Armeeoberkommando 6
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Befehle etc.. November 1942
H.Gr.Don, Ia Nr.0341/42 Gkdos Chefs.erhalten am 28.11.42
an OKH Chef des Generalstabes des Heeres.

Beurteilung der Lage.
1.) Feindlage
    a) Die Masse der gegnerischen Kräfte insgesamt 97 grosse Verbände (50 Schtz.Div., 12 Schtz.Brig., 25 Pz.Brig., 6 mot Brig., 1 Pak-Brig.) hat sich gegen die 6. Armee
       gewandt und steht im Ring um diese mit 3/4 der Verbände in Front, 1/4 in Reserve.
       Im Einzelnen:
          2 Armeen (64. und 62.) mit 23 grossen Verbänden an der Wolga-Front,
          2 Armeen, dabei 1 Pz.Korps (66. und 24.) mit 28 grossen Verbänden vor der Nordfront
          2 Armeen (65. und 5.Pz.Armee) mit 25 grossen Verbänden vor der Westfront,
          1 Armee (57.) mit 21 grossen Verbänden vor der Südfront.
          Hiervon sind die vor der Westfront stehenden Armeen über den Don durch die 3.rum. Armee, die vor der Südfront stehende Armee von der Wolga her durch die
          4.rum.Armee durchgebrochen.
    b) Die Einschliessung der 6.Armee wird nach Westen bzw. Südwesten zur Zeit abgedeckt an der Tschir Front durch 15 Verbände, in Richtung Kotelnikowo durch 5 Verbände,
       an beiden Stekllen vorwiegend bewegliche Kräfte. Eine Absicht des Gegners, diese beweglichen Kräfte als schnelle Armee in Richtung Rostow anzusetzen, ist bisher
       nicht erkennbar, bleibt aber mit Herankommen weiterer (siehe c) Kräfte möglich.
    c) An solchen Kräften muss noch gerechnet werden im Gebiet südlich Stalingrad (51. Armee mit 5, vielleicht 10 grossen Verbänden), aus dem Don-Abschnitt Wischinskaja -
       Kremenskaja mit den Reserven der 1.Garde-Armee, der 5.Pz.Armee, mit der 21.Armee und vielleicht dem VII.Pz.Korps, insgesamt 16 grossen Verbänden.
       Der Heeresgruppe stehen hiernach etwa 143 grosse Verbände gegenüber. Einzelaufstellung folgt besonders. Die Heranführung einer weiteren Pz.-Armee aus dem Gebiet
       Woronesch oder Suchinitschi Bogen bleibt möglich.
2.) Eigene Lage.
    a) 6.Armee steht mit 20 Divisionen im Festungsgebiet Stalingrad. Stärke und Zustand der Divisionen im Einzelnen noch nicht genau zu übersehen, im Grossen stark
       ausgeblutet, geringe infanteristische und Panzer-Angriffskraft. Beweglichkeit durch Betriebsstoffknappheit und völliges Fehlen von Pferdefutter weitgehend
       eingeschränkt. Bisherige Materialverluste in Einzelnen noch nicht gemeldet. Nach 1 bis 2 feindlichen Grossangriffen muss mit völligem Ausfall der Artilleriewirkung
       wegen Erschöpfung der Munitionsvorräte gerechnet werden. Die übrige Versorgung hängt vom Wetter und Luftlage ab. Sie kann nach Ansicht Generaloberst von Richthofen
       auch für die Verteidigung für eine Armee dieser Grösse in derzeitiger Jahreszeit aus Witterungsgründen nicht laufend sichergestellt, auch bei guter Witterung auf
       die Dauer gegenüber zu erwartender feindlicher Abwehr nicht durchgekämpft werden. Zu erhoffen ist das Erhalten der Armee verteidigungsfähig für begrenzte Zeit durch
       Zuführung von Betriebsstoff, panzerbrechende Munition, Inf.Mun. und hochwertiger Verpflegung. Allein dies bedingt durchschnittliche Zuführung von mindestens 400 to
       täglich. Zuführung von Art1.-Mun. und Pferdefutter bleibt ausgeschlossen, so dass Art1.Wirkung und Bewegungsfähigkeit schnell zunehmend wegfallen.
    b) Die übrige Front.
       Herstellung einer Sicherungslinie vom rechten bis zum linken Flügel der Heeresgruppe in allgemeiner Linie Jaschkul - Obilnoje - Kutelnikowo, Don, Tschir, Gruppe Hollidt
       ist in allgemeinen gelungen. Sie weist jedoch noch erhebliche Lücken auf, besteht im wesentlichen aus zusammegerafften rückwärtigen Teilen.
       Wo rumänische Verbände stehen, ist mit Halten vor russischem Angriff nicht mit Sicherheit zu rechnen. Die deutschen Kräfte werden auf Grund ihrer Zusammensetzung und
       des Mangels an panzerbrechenden Waffen die Linie nur solange halten können, als der Gegner nicht starke bewegliche und Pz.-Kräfte zum Durchstoss Richtung Rostow zusamwenfasst.
    c) Das Sammeln der ausgewichenen rum. Divisionen wird in nächster Zukunft verwendungsfähige Verbände noch nicht ergeben. Nach Urteil General Hauffe sind von 22 rum.Divistonen
       9 völlig zerschlagen, 9 in absehbarer Zeit noch nicht verwendbar.
    d) Der Aufmarsch der neu herangeführten Kräfte erfolgt bisher planmässig. Er kann mit Kampfstaffel, d.h. mit begrenzter Operationsmöglichkeit, bei Gruppe LVII.A.K. bis 3.12.,
       bei Gruppe Hollidt bis 9.12. für die bisher zugesagten Kräfte abgeschlossen sein, wenn nicht weitere Verzögerungen eintreten.
    e) Die Luftüberlegenheit scheint nach Ansicht von Generaloberst von Richthofen bei guter Wetterlage gesichert.

Das vorstehende Bild der Feind- und eigenen Lage stellt keineswegs ein pessimistisches Bild dar, sondern die nüchterne Grundlage für die eigenen Absichten.

3.) Eigene Absichten.
    a) Die Heeresgruppe beabsichtigt, wenn die weitere Entwicklung der Lage sowohl bei 6.Armee wie vor der Front der eigenen Aufmarschgebiete es irgend zulässt, erst nach Versammlung
       der bisher zugesagten Kräfte zum Gegenangriff anzutreten, und zwar mit Gruppe LVII.A.K. aus Gegend Kotelnikowo ostwärts des Don, mit einer weiteren Gruppe möglichst unter
       Führung Gen.Kdo.XXX. A.K. vom mittleren Tschir in allgemeiner Richtung Kalatsch und nördlich, um die Gesamtlage durch Schlagen des Feindes wiederherzustellen. Vorbedingung
       hierfür ist, dass taktische und Versorgungslage der 6. Armee ein so langes Warten (bis mindestens 9.12.) gestatten und dass durch weiteres Nachführen von Kräften zu beiden
       Gruppen das Durchschlagen der Entscheidung unter Deckung der Ost- oder Nordflanke ermöglicht wird.
    b) Lässt die Entwicklung der Lage bei 6.Armee ein so langes Warten nicht zu, was nach der derzeitigen Lage anzunehmen ist, so muss die Heeresgruppe zum frühestmöglichen Termin
       mit der Gruppe LVII.A.K. antreten (etwa am 3.12.), um zunächst zumindestens vorübergehend die Auffüllung der Versorgungsgrundlage der 6.Armee zu erzwingen.
       Die Gruppe LVII.A.K. wird hierzu aus Richtung Kotelnikowo bzw. von W.Tschirskij mit Masse ostwärts des Don in Richtung Karpowka - Marinowka angesetzt werden, mit Teilen
       westlich des Don zur offensiven Deckung der linken Flanke auf Kalatsch. Die Heranziehung der 11.Pz.Div. zu dieser Gruppe ist alsdann unerlässlich.
       Die Gruppe Hollidt wird in diesem Fall sobald wie möglich von Westen her auf Kalatsch anzutreten haben.
    c) Die Aussichten auf einen Erfolg in Fall a) in Richtung einer Wiederherstellung der Lage, in Fall b) in Richtung einer Wiederherstellung der Verbindung zur 6.Armee beruht im
       wesentlich darauf, dass der Gegner seine Parzerkräfte, die den Hauptwert seiner Schlagkraft darstellen, im Angriff auf die 6.Armee verbraucht. Hierin liegt die Notwendigkeit
       ausreichender Versorgung der 6.Armee, insbesondere mit panzerbrechender Munition und Betriebsstoff.
       Die Mitwirkung der 6.Armee durch Angriff in Südwestlicher Richtung ist in jedem Fall unerlässlich. Sie muss hierzu bewegliche Reserven aus der Front zusammenfassen können.
       Vorerst hat die Armee durch Zurücknahme der Nordwest-Front nur die 384.Div. (Infanterie Kampfstärke 2 Btl.) freimachen können. Das weitere Freimachen, insbesondere von
       Panzerkräften, kann nach Ansicht des Armeeführers nur durch Verkürzung der Wolga-Front infolge Zurücknahme der Nordost-Front in die Linie Mitte Stalingrad - H.P. 564 erreicht
       werden. Dies kommt nach Ansicht der Heeresgruppe jedoch nur in Frage, wenn die Gewähr zum Zusammenwirken mit Entsatzgruppe LVII. A.K. durch die Gesamtlage gegeben ist oder
       wenn der immerhin mögliche Einbruch stärkerer feindlicher Panzerkräfte von Norden und Süden in die Mitte des Festungsgebietes dazu zwingt, den letzten Mann einzusetzen, um die
       Lage im Festungsgebiet zu halten und die Weiterversorgung auf dem Luftwege (Flugplatz Pitomnik) sicherzustellen.
    d) Angesichts der Lage, des Zustandes und der Schwierigkeiten der 6.Armee, die zur Lösung b) zwingen können, sowie des Gesamtkräfteverhältnisses muss die Heeresgruppe damit rechnen,
       dass eine durchschlagende Entscheidung nicht erzwungen werden kann, sondern dass es nur gelingt, eine schmale Verbindung zur 6.Armee, vielleicht nur für begrenzte Zeit,
       herzustellen. Dies wird insbesondere der Fall sein, wenn die Entwicklung der Lage an anderen Fronten die weitere Zuführung von Kräften verbietet. In diesem Fall halte ich das
       dauernde Belassen der 6.Armee im Festungsgebiet Stalingrad nicht für zweckmässig, sondern ihre Vereinigung mit der Heeresgruppe nach Südwesten für erforderlich.
       Im Gegensatz zur Lage der Gruppe Brockdorff im vergangenen Winter wird die dauernde Versorgung der starken 6.Armee auf dem Luftwege nicht möglich sein. Ebenso wird die Armee in
       dem völlig deckungslosen Steppengelände, in dem Baustoffe und Heizmaterial völlig fehlen, in dem der Feind dagegen Beobachtungs- und Bewegungsmöglichkeit in hohem Masse besitzt,
       auf die Dauer nicht kampffähig erhalten werden können.
       Darüber hinaus ist aber entscheidend, dass es nicht möglich sein wird, die einzige wirkliche Schlagkraft der Heeresgruppe, die deutschen Truppen, in einer Art Keil auf engsten
       Raum vom Gegner gebunden zu halteh, während der Feind auf der übrigen hunderte von Kilometern langen Front sowohl bis zur Heeresgruppe A wie bis zu den deutschen Kräften der
       Heeresgruppe B operative Handlungsfreiheit während des ganzen Winters behält. Ich halte dieses völlige Abhängigwerden vom Gegner für eine lange Zeitperiode nicht für tragbar.
       Sollte daher das Erzwingen einer Entscheidung nicht möglich sein, sondern sich nur die Möglichkeit einer räumlich begrenzten Verbindung zur 6.Armee ergeben, so halte ich es für
       notwendig, diese zum planmässigen Herausführen der Armee aus ihrer Einschliessung auszunutzen mit dem Ziel, in der allgemeinen Linie Jaschkul - Kotelnikowo - Don - Tschir -
       Usimko zu einer operationsfähigen Kräftegliederung zu kommen.
       Die hiermit verbundene Aufgabe von Stalingrad bedeutet zweifellos ein schweres moralisches Opfer. Es wird jedoch erleichtert daurch, dass im Winter die Wolga als Transportweg
       ohnehin ausfällt und dafür das Entscheidende gewonnen werden kann, die Erhaltung der Kampfkraft einer Armee und damit die Initiative gegenüber den gegenüber dem Gegner.
       Der Druck des Winters wird dabei im Gegensatz zu den Verhältnissen im Norden nicht stärker sein, als beim Ausharren in der deckungslosen Steppe um Stalingrad.

Ob.Kdo.H.Gruppe Don
gez. von Manstein
Generalfeldmarschall
Ia Nr.0341/42 geh.Kdos.Chefs.
 
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