist also so, daß wir sowohl mit unserem linken Flügel als auch mit dem
rechten Flügel der Aufklärungs-Abteilung in der Luft hängen. Eine Verbindung mit dem Bataillon ist nicht zu erreichen. Die starke
feindliche Artillerieeinwirkung auf Inor, die einem Trommelfeuer gleicht, und das MG-Feuer von allen Seiten verhindert die Aufnahme
der Verbindung mit dem Bataillon. Die Kompanie ist also völlig auf sich allein gestellt. Auch fehlt der Kompanie Unterstützung
der Artillerie. Dagegen fängt der Feind um 10° Uhr an mit allen Kalibern auf uns zu trommeln. Wir wollen uns alle am liebsten
mit den Hähden in die Erde eingraben. So geht das fast eine Stunde, eine Stunde, die uns so lang erscheint, als wollte sie überhaupt
nicht mehr aufhören. Die Ursache dieses Trommelfeuers mag darauf zurückzuführen sein, daß die Reste des erwähnten Bataillons, vom Feinde
eingesehen, aus Inor zurückgegangen sind, und die Franzosen den Zeitpunkt für gekommen halten, Inor zurückzunehmen.
So gehen sie jetzt gegen die Mitte der Kompanie vor, als wollten sie einen Spaziergang machen. Unsere Maschinengewehre belehren
sie eines anderen. Unter starken Verlusten machen sie kehrt. Einige ziehen es vor, sich zu ergeben-und überzulaufen. Auch auf
dem rechten Flügel scheitert. der feindliche Angriff in unserem MG-feuer.
Nach diesem Kampf beruhigt sich die Lage ein wenig, das Artilleriefeuer schweigt und mur noch einzelne Gewehr- und M.G.Schüsse zischen
durch die Luft. Nach den Aussagen der Gefangenen sollen sich etwa 3 Infanterie- und 2 Artillerie-Regimenter auf den Höhen um Inor befinden.
Nun wird uns auch das sich immer steigernde Feuer vom Waldrand vor uns auf der Höhe klar. Die 1.und 2.Kompanie kämpfen am Nachmittag immer
noch weit zurück, sodaß unsere linke Flanke weiterhin offenbleibt. Der Franzose erkennt allmählich unsere Lage und fühlt gegen den linken
Flügel vor, um die Kompanie zu umfassen. Es gelingt ihm nicht. Vom Steinbruch aus erhält er ein derartiges Feuer, daß er seine Absicht
vorläufig aufgibt.
Gegen Abend aber setzt ein starker Angriff ein. Wenn wir am Vormittag gedacht haben, die Hölle ist los, so werden wir jetzt eines anderen
belehrt. Stellungsteil auf Stellungsteil nimmt sich die feindliche Artillerie vor. Ein Bersten und Krachen erfüllt die Luft, wir kratzen
uns mit den Fingern noch mehr in die Erde, denn dicht um uns herum liegen die Einschläge, die Splitter surren mit einem Pfeifkonzert über
uns weg. Ganz teuflisch pfeifen sie, als hätten sie uns allen Tod und Vernichtung geschworen.
Von den Häusern herüber fliegen uns die Ziegelsteine ins Kreuz. Wo bleibt unsere Artillerie? Nochmals fordern wir Artillerie-Unterstützung
an. Das Bataillon hört uns nicht. Der Funk funktioniert nicht, wir haben keine Verbindung. In Inor und in den Gärten um Inor ist die Hölle
los. Wir warten weiter auf unsere Artillerie. Nichts - nichts geschieht. Als das feindliche Artilleriefeuer etwas nachläßt, bekommen wir
von drei Seiten MG-Feuer.
Die einzige freie Seite ist hinter uns das Dorf. Und auch von da kommen noch einzelne Gewehrschüsse aus den Bäumen im Friedhof.
Der Druck des Feindes wird immer stärker. Unsere MG-Schützen weisen ihn immer wieder zurück. Langsam bricht die Nacht an.
Unsere Munition wird immer knapper. Am rechten Flügel sind einige Franzosen bis an das letzte Haus am Dorfausgang herangekommen. Ein
Pak-Geschütz der A.A. geht in Stellung und versucht, das Haus in Brand zu schießen, in dem der Feind sich festgesetzt hat.
Das Artilleriefeuer wird immer heftiger. Noch immer hoffen wir, daß links die 1.Kompanie doch noch vor kommt, noch hoffen wir auf
unsere Artillerie. In einem Laufgraben vor der Mitte kommen die Franzosen bis auf 10 m heran. Mit der letzten MG-Munition und mit
Handgranaten werden sie wieder hinausgeworfen. Ein Granatwerfer bekommt einen Volltreffer. Auch der linke Flügel hält die immer
wieder vordrängenden Franzosen zurück, denn auch dort hofft noch alles auf den Anschluß der 1.Kompanie. In der Mitte fällt ein
s.M.G. aus, es bekommt einen Volltreffer durch Granatwerfer. Inzwischen ist es stockfinster geworden.
Nur beim Kompanie-Gefechtsstand ist es hell. 100 m rechts davon ist ein Haus in Brand geschossen. Die Gegend ist hell erleuchtet,
wenn das Haus stückweise weiter zusammenbricht. Es werden mehrere Leute der Kompanie verwundet. Das Bersten und Krachen der
feindlichen Granaten füllt die Nacht. Oben beim Steinbruch haut es rein, auch in der Mitte und rechts ist es kaum auszuhalten.
Der Feind greift an! und unsere Munition ist bald verschossen.
Das Artilleriefeuer läßt etwas nach. Gleichzeitig fangen rings um uns französische M.G. an zu hämmern, von allen Seiten
prasseln die MG-Garben in die Gärten. Nur noch ab und zu bellen dazwischen unsere 1.MG.
Einzelne Gruppen melden, Munition verschossen, MG ausgefallen. Trotzdem bleibt alles auf seinem Platz liegen.
Da entschließt sich der Kompaniechef, hinter Inor auf der Höhe eine Stellung zu beziehen in der Hoffnung, dort Verbindung
mit dem Bataillon herstellen zu können. Das Artilleriefeuer wird wieder stärker. Die Melder springen mit dem Befehl ohne Rücksicht
auf die einschlagenden Granaten in die Nacht. Zuerst kommen die Schützen der schweren Maschinengewehre durch die Gärten zurück.
Unsere restlichen 1.MG nehmen noch einmal das Feuer auf. Dann gehen auch sie zurück, gedeckt von Gewehrschützen, die den
nachdrängenden Feind in Schach halten. Der Kompaniechef wartet mit dem Kompanie-Trupp im Garten hinter dem Kompanie-Gefechtsstand,
bis die Kompanie vorbei ist, die planmäßig am Dorfeingang Inor sammelt.
Es fehlt noch ein Melder. Er liegt verwundet am Kompanie-Gefechtsstand, selbstverständlich wird er nicht im Stich gelassen.
Kameraden schleppen ihn ohne Rücksicht auf die einschlagenden Artilleriegeschosse durch die Ruinen von Inor.
Ganz allein, weit vorgeschoben, hat die 3.Kompanie gegen einen zahlenmäßig weit stärkeren Gegner gekämpft, fast bis zum letzten
Schuß ihrer Munition.
   
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