XXXXI.Panzerkorps
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Kriegstagebuch Juni 1944
1.6.1944
KTB 9.Armee.
Die Frage, in welcher Weise die von der Heeresgruppe geforderte Neubildung von Reserven durch Herausziehung weiterer Verbände aus der Front endgültig
durchgeführt werden wird, ist noch immer offen. Der Chef der Heeresgruppe teilt auch mit, daß zunächst noch eine Entscheidung des OKH abgewartet werden
müsse, bevor endgültige Befehle gegeben werden könnten (Chef H.Gr./Chef, 16.00 Uhr).
Im rückwärtigen Gebiet wird heute der Aufmarsch der für das Bandenunternehmen „Pfingstrose" vorgesehenen Kräfte mit deren Einrücken in die
Ausgangsstellungen beendet. Das Unternehmen soll morgen in aller Frühe beginnen.

2.6.1944
KTB 9.Armee.
In der Frage der Reservenbildung fällt eine erste Entscheidung. Unter Aufhebung des Befehls zur Herauslösung eines Rgt. der 102.I.D. (der Plan, diese
Division aus der Front zu ziehen, wird ganz fallen gelassen) erklärt sich die Heeresgruppe damit einverstanden,, daß aus den Abschnitten des XXXXI.Pz.K.
und des XXXV.A.K. je ein verst.Rgt. herausgelöst und als Armeereserve bereitgestellt wird (Chef H.Gr./ Chef, 8.05 Uhr, s.Anl. V 1). Dieser Befehl deckt
sich z.T. mit Maßnahmen, die das AOK bereits von sich aus getroffen hat: das G.R.130 (45.I.D.) befindet sich bereits in Reserve, ebenso Teile des G.R.430
(129.I.D.). Die Herauslösung des ganzen G.R.430 wird allerdings erst nach Rückkehr-des DFB 129 erfolgen können (s.KTB v. 29.5.44).
Das Bandenunternehmen "Pfingstrose" (Säuberung des Raumes Marina Gorka - Ossipowitschi - Star. Dorogi - Ssluzk -Schazk) hat heute begonnen, und es
scheint, als ob die Erfolgsaussichten recht günstig seien: sowohl die südliche als auch die nördliche Kampfgruppe sind bereits in Gefechtsberührung mit
den Banden getreten, wobei der Feind insbesondere südlich der Straße Schazk - Warina Gorka heftigen Widerstand leistet. Nach Meldungen der Luftaufklärung
ziehen sich Teile der Banden, die offenbar von der ihnen bevorstehenden Einkesselung noch nichts ahnen, vor der nördlichen Kampfgruppe nach Süden und vor
der südlichen nach Norden in die Waldgebiete beiderseits des Ptitsch zurück, was der eigenen Absicht nur entgegenkommt. Zur Verstärkung der beiden
Kampfgruppen wird von AOK die sofortige Zuführung zweier Kpn. der Armee-Pz.Jg Abt.743, einer Bttr. der Stu.Gesch.Brig.244, zweier Kpn. des s.Gr W.Btl.19,
von Teilen des H.Pi.Btl.47 und einer Anzahl schw.Wurfgeräte befohlen (3.Anl. IV 3 und Anl. X: Ia/la XXXXI., 0.50 Uhr); ferner läßt der OB den Korück noch
einmal ausdrücklich darauf hinweisen, bei der weiteren Durchführung des Unternehmens sich verteidigenden Feind nur mit ausreichender Unterstützung
schwerer Waffen anzugreifen und lieber die an sich gesteckten Tagesziele zu vernachlässigen, als durch zu schnelles Vorprellenlassen einzelner Einheiten
dem Gesamterfolg in Frage zu stellen (Chef/Chef Korück, 23.05 Uhr), denn es kommt jetzt, entscheidend darauf an, durch planmäßiges und lückenloses
Vorschieben der Fronten die Banden zunächst weiter zusammenzudrängen, wobei schon ab morgen damit gerechnet werden muß, daß ihnen durch ihren
erfahrungsgemäß gut arbeitenden Nachrichtendienst die Einkreisungsabsicht der eigenen Kräfte bekannt geworden sein wird, so daß starke Ausbruchsversuche
zu erwarten sind (s.dazu auch Anl. IV 1 und 2).
An der Front sind auch heute wieder Kampfhandlungen nicht zu verzeichnen, die Aufmerksamkeit der Führung ist jedoch nach wie vor auf das immer noch im
einzelnen ungeklärte Feindbild vor der Ostfront des XXXV.A.K. gerichtet. Daß auch der Gegner diesen Abschnitt der Front besondere Bedeutung beimißt, zeigt
allein schon seine rege Erd- und Luftaufklärungstätigkeit und die verstärkte Abwehr eigener Aufklärungsflieger, ferner ist die verhältnismäßig starke
Belegung der Bahnstrecke Gomel. - Shlobin auffallend (Einzelheiten s.Ic-Zwischenmeldung). Im frontnahen Raum sind vor allem am Drut-Brückenkopf stärkere
Bewegungen und Schanzarbeiten des Gegners zu beobachten. Im Hinblick auf diese Lage hat das AOK gleichzeitig mit dem Befehl für die Zuführung der genannten
Verstärkungen zum Unternehmen "Pfingstrose" den Bv.T.O. angewiesen, das für den Antransport dieser Einheiten verwandte Wagenmaterial so bereitzuhalten,
daß notfalls ein Rücktransport zum Fronteinsatz schnellstens ausgeführt werden kann (Ia/Bv.T.O., 25,45 Uhr).
3.6.1944
KTB 9.Armee.
Die Anzeichen für das Vorlieben feindlicher Angriffsabsichten vor der Nordflügel der Armee verdichten sich. Abgesehen von den Aufklärungsmeldungen über die
Heranführung stärkerer Kräfte auf den nach Gomel führenden Eisenbahnlinien (s.Ic-Zwischenmeldung), deren Auslauf wegen Schlechtwetter leider nicht hat
festgestellt werden können, liegen nunmehr auch V-Mann-Nachrichten vor, die von einem Eintreffen von Panzern und Kavallerie im Raum ostwärts Shlobin -
Rogatschew sprechen. Wenn diese Nachrichten auch noch der Bestätigung bedürfen, so dringt sich doch immer mehr die Vernutung auf, daß der feindliche
Aufmarsch vielleicht schon weiter fortgeschritten ist, als man aus den bisher vorliegenden Aufklärungsergebnissen folgern konnte.
Unter dieser Feindbeurteilung entschließt sich der Oberbefehlshaber, da die vorhandenen Armeereserven als unzureichend angesehen werden müssen und mit einer
Kräftezuführung von seiten der Heeresgruppe schon deshalb nicht zu rechnen ist, weil diese das Vorhandensein einer operativen feindlichen Stoßgruppe nicht,
annimmt, sondern der Verstärkung des Gegners nur örtliche Bedeutung beimißt (s.Anl.V 4 und VII 4), zu einschneidenden Maßnahmen: er ordnet an, die
Herauslösung der 129.I.D. beim XXXXXI.Pz.K. und ihre Verschiebung zum XXXV.A.K. sofort vorzubereiten und mit Teilen bereits zu beginnen.
Es wird dazu dem LV.A.K. und dem XXXXI.Pz.K. aufgegeben, unverzüglich Vorbereitungen für eine anteilige Übernahme des Divisionsabschnitts zu treffen.
Eine le.Art.Abt. und die Stu.Gesch.Abt. der Division sollen sofort in Marsch gesetzt und ferner ein Gren.Rgt.verladebereit gemacht werden Das XXXXI.Pz.K. muß
dazu die noch eingesetzten Teile des G.R.430 aus der Front ziehen, ohne das Eintreffen des D.F.B. 129 abwarten zu können s.KTB von 29.5.44). Das LV.A.K.
erhalt Befehl, die le.Art.Abt.616 (RSO) entsprechend den für diesen Fall getroffenen Vorkehrungen (s.KTB vom 30.5.44) ebenfalls sofort zum XXXV.A.K. zu
verschieben und das XXXV.A.K. wird angewiesen, alle ihm zugeführten Kräfte (zu denen voraussichtlich auch noch die Armee-Pz.Jg.Abt.743 treten wird) im Raum
Pristan - Dworez als Armeereserve bereitzustellen (s.im einzelnen Anl. IV 1 und 5).
Die Verschiebung so starker Kräfte aus dem Frontabschnitt südlich der Beresina bedeutet zweifellos ein erhebliches Risiko, zumal mit der Bildung eines
örtlichen Feindschwerpunktes auch vor dem Nordflügel des XXXXI.Pz.K. weiterhin gerechnet werden muß. Der Oberbefehlshaber richtet deshalb den Antrag an die
Heeresgruppe, der Armee die 707.I.D. wieder zur Verfügung zu stellen, wobei er darauf hinweist, daß die Armee zwar von sich aus bestrebt sei, unter gewagter
Entblößung erst in zweiter Linie bedrohter Frontabschnitte starke Reserven freizumachen, daß aber dennoch auf die 707.I.D. als. zusätzliche Reserve nicht
verzichtet werden könne (s.Anl. V 2).
Beim Unternehmen "Pfingstrose" wird die Einengung des Kessels fortgesetzt. Die Nordgruppe stößt dabei mehrfach auf zum Teil stärkeren Feindwiderstand, während
vor der Südgruppe die Banden meist nach Norden ausweichen (Einzelheiten s.Anl. II).
4.6.1944
KTB 9.Armee.
In Ergänzung der in der Nacht gegebenen Befehle zur Bildung bezw. Vorbereitung eines Abwehrschwerpunktes beim XXXV.A.K. ordnet das AOK noch die Zuführung des
Stabes der Arrmee-Pz.Jg.Abt.743 und der gesamten Pz.Jg.Abt.129 vom XXXXI.Pz.K. zum XXXV.A.K. an (s.Anl. IV 1 und 2). Es ist geplant, sämtliche in dessen
Bereich vorhandenen Panzerabwehrwaffen zu schwerpunktmäßigem Einsatz befehlsmäßig zusammenzufassen. Für die Artillerie des Korps wird sofortiges Beziehen der
ausgebauten Großkampfstellungen befohlen, unter Belassung von Arbeitsgeschützen in den bisherigen Stellungen (s.Anl. IV 3).
Das Gen.Kdo.XXXV.A.K. beabsichtigt selbst noch eine weitere Verstärkung seiner Reserven durch Herauslösen eines zweiten Rgt. der 45.I.D. vorzunehmen
(s.Anl. IV 7).
Der Antransport der für das XXXV.A.K. bestimmten Verstärkungen aus dem Frontabschnitt südlich der Beresina hat inzwischen begonnen. Zur Vorbereitung des
Herauslösens der noch eingesetzten Infanterieteile der 129.I.D. sollen die zur Ablösung vorgesehenen Einheiten so hinter die Division herangezogen werden, daß
die Ablösung gegebenenfalls in einer Nacht stattfinden kann - ein Zeitpunkt für die Herauslösung ist vorerst noch nicht befohlen (Chef/Chef XXXXI., 19.10 Uhr).
Beim Unternehmen "Pfingstrose" wird der Einschließungsring weiter verengt. Zur Feindberührung ist es nur an einigen Punkten gekommen. Um festzustellen, ob die
Masse der Banden sich noch im westlichen Teil des Kessels befindet oder ob sie nach Osten abgezogen ist, veranlaßt das AOK für morgen den verwehrten Ansatz von
Luftaufklärung (Chef/Ic,Lw., 5.6.44, 1.20 Uhr).
5.6.1944
KTB 9.Armee.
Dadurch, daß die Luftaufklärung an der Front - ebenso wie gestern -durch Schlechtwetter auch heute wieder daran gehindert ist, Feststellungen im feindlichen
Hintergelände zu treffen, ergeben sich für die Beurteilung der Feindlage. keine neuen Gesichtspunkte.
Die befohlenen Ablösungen und die Kräfteverschiebungen zur Bildung des Abwehrschwerpunktes gegenüber dem erwarteten Angriff gegen die Ostfront der Armee sind
im Gange. (s.Anl. II und III). Die Herauslösung des G.R.430 (129.I.D.) und seine Bereitstellung als Armeereserve ist vollzogen. Zur Vorbereitung einer raschen
artilleristischen Schwerpunktbildung wird vom AOK noch ergänzend zu den bisher ergangenen Anordnungen, die Entsendung von Stellungs- und
Einsatzerkundungskomandos von Artillerieeinheiten des XXXV.A.X. und XXXXI.Pz.K. in diejenigen Abschnitte des XXXV.A.K. befohlen, wo ein Feindangriff am
ehesten zu erwarten ist: am Drut-Brückenkopf und. im Raum südwestl. Shlobin (s.Anl. VII 1 - 3).
Beim Unternehmen "Pfingstrose" wird durch Vorstoß der ostwärtigen Flügel beider Stoßgruppen die Bildung eines Teilkessels im Westen des Gesamteinschließungsrings
eingeleitet. Der Feindwiderstand ist unterschiedlich; zum Zusammenstoß mit den im Kessel angenommenen größeren Bandengruppen kommt es jedenfalls nicht - Gefangene
sagen aus, daß sich ein Teil der Banditen in Kenntnis der Einkreisungsgefahr von den eigenen Truppen kampflos habe überrollen lassen. Wieweit es den Banden mit
Hilfe dieser schon früher vielfach festgestellten Taktik, die durch die Unübersichtlichkeit des Geländes begünstigt wird, gelungen ist, sich dem Kampf zu
entziehen, wird für den Westteil des Kessels der morgige Tag zeigen.
Major i.G. Graf, Id, hat heute vertretungsweise die Geschäfte des Ersten Generalstabsoffiziers bis zum Eintreffen des neuen Ia übernommen.
6.6.1944
KTB 9.Armee.
Die Nachricht vom Beginn der anglo-amerikanischen Invasion, die in den frühen Morgenstunden eintrifft, löst die nun schon seit Monaten bestehende Spannung, mit
der beim AOK die Vorgänge auch auf den anderen europäischen Kriegsschauplätzen aufmerksam verfolgt werden, insbesondere seit dem Beginn der feindlichen
Maioffensive in Italien. Sie wendet aber auch gleichzeitig in vermehrtem Maße die Aufmerksamkeit der Führung auf das Gesamtbild der Ostfront, da eine zeitliche
Abstimmung der diesjährigen Operationen der Verbündeten Feindmächte durchaus möglich, ja sogar wahrscheinlich erscheint.
Daß ein auf den Tag gleichzeitiger Angriffsbeginn im Westen und Osten nicht in der Absicht der Alliierten bezw. nicht in der Absicht Moskaus lag, hat der heutige
selbständige Beginn der Invasion noch vor Beendigung des sowjetischen Aufmarsches bewiesen. Man wird daraus auch wohl den weiterer Schluß ziehen dürfen, daß die
sowjetische Führung jetzt, nachdem ihre nun seit etwa eineinhalb Jahren immer wieder erhobene Forderung auf Errichtung der "zweiten Front" von den Westmächten
erfüllt worden ist, auch zunächst den weiteren Gang der Dinge in Nordfrankreich abwarten und ihren Aufmarsch in aller Ruhe vollenden wird, bevor sie selbst ihre
Offensive beginnt.
Nichtsdestoweniger muß immerhin mit der Möglichkeit gerechnet werden, daß der Gegner die Kampfhandlungen mit einem in der Nordflanke seines Aufmarschraumes Kowel
- Tarnopol vorweggeführten Fesselungsangriff örtlicher Zielsetzung eröffnet, und deshalb verdienen gerade die jetzt im Raum vorwärts der Armeefront festzustellenden
Bewegungen besondere Beachtung. Der weiterhin auffallend lebhafte Eisenbahnverkehr von Osten nach Gomel mit bisher nur geringem Auslauf nach Westen bestätigt hier
die Vernutung, daß der Feind an dieser Stelle anscheinend größere Reserven zusammenzieht, der ebenfalls stärker gewordene Verkehr von Owrutsch nach Norden mit
teilweisem Auslauf über Kalinkowitschi nach Schazilki deutet auf eine Zuführung von Kräften vor dem linken Flügel des XXXXI.Pz.K. ganz besonders bedroht erscheint
jedoch nach wie vor die Ostfront der Armee. Abgesehen von den auch heute wieder recht lebhaften Feindbewegungen zwischen den Drut und der linken Armeegrenze ist
jetzt durch s.Qu. ein bisher noch ungedeuteter, zur 3.sowj.Armee gehöriger Verband erfaßt worden, der sich von Osten her in den Raum Dowsk verschiebt, darüber
hinaus lassen weitere s.Qu.Meldungen einen Angriffsbefehl für den 8.6. möglich erscheinen (Chef-OB, 23.30 Uhr)
Diese Nachrichten sind es, die - trotz der ungeklärten Lage vor dem XXXXI.PzK. - den Entschluß des Oberbefehlshabers auslösen, einen erheblichen Teil der für das
XXXV.A.K. vorbereiteten Verstärkungsmassnahmen nunmehr anzuordnen. Die Befehle dazu ergehen noch in der Nacht, da bei den verhältnismäßig langen Transportzeiten
andernfalls mit einen rechtzeitigen Eintreffen der zuzuführenden Kräfte nicht zu rechnen wäre. Das XXXXI.Pz.K. erhält Befehl, das G.R.430 (129.I.D.) und
1 le.Art.Abt. der 129.I.D. unverzüglich im E-Transport zum XXXV.A.K. in Marsch zu setzen, und das LV.A.K wird angewiesen, sich auf eine beschleunigte Ablösung
derjenigen noch eingesetzten Teile der 129.I.D. einzustellen, deren Abschnitt es entsprechend der festgelegten Planung zu übernehmen hat. Von Norden her wird das
G.R.727, das von der Heeresgruppe kurzfristig hinter den Südflügel der 4.Armee gestellt worden war und nunmehr wieder frei geworden ist (Ia-H.Gr./Chef, 10.50 Uhr),
als Armesreserve in den Raum Starzy - Kosulitschi verlegt werden (s.Anl. IV 1), und vom Bandenunternehmen "Pfingstrose" werden die beiden Kpn. der Armee-Pz.Jg.Abt.,
die beiden s.Gr.W.Kpn. und die Stu.Gesch.Bttr. abgezogen - ebenfalls als Reserven für den Bereich des XXXV.A.K. (s.Anl. IV 6)
Die letztgenannte Anordnung hat z.T. ihren Grund darin, daß das Unternehmen "Pfingstrose" immer weniger zu dem anfangs erhofften Erfolg zu führen verspricht.
Bei der Verengung des Westkessels ist der erwartete Zusammenstoß mit den darin vermuteten starken Bandengruppen ausgeblieben, so daß die Entziehung der zugeführten
schweren Waffen möglich erscheint. In der Tat dürfte den Banditen, sofern sie nicht weiter nach Osten ausgewichen sind, das unbemerkte Durchsickern durch die
eigenen Linien doch in erheblichem Umfang gelungen sein. Der OB schaltet sich deshalb mit einem Befehl an den Korück in die Führung des Unternehmens ein und fordert
engmaschigere und systematischere Durchkämmung der Waldgebiete sowie dichtere Absperrung bei Nacht.
Für die Weiterführung des Unternehmens ordnet er an, daß unter Umgruppierung des Sturmregiments der AWS (Südgruppe) nach Südwesten der Hauptstoß in den Ostteil des
Kessels vom G.R.747 (Nordgruppe) von Nordwesten her geführt werden soll; im Rücken der Nordgruppe freiwerdende Einheiten sollen dabei nur Verdichtung der
Nordostabschirmung verwandt werden (Einzelheiten s.Anl. IV 6).
7.6.1944
KTB 9.Armee.
Die Ergebnisse der Luftaufklärung deuten weiter darauf hin, daß der Feind in Kaum Gomel stärkere Kräfte Versammelt, von denen ein Teil nach Nordwesten auf der Straße
nach Shlobin vor die Dnjepr.-Front des XXXV.A.K. abfließt. Darüber hinaus verstärken auffällige Eisenbahntransporte auf der Strecke Kalinkowitschi - Jaschtschizy und
die Abstellung eines Panzerzuges nördlich Schazilki den Eindruck, daß sich die gegnerischen Angriffsabsichten auch auf den Abschnitt zwischen Beresina und Dnjepr,
gegebenenfalls sogar auf das XXXXI.Pz.K. erstrecken. Für den Fall eines überraschenden Feindangriffs südlich der Beresina wird daher vom AOK vorsorglich die sofortige
Verschiebung der zur Herauslösung der 129.I.D. hinter deren Front bereitgestellten Teile an den Nordflügel des XXXXI.Pz.K.. vorgesehen und durch Bereithaltung von
Kolonnenraum vorbereitet (s.Anl. IV 3).
Im Raum nordostw. Bobruisk haben Banditen in der Nacht vom 5. zum 6.6. wiederum eine von eigenen Truppen belegte Ortschaft überfallen und eine größere Anzahl Vieh
geraubt (s.Anl.II). Im Hinblick darauf, daß dieser Überfall nun schon innerhalb kurzer Zeit der zweite in dieser Gegend ist, der nicht nur zum Verlust wertvoller
Viehbestände geführt, sondern auch der Truppe verhältnismäßig große Ausfälle gekostet hat, wird jetzt vom AOK angeordnet, das gesamte bandengefährdete Gebiet hinter
dem Nordflügel der Armee von allen bandenverdächtigen Zivilisten zu räumen und es ferner von allen Viehbeständen und Verpflegungsvorräten zu evakuieren, um damit den
Banden den Anreiz zu weiteren Raubzügen zu nehmen. Außerdem wird befohlen, die Ortsbelegungen in Zukunft ohne Rücksicht auf Unterbringungsbequemlichkeit der Trupps
allein nach taktischen Rücksichten vorzunehmen, um durch enge Zusammenfassung in Kampfgruppen, stete Aufrechterhaltung der Alarmbereitschaft, verstärkten Postendienst
und einwandfreie Ortsbefestigungen überraschende Überfülle dieser Art auszuschließen (s.Anl. IV 2). Zur Durchführung der Evakuierung stellt das AOK das G.R.747
kurzfristig zur Verfügung (s.Anl.IV. 1).
Der erste Teil des Unternehmens "Pfingstrose" wird heute mit der Säuberung des westlichen Teilkessels beendet. Zu einem geschlossenen Widerstand der Banditen kommt
es nirgends, sie versuchen überall, sich dem Kampf bezw. der Gefangennahme durch Aufsplitterung in, kleine und kleinste Gruppen und durch Verbergen im Sumpfgelände zu
entziehen.
8.6.1944
KTB 9.Armee.
Der Zulauf feindlicher Kräfte vor der Ameefront hält an: Nachtaufklärer beobachten auf der Straße Retschiza - Kalinkowitschi eine etwa div.starke Inf..Kolonne im
Marsch nach Westen (Ic/Chef 9,00 Uhr). Der Auslauf dieser Bewegung hat zwar noch nicht ermittelt werden können, jedoch ist im Zusammenhang mit den gestern, erfaßten
Eisenbahntransporten ein Abfließen dieser Kräfte nach Norden wahrscheinlich (s.Ic-Zwischenmeldung). Dies würde die Auffassung des AOK bestätigen, daß die feindlichen
Angriffsabsichten sich in zunehmendem Maße nicht nur gegen den Abschnitt Kowel - Tarnopol, sondern auch gegen die Front der 9.Armee, und zwar jetzt auch vermehrt
gegen den
Abschnitt des XXXXI.Pz.K. richten. Die Heeresgruppe- ist in ihrer Feindbeurteilung noch anderer Ansicht: sie deutet das Verführen des erkannten Verbandes lediglich
als Vorbereitung einer Ablösung (s.Anl. VII 1); jedoch gibt der Chef der Heeresgruppe zu, daß auch er die Entwicklung des feindlichen Kräftebildes im Raum Gomel nicht
ohne Mißtrauen betrachte (Chef H.Gr.M./Chef,.12.00 Uhr). Die kommenden Tage werden zeigen müssen, inwieweit sich die Vermutungen des AOK als richtig erweisen.
An der Front verläuft der Tag wieder ohne nennenswerte Kampfhandlungen. Feindliche Fliegerangriffe auf Bahnhöfe im Bereich des LV.A.K. und XXXXI.Pz.K. verursachen
Schäden an Gleisanlagen und Versorgungsgütern.
Zu Beginn des zweiten Teils des Unternehmens "Pfingstrose" übernimmt die bisherige Süd-Stoßgruppe nach erfolgter Umgruppierung nunmehr die Südwestabschirmung des
Restkessels die Nordgruppe hat ihre Bereitstellungsräume südsüdwestl. Marina Gorka eingenommen, aus denen sie morgen in Richtung auf die Bahnlinie Daraganowo -
Ossipowitschi antreten wird.
9.6.1944
KTB 9.Armee.
Der Feindeindruck der letzten Tage rundet sich immer mehr zum Gesamtbild, eines planmäßigen, ohne Zeitdruck durchgeführten Heranbringens neuer Kräfte vor die
Ameefront. Das Auftreten von Teilen der 3.sowj.Luftarmee, die bisher auf der Krim standen, im Raum nordwestl. Retschiza unterstreicht dabei die wachsende Bedeutung
des Großraums Gomel, aus dem weiterhin Bewegungen nach Nordwesten und Westen abfließen. Das Heranführen von infanteristischen Kräften in Frontnähe ist allerdings
durch Luftaufklärung und Erdbeobachtung bisher nur südlich Shlobin erkannt werden, während der Verbleib der gestern von Gomel auf Kalinkowitschi marschierenden,
stark flakgeschützten Kolonne nicht hat festgestellt werden können: immerhin steht fest, daß sie jedenfalls nicht nach Süden weitermarschiert ist. Starker Flakschutz
und Materialansammlungen auf einem Bahnhof 15 km nord-nordostw. Kalinkowitschi könnten auf feindliche Angriffsabsichten gegen die inneren Flügel LV.A.K./XXXXI.Pz.K.
hinweisen; zuverlässige Anzeichen für eine Ablösung der hier auf sowjetischer Seite eingesetzten "Verteidigungsabschnitte" liegen allerdings noch nicht vor.
Der zweite Teil des Unternehmens "Pfingstrose" beginnt mit dem Antreten der Nordgruppe aus den gestern eingenommenen Bereitstellungsräumen nach Südosten, (gleichzeitig
schiebt die Südgruppe ihre Sperrront von Südwesten bis an den Ptitsch vor. Der Feindwiderstand ist überall nur gering (s.Anl.II vom 10.6.44).
Oberstleutnant i.G. Schindler, der neue Ia der Armee, ist heute beim AOK, eingetroffen und hat die Dienstgeschäfte des Ersten Generalstabsoffiziers übernommen.
10.6.1944
KTB 9.Armee.
Erneut durch Luftaufklärung erfaßte Eisenbahntransporte auf den von Osten und Südosten nach Gomel führenden Strecken, Ausladung von Panzern auf einem Bahnhof südwestl.
Shlobin sowie Bewegungen von dort aus zur Front bestätigen das bisherige Feindbild. Von der Front selbst wird, lediglich verstärkte Artillerietätigkeit des Gegners
im Nordabschnitt des XXXXI.Pz.K, gemeldet (s.Anl. II und III).
Beim Unternehmen "Pfingstrose" schreitet die planmäßige Durchkämmung des Ostkessels von Nordwesten her ohne nennenswerte Feindberührung fort. Da für den weiteren
Verlauf des Unternehmens größere Kampfhandlungen offenbar nicht mehr zu erwarten sind und infolgedessen mit seiner Beendigung etwa am 13.6. gerechnet werden kann,
ergeht schon heute Befehl an den Korück, die eingesetzten Teile der 707.I.D.
unmittelbar nach Abschluß des Unternehmens wieder zu entlassen. Entsprechend einem von der Heeresgruppe gegebenen Befehl soll die Div., der das G.R.727 wieder
unterstellt werden wird, bis zum 15.6. im Raum Bobruisk als Heeresgruppenreserve versammelt sein (s.Anl.IV 2).
11.6.1944
KTB 9.Armee.
In der Beurteilung des Feindes vor der Front der 9.Armee sind, das wird immer deutlicher erkennbar, entscheidende neue Gesichtspunkte aufgetreten: der Gegner führt
starke Kräfte im Eisenbahntransport nach Gomel und Kalinkowitschi zu, die nicht nach Westen und Südwesten vor die Front der Heeresgruppe Nordukraine abfließen. Vielmehr
erfolgen Zuführungen sogar von WSW, von Uwrutsch nach Kalinkowitschi. Auf Grund der Ergebnisse der eigenen Luftaufklärung muß jetzt die Selbständigkeit des feindlichen
Versammlungsraums Kalinkowitschi angenommen und breiter Feindaufmarsch in der Tiefe vor der ganzen Front der 9.Armee vermutet werden. Der Auslauf der feindlichen
Aufmarschbewegungen bedarf weiterhin der Klärung; die Erdaufklärung hat nämlich bisher nur das Einfließen frischer Feindkräfte in die Räume Rogatschew, Shlobin und hart
südlich der Beresina, also lediglich vor der Ostfront des XXXV.A.K. und dem äußersten linken Abschnitt des XXXXI.Pz.K, feststellen können. Die laufend sich verstärkende
russische Jagdabwehr gegenüber der eignen Luftaufklärung erschwert die Beobachtung etwaiger Kräftezuführungen in die Feindfront zwischen Pripjet und Beresina, in der
die Ablösung der russischen "Verteidigungsabschnitte" auch bis heute nicht bestätigt worden ist.
Diesem neuen Gesichtspunkt in der Feindbeurteilung kann das AOK nichts anderes als eine erneute Überprüfung und Verfeinerung der Alarm- und Abwehrbereitschaft der Armee
entgegensetzen, wozu mehrere Einzelmaßnahmen getroffen werden. U.a. wird angeordnet, die sofortige Verlegung der bei der Armee noch vorrätigen Minen vor die HKL und
zwischen die HKL und die Artillerie-Schutzstellung vorzubereiten. Der Tag verläuft an der Front ohne besondere Ereignisse.
Im Unternehmen "Pfingstrose" hat die Südgruppe Feindberührung ostw. Lawy; die Nordgrippe erreicht den Ptitsch 4 km nordwestl. Shitin und die Linie Brücke 1 km nördl.
Ssutin - Bachverlauf nach Nordosten bis Talka. Der Restkessel westl. Ossipowitschi wird weiter verengt.
12.6.1944
KTB 9.Armee.
Der Feind führt weiterhin, und zwar in verstärktem Maße, Kräfte in die Versammlungsräume Kalinkowitschi und Gomel. Die Abstellung panzerbeladener Güterwagen auf den
Bahnhöfen Gomel und Retschiza ist festgestellt worden und als weiterer Beweis für die Versammlung russischer Angriffsverbände in der Tiefe vor der Front der 9.Armee
anzusehen. Die Armeeführung rechnet damit, daß der Feind nicht nur vor dem XXXV.A.K., sondern auch vor dem XXXXI.Pz.K. einen Angriffsschwerpunkt vorbereitet, wobei sie
den Schwerpunkt vor dem XXXXI.Pz.K. als operativ bedeutender und gefährlicher bewertet. Auf Grund dieser, sich ihm an Ort und Stelle (beim Gen.Kdo. XXXXI.Pz.K.)
bestätigenden Veränderung der Lage entschließt sich der OB, unter Verzicht auf das Herauslösen der 129.I.D. (s.KTB vom 3.6.) vor allem hinter der 35. und 36.I.D.
Reserven bereitzustellen, umsomehr, als das Gelände am linken Flügel der 36.I.D. besonders panzergefährdet ist.
Ein eigenes erfolgreiches Stoßtruppunternehmen südwestl. Ssawin Rog (129.I.D.) bringt vier Gefangene ein, die dem 161.russ.Verteidigungsabschnitt angehören.
Der Feind hat also seine Truppe in .der HKL hier jedenfalls noch nicht durch neu herangeführte Angriffsverbände abgelöst, die Gefangenenaussagen bestätigen aber, daß
russische Kräfte in frontnaher Angriffsbereitschaft stehen. Von allen drei Div.Abschnitten des XXXXI.Pz.K. hat der Feind außerdem auf die eigene HKL zulaufende
Stichgräben angelegt.
Das AOK trifft weitere vorbereitende Maßnahmen, um die Abwehrbereitschaft zu vervollkommnen. Der Truppenhinweis Nr. 2 des OB fordert die Überprüfung der Alarm=, Feuer=,
Gefechts= und Marschbereitschaft aller in Front eingesetzten und in Reserve stehenden Truppen-, die Heranziehung des Sperrfeuers bis dicht an den vordersten Graben, die
Ausstattung der Führer aller Sturmgeschütz-Einheiten mit Panzerabwehrplänen in den Frontabschnitten, in denen ihr Einsatz vorgesehen ist (s.Anl. IV 1). Außerdem wird
befohlen, alle Häuser und Ortschaften zwischen der HKL und der Artillerie-Schutzstellung abzubauen und das gewonnene Holz zum Stellungsbau zu verwenden (s.Anl. IV 4).
Ein weiterer Befehl des OB befaßt sich mit dem Wesen, Ausbau und Zweck der Artillerie=Schutzlinie. Der Raum zwischen HKL und Artillerie-Schutzlinie soll als Hauptkampffeld,
und zwar nach einheitlichen Gesichtspunkten ausgebaut und das Sperrfeuer vor der Artillerieschutzlinie ebenso vorbereitet werden wie das Sperrfeuer vor die HKL.
(s.Anl. IV 2).
Um 20.30 Uhr trifft bei der Armee der Befehl des Führers ein, daß vom 14.Juni an auf allen Kriegsschauplätzen der Urlaub gesperrt wird und die zur Zeit im Reich
befindlichen Urlauber dem OKH zur Verfügung stehen. Diesem Befehl wird vom AOK unverzüglich durch das sofortige Verbot jeder Abfahrt von Urlaubern aus dem Armeebereich
entsprochen (Chef/IIa, 20.40 Uhr).
Beim Unternehmen "Pfingstrose" nähert sich die Säuberung des Restkessels dem Abschluß. Bei geringer Feindberührung erreicht die Nordgruppe die Linie Krinka - Mesowitschi -
Repitsche - Wereizy.
13.6.1944
KTB 9.Armee.
Die Zeichen feindlicher Angriffsvorbereitungen mehren sich.
In der Nacht vom 12./13.Juni ist die feindliche Fliegertätigkeit über dem gesamten Armeegebiet besonders lebhaft; bald nach Mitternacht führt der Feind nit etwa
50 Maschinen einen ersten Bombenangriff auf die Stadt Bobruisk, insbesondere die Beresina-Brücken sowie auf die Rollbahnen nach Rogatschew und Shlobin. Der von rund
200 Spreng- und Brandbomben verursachte Sach- und Personenschaden ist gering, die Brücken bleiben unversehrt (s.Tagesmeldung, Anl. II). Seinen Eisenbahnaufmarsch von Süden
nach Kalinkowitschi und von Süden und Osten nach Gomel setzt der Feind im bisherigen Umfange fort, auch ein Auslauf von Transportbewegungen bis Schazilki (an der Beresina),
also vor die Front der 36.I.D., ist festzustellen. Es kann angenommen werden, daß der Gegner bisher sieben starke Verbände neu herangeführt hat. Gefangene bestätigen das
Eintreffen neuer Verbände in Frontnähe, als Angriffsdaten nennen sie den 15., 20. oder 22. Juni. Die eigene Front meldet Motorengeräusche vor der 383. und 134.I.D., das
Einschießen vorgezogener Bttr. in die Tiefe der Südfront des XXXV.A.K., anhaltendes lebhaftes Art.-, Gr.W.- und Pakfeuer auf die inneren Flügel der 35. und 36.I.D. (wohl um
die Beobachtung der feindlichen Ablösungen zu erschweren) und die Anlage eines weiteren Stichgrabens bis 180 m an die HKL der 35.I.D. heran.
Das AOK beurteilt die Lage derart, daß tiefgestaffelte Angriffs-Schwerpunkte zunächst vor dem XXXXI.Pz.K. und dem XXXV.A.K. bestehen; der Schwerpunkt vor der XXXXI.Pz.K. ist
umfangreicher. Durchstoß des Feindes durch die Front des XXXXI.Pz.K. würde für ihn einen operativen Erfolg bedeuten, da er in Richtung westlich der Stadt Bobruisk führen und
das XXXV.A.K. zwingen würde, ostwärts der Beresina, also abgeschnitten weiterzukämpfen. Dieser Stoß würde zudem den Feind der Notwendigkeit entheben, im Angriff Brücken über
die Beresina zu schlagen. - Es kommt also darauf an, in erster Linie dem XXXXI.Pz.K., in zweiter Linie dem XXXV.A.K. durch Reservenbildung den Rücken zu steifen, wobei
allerdings berücksichtigt werden muß, daß die Kampfführung des XXXV.A.K. auch von der 4.Armee abhängig ist. Das LV.A.K. in seiner heutigen Breite dürfte von der Feindoffensive
zunächst unberührt bleiben; die Schwierigkeiten für dies Korps sind darin zu sehen, daß der Pripjetabschnitt, an dem das LV.A.K. nur mit einer Divisionsbreite sich beteiligt,
im wesentlichen Kampfraum der 2.Armee ist, auf deren Maßnahmen die Kampfführung des LV.A.K. abgestimmt werden muß. - Die Armee erwartet erheblichen feindlichen
Luftwaffeneinsatz, kann aber leider mit der Verstärkung der eigenen Flieger- und Flakkräfte nicht rechnen. Bei den drei Korps sind insgesamt 2 1/2 le.Flak-Bttr. eingesetzt,
Korück verfügt über 2 le.Flak-Bttr., in Bobruisk stehen 10 schwere und 6 1/2 le.Flak-Bttr. (Chefbesprechung).
Dieser Lagebeurteilung entspringen eine Reihe von Maßnahmen des AOK. Die 129.I.D. soll mehr nach Nordosten verschoben werden, um auch beim XXXXI.Pz.K. ja ein Gren.Rgt. in
Reserve zu haben. Hierzu wird folgendes befohlen:
a) Das LV.A.K. bereitet die Übernahme der beiden südlichen Btl.Abschnitte der 129.I.D. vor und löst ein Rgt. als Armeereserve aus der Front, das durch das Sturm-Rgt. der
AWS nach seiner Rückkehr vom Unternehmen "Pfingstrose" ersetzt wird. Die Entscheidung über das herauszulösende Rgt. fällt auf das G.R.232 der 102.I.D., da Stamm und Kampfwert
dieses Rgt. noch besser sind als beim G.R.84 und es zweckmäßig ist, das mit dem Pripjet-Brückenkopf vertraute G.R.84 dort zu belassen (Chef LV/Chef 9, 12.40 Uhr).
b) Das XXXXI.Pz.K. löst das G.R.427 (129.I.D.) so aus der Front, daß es als Armeereserve an den voraussichtlichen Brennpunkten des Korps eingesetzt werden kam. Den Abschnitt
des I./427 übernimmt zunächst das vom Unternehmen "Pfingstrose" zurückkehrende DFB 129, dann das I./508,den Abschnitt des III./427 das II./508 (LV.A.K.).
c) Das XXXV.A.K. führt nach Wiedereintreffen der beiden am Unternehmen "Pfingstrose" beteiligten Kpn. der A.Pz.Jg.Abt.743 die Pz.Jg.Abt. 129 und die III./A.R.129 der 129.I.D.
wieder zu.
Die notwendigen Ablösungen und Bewegungen sollen in 3 Tagen beendet sein (s.Anl. IV 1 - 4 und VII 1).
Dem XXXXI.Pz.K. wird ferner befohlen, den Bahnschutz an der Strecke Bobruisk - Staruschki zu aktivieren; denn diese Eisenbahnlinie dürfte eines der ersten Sabotage-Ziele des
Feindes sein. Hierzu wird dem Korps ein Sich.Btl. zugeführt werden (s.Anl. IV 2). Um etwa durch Bomben zerstörte Brücken rasch wiederherstellen zu können, sollen
Bauholzvorrätean den wichtigsten Brücken im Armeebereich bereitgelegt und Vorbereitungen getroffen werden, daß Pioniere im Mot-Marsch rasch an Schadenstellen gebracht werden
können (s.Anl. VII 3).
Der gestern gegebene Befehl über beschleunigte Verlegung von Minen wird dahin erweitert, daß das Gelinde entlang der vermutlichen feindlichen Stoßrichtungen bis in eine Tiefe
von 15 bis 20 km zu verminen ist (Chefbesprechung).
Nicht nur die Luftstreit- und Flakkräfte, auch die Heeres-Art. Verbände, die der 9.Armee z.Zt. zur Verfügung stehen, sind angesichts der bevorstehenden Feindoffensive
besorgniserregend schwach. Der Armeechef, der morgen zu einer Chef-Besprechung beim OKH befohlen ist, wird die Gelegenheit wahrnehmen, die angespannte Lage der Armee
darzustellen und Wünsche zu beantragen. Zunächst hat die H.Gr. immerhin zugesagt, daß die 707.I.D. als H.Gr.Reserve im Armeebereich verbleiben wird (Chef H.Gr./Chef,12.00 Uhr;
vergl. KTB vom 10.6.44).
Die Kräfte der 9.Armee haben durch die nun schon fast 3 Monate andauernden laufenden Abgaben zur Stärkung der 2.Armee beträchtlich abgenommen. Die 9.Armee hat in der Zeit vom
16.März bis heute 1 Gen. Kdo., 3 Pz.Divisionen, 2 Inf.Divisionen, 6 1/2 Art.Abt., 1 He.Pz.Jg. Abt., 3 Sturm-Gesch.Brig., 5 Pi.- oder Pi.Bau-Btle., 2 Brücken-Kol. und
1 Pi.Horchzug abgegeben. Außerdem sind mehrere Flak-Bttr. aus dem Verfügungsbereich der Armee ausgeschieden. Zwar hat die Armee in dieser Zeit mit der Übernahme des Abschnitts
des XX.A.K. die 102.I.D. und 292.I.D. hinzuerhalten und 3 Div.Sturm-Gesch.Abt. neu zugeführt bekommen, zwar haben sich durch das günstige Verhältnis zwischen Ersatzzuführung
und Verlusten die Gef.Stärken allgemein gehoben (ein Vorteil, der allerdings durch die Einbehaltung der Urlauber zur Verfügung des OKH z.T. wieder aufgehoben wird), aber über
eine der Abschnittsbreite und dem unbedingten Verteidigungsauftrag entsprechende Zahl von Verbänden angesichts der erdrückenden feindlichen Überlegenheit an Kämpfern und
Material verfügt die 9.Armee eindeutig nicht. Das AOK sieht sich daher veranlaßt, bei jeder sich bietenden Gelegenheit die H.Gr. auf diesen Zustand hinzuweisen und unter
nachdrücklicher Betonung der grundsätzlichen Änderung der Feindlage immer wieder die Zuführung von Kräften zu beantragen.
Das Unternehmen "Pfingstrose" gegen Banden im Raum südlich Marina Gorka, das am 2.6. begann, ist mit dem heutigen Tage abgeschlossen (s.Anl. VII 5 - Erfolgsmeldung
s.Morgenmeldung 17.6.).
14.6.1944
KTB 9.Armee.
Der feindliche Aufmarsch vor der Front der 9.Armee hält im bisherigen Umfang an. Nach den letzten Feststellungen dürften jetzt 8 Schützendivisionen und 3 Panzerbrigaden zugeführt
worden sein. Erneut wird das Einfließen frischer Kräfte vor der Front des XXXXI.Pz.K. durch die eigene Erd- und Luftbeobachtung festgestellt. Alle 3 Divisionen des XXXXI.Pz.K.
und die Divisionen an der Südfront des XXXV.A.K. (45. und 383.I.D.) melden Motorgeräusche nachts und auch am Tage; stellenweise, so vor allem südwestl. der Beresina, wird Lkw.-
und Bespannverkehr beobachtet. Die feindliche Luftwaffe beschränkt sich auf Störtätigkeit über dem Raum des XXXXI.Pz.K. in der Nacht und auf Jagdsperre vor der Front des XXXV.A.K.
am Tage. Das Artillerie- und Granatwerfer-Feuer auf die inneren. Flügel der 35. und 36.I.D. hält an. Sonst finden auch am heutigen Tage keine besonderen Kampfhandlungen statt.
Im ganzen gesehen, ist eine noch weitere Verdichtung des feindlichen Angriffsschwerpunktes südlich der Beresina feststellbar. Dies wird sich dahin auswirken müssen, daß die
Reservenbildung beim XXXV.A.K. zugunsten des XXXXI.Pz.K. aufgelockert werden wird, jedoch sollen die Entscheidungen darüber erst morgen nach Rückkehr des Armeechefs von der
Besprechung beim OKH gefällt werden, wenn sich läßt, ob der 9.Armee nicht vielleicht doch noch andere frische Kräfte zugeführt werden (OB - Kom.Gen.XXXV.A.K., 20.00 Uhr).
Zunächst beschränkt sich die Heeresgruppe auf die Mitteilung, daß mit der Zuführung von Heeresartillerie, die so erwünscht ist, nicht gerechnet werden könne
(Ia H, Gr.-Ia, 19.00 Uhr). Dagegen kann die 18.Flak-Division, die auf Zusammenarbeit mit der 3.Panzerarmee und der 4. und 9.Armee angewiesen ist die Zuführung zweier leichter und
einer gemischten Flakbatterie zusagen und der Kdr. der 4.Fliegerdivision kündigt die Verlegung von 2 Gruppen Jägern in den Raum der 9.Armee an.
Der Kdr. der Division "Feldherrnhalle", die als OKH-Reserve zum -Einsatz bei der 9. und 4.Armee bereitgehalten wird, besucht heute zusammen mit seinem Art.Kdr., Pz.Jg.Kdr. und Ic
das AOK und das XXXV.A.K., um die Einsatzmöglichkeiten seiner Division zu prüfen und zu besprechen.
Ablösungen, Bewegungen und Reserven-Bildung nehmen mit geringen Abweichungen von der vorgesehenen Planung ihren vorgesehenen Verlauf (s.Tagesmeldung, Anl. II und Anl. IV 1 bis 4):
beim LV.A.K. soll das G.R.232 baldmöglichst herausgelöst werden, beim XXXXI.Pz.K. sind das G.R.427 der 35.I.D. und das G.R.109, bisher Korpsreserve, der 36.I.D. als Divisionsreserve
unterstellt worden; beim XXXV.A.K. verbleibt das G.R.430 vorläufig als Armeereserve, das G.R.130 hinter der 296. und 134.I.D. als Armeereserve, das G.R.133 hinter der 383.I.D.;
jedoch wird erwogen, das G.R.430 dem XXXXI.Pz.K. wieder zuzuführen.
15.6.1944
KTB 9.Armee.
Das Feindbild bestätigt sich weiter. Der Verkehr auf den Strecken im Raum Gomel - Kalinkowitschl - Schazilki hat weiter zugenommen. Es mehren sich in Frontnähe die Anzeichen sehr
weit fortgeschrittener feindlicher Angriffsbereitschaft. Der Aufmarsch weiterer starker Kräfte vor der Armeefront hält an, die Zuführung und Ausladung von rund 100 Panzern ist mit
Sicherheit erkannt, Motorgeräusche werden zu verschiedenen Zeiten, vor allem während der Nacht, vor der 129,, 35., 36., 134. and 383 I.D. festgestellt. Vor den inneren Flügeln der
35. and 36.I.D. ist eine artilleristische Verstärkung des Gegners im Umfang von 18 Batterien aufgeklärt worden. Verstärktes Feuer legt der Gegner am heutigen Tage anf die Front der
129. und 36.I.D. Seine Fliegertätigkeit über dem XXXXI.Pz.K. nachts und über der 383.I.D. am Tage ist lebhaft, verursacht aber keinen Schaden. Der Feind schanzt sich weiterhin an
die HKL der 35.I.D. heran. Das Gen.Kdo. XXXXI.Pz.K, hält die Angriffsvorbereitungen des Feindes für abgeschlossen und bemißt den Angriffsschwerpunkt auf das Gebiet von Wjunischtsche
(d.i. nach Verengung der Divisionen des XXXXI.Pz.K. 3 km südostw. der Grenze 129. zu 35.I.D. bis Sduditschi, also bis an die Beresina heran (Chef XXXXI. - Ia 9, 19.15 Uhr).
Im Zusammenhang mit den feindlichen Angriffsvorbereitungen steht erhöhte Aktivität der Banden: vor allem häufen sich die Minenanschläge gegen die Bahnen. Außerhalb des Armeebereichs
hat eine Bandengruppe nach sicherer Quelle den Befehl erhalten, mit allen Kräften Massenzerstörungen von Schienen durchzuführen und mit diesen Anschlägen in der Nacht zum 20. Juni
zu beginnen (s.KTB vom 12.6., Anl. VII 0). Zweifellos haben auch die Banden im Gebiet der 9.Armee diesen Befehl erhalten. Mit zunehmender Aktivität ist daher zu rechnen
(s.Anl.VII 1).
In der Frage der Kräftezuführung zur 9.Armee und der Kräfteverschiebungen innerhalb der Armee sind heute wichtige Entscheidungen gefallen. Die Heeresgruppe kündigt die Verlegung der
20.Pz.Div. in das Armeegebiet als Heeresgruppen-Reserve an, bezeichnet den Wunsch nach Artillerie aber weiterhin als unerfüllbar und sagt dafür zu, eine Zuführung von Sturmgeschützen
zu erwägen (Ia H.Gr. - Ia 9, 23,20 Uhr). Der Wunsch nach Artillerie ist vor allem vom Gen.Kdo. XXXXI.Pz.K. nochmals vorgetragen worden, da es sich artilleristisch nicht stark genug
fühlt und vor seinem schmaleren Abschnitt mehr feindliche Artillerie in Stellung weiß als das XXXV.A.K. (Chef XXXXI. - Ia 9, 19,15 Uhr). Innerhalb der Armee werden daraufhin
außer dem G.R.430 die Armee-Pz.Jg.Abt.743 (ohne 1 Kp.), die II./A.R.63 und nun auch die II./A.R.129 aus dem Bereich des XXXV.A.K. zum XXXXI.Pz.K. verlegt werden (s.Anl.VII 2 und X).
Aus dieser Maßnahme erhellt, daß das AOK den feindlichen Angriffsschwerpunkt weiter südwestlich erwartet als bisher, obwohl man sich an der ganzen Front immer noch nicht abschließend
darüber hat klar werden können, wo der feindliche Hauptschwerpunkt liegen wird.
Heute hat das LV.A.K. mit der 292.I.D, vom Abschnitt der 129.I.D. (XXXXI.Pz.K.) die Front bis südwestl. Ssawin Bog (Tremlja= Knick) übernommen; die Trennungslinien zwischen 129. und
35., zwischen 35. und 36.I.D. sind weiter nach Nordosten gerückt und damit alle drei Divisionsabschnitte des XXXXI.Pz.K. gegenüber dem feindlichen Angriffsschwerpunkt schmaler
geworden. Der Div.Gef.Stand der 707.I.D. ist nach Stupehi, 15 km südostw. Bobruisk, verlegt worden, die Div. selbst soll morgen im Winkel Rollbahn Bobruisk - Rogatschew, Bahn Bobruisk
 - Brosha, also beiderseits der Beresina, versammelt werden (s.Anl. II, Tagesmeldung).
Das AOK gibt in Ergänzung seiner Abwehrvorbereitungen weitere Anweisungen über die einzuhaltende Munitionstaktik. Für Störungsfeuer auf Infanterie- und Artillerie-Aufmarschräume wird
etwa ein Viertel der Erstausstattung freigegeben. Bei feindlichem Trommelfeuer soll auf Bereitstellungsräume und vorgetriebene Annäherungsgräben ebenfalls etwa ein Viertel einer
Erstausstattung verschossen werden können. Zur Abwehr der Feindangriffe selbst muß darüber hinaus für die ersten 24 Stunden eine volle Erstausstattung vorhanden sein (s.Anl.IV).
16.6.1944
KTB 9.Armee.
In zunehmendem Tempo und Umfang schreiten die feindlichen Angriffsvorbereitungen fort. Das Einfließen von Panzerkräften ist gegenüber der 36.I.D. und der Südfront des XXXV.A.K. zu
erkennen. Motor- und Kettengeräusche werden vor der 35. und 36.I.D., der Südfront und dem linken Flügel des XXXV.A.K. gehört. Auch artilleristisch trifft der Gegner Vorbereitungen
für eine Großoffensive: vor der 35.I.D. sind seit dem 14.6. 32 neue Battr. aufgeklärt worden, die HKL dieser Div. lag in der vergangenen Nacht unter heftigem Beschuß, erstmalig auch
mit Kaliber 15 cm. Nachrichten aus sicherer Quelle besagen, daß der Russe Ausbildung an der Gasmaske betreibt und von Geschossen spricht, die nicht berührt werden dürfen. Es ist
also vielleicht sogar mit dem Einsatz von Gas, mindestens von neuartigen Geschossen zu rechnen (s.Anl. IV 4). Auffallend ist in diesem Zusammenhang, daß die 134.I.D. keinerlei
feindliche Artillerie-Massierung oder deren Einschießen meldet.
Eine zusammenfassende Beurteilung der augenblicklichen Lage enthält der heutige Antrag des Oberbefehlshabers an die Heeresgruppe, mit dem die Zuführung von Verstärkungen für die
Armee noch vor Beginn der feindlichen Offensive nochmals dringend erbeten wird. Der OB begründet seinen Antrag damit, daß "der seit dem 3. Juni erkannte, seit dem 10. Juni in
gesteigertem Umfang und Tempo vollzogene Aufmarsch starker Feindkräfte nach bisherigen Unterlagen den Zulauf von mindestens 10 Schützendivisionen und einem Panzerkorps gebracht
hat". Dieser Zulauf hält unvermindert an. Da nach bisherigen Berechnungsunterlagen der Feind bei gleichbleibendem Verkehr täglich 2 weitere Schützendivisionen und 1 Panzerbrigade
oder entsprechende Artillerie-Verbände heranbringen kann, ist der Umfang des Gesamtaufmarsches noch nicht abzusehen. Er richtet sich in steigendem Maße gegen die Front des
XXXXI.Pz.K., also gegen die Armeefront südwestlich der Beresina. Das AOK hat deshalb seinerseits die beabsichtigte Herauslösung der 129.I.D. (vergl. KTB vom 3.6.1944) angehalten und
die dem XXXV.A.K. bereits zur Verfügung gestellten Teile dieser Division dem XXXXI.Ps.K. wieder zugeführt bezw. ihre Zuführung befohlen. Damit ist der Brennpunkt bei Rogatschew
geschwächt, jedoch eine der operativen Bedeutung des Feindschwerpunktes vor dem XXXXI.Pz.K. entsprechende Reservenbildung hinter der Front dieses Korps keineswegs erreicht worden.
Über die Verlegung der 20.Pz.Div.(s.Anl. V 2) und der 707.I.D. in den Armeebereich hinaus wird daher beantragt: die Zuführung je zweier Abteilungen le.F.H. und s.F.H., einer
Abteilung Mörser, eines Werfer-Regiments, einer Sturmgesch.Brigade und einer Tigerabteilung - diese vor allem für die panzergefährdete Nordfront des XXXXI.Pz.K. Außerdem wird
gebeten, 2 voll kampfkräftige Divisionen zur vorübergehenden Stärkung der 9.Armee bereitzuhalten, falls die im Raume Gomel - Kalinkowitschi - Rogatschew anzunehmenden Feindkräfte
ganz und einheitlich zum Ansatz gegen die 9.Armee kommen. Der OB geht dabei von der Überzeugung aus, daß sich die operative Bedeutung der 9.Armee innerhalb der Armeen der
Heeresgruppe Mitte auf Grund des wesentlich veränderten Feindbildes verschoben hat (s.Anl. V 1).
Bisher hat die Heeresgruppe außer der 20.Pz.Div. (s.Anl.V 2) die Zuführung einer einzigen lei.Art.Abteilung (RSO) von der 2.Armee (Ia H.Gr. - Ia 9, 12,35 Uhr) zugesagt und die
Verschiebung der Division "Feldherrnhalle" in den Bereich der Armee in Aussicht gestellt (s.Anl. X, 19.00 Uhr). Die 20.Pz.Div. wird vom 18. Juni an eintreffen (s.Anl. X, 17.30 Uhr).
Die erforderlichen Ablösungen und Bewegungen zur Reservebildung innerhalb des Armeebereichs schreiten fort. Ausdrücklich wird dazu befohlen, daß alle Bewegungen nur bei Dunkelheit
und unter weitgehender Zerlegung durchzuführen sind. Sie sollen am 18.6. abgeschlossen sein (s.Anl.IV 2). Das bisher unmittelbar beim A.H.Qu. untergebrachte Pz.Zerstör-Btl. wird
mit dem Auftrag, Einsatzmöglichkeiten zur Abriegelung feindlicher Panzereinbrüche im Abschnitt der 35., 36., 45., 383.I.D. und der Südfront der 6.I.D. zu erkunden, am morgigen Tage
nach Raduscha verlegt werden (s.Anl.IV 1). Dem Stabe der 707.I.D. wird befohlen, im Einvernehmen mit dem Gen.Kdo.XXXXI.Pz.K. und XXXV.A.K. Einsatzmöglichkeiten zum Abriegeln
feindlicher Einbrüche in den Abschnitten dieser Korps zu erkunden; der Div.Stab mit einem G.R., der Nachr.Abt. und der Pz.Jg.Kp. sollen am 17. und 18. Juni in den Raum um Ugly
- Stassewka (20 km südl. Bobruisk), das andere G.R. in den Raum Shilitschi (33 km ostw. Bobruisk) verlegt werden. Die Art.Abt. der Division wird dem Gen.Kdo. XXXV.A.K. unterstellt
(s.Anl. IV 3). Zur Sicherung der Bahnstrecke Bobruisk -Staruschki und gegebenenfalls als weitere Reserve hinter der Front des XXXXI.Pz.K. soll das Sicherungs-Regt.183 des Korück
vollständig an dieser Bahn entlang eingesetzt werden (s.Anl. X, 19.00 Uhr).
Um auf die s.Qu.-Nachricht hin, daß der Feind sich mit Gasabwehr beschäftigt, auf alle Fälle gewappnet zu sein, befiehlt der OB, vorausschauend Abwehrmaßnahmen gegen etwaige
Gasangriffe zu treffen, wobei er die seelische Abwehrbereitschaft der Truppe besonders betont (s.Anl. IV 4).
17.6.1944
KTB 9.Armee.
Das AOK gibt heute eine zusammenfassende Darstellung des bisherigen Feindaufmarsches, eine Beurteilung seines Umfangs und seiner wahrscheinlichen Absichten. Der Aufmarsch umfaßt
nahezu die gesamte 9.Armee und liegt im Rahmen der von Kalinkowitschi bis Polozk sich abzeichnenden Angriffsplanung. Der Hauptstoß ist immer eindeutiger zwischen Wjunischtsche
und der Beresina, möglicherweise auch zwischen Tremlja und Beresina, also noch breiter, anzunehmen. Er wird von Stößen zwischen Ola und Dnjepr sowie zwischen Rogatschew und
Oserane begleitet sein. Die Vorbereitungen für diese Angriffsrichtungen sind aus dem Artillerie-Aufmarsch (vor dem XXXXI.Pz.K. 100 neue Bttr., im Drut-Brückenkopf 11 neue Bttrn.
in den letzten Tagen), aus dem Einschießen der Artillerie und dem lebhaften Art.Störungsfeuer, aus den aus der Luft und auf der Erde beobachteten Bewegungen von Panzern, aus dem
Verkehr von Lkw., dem Heranschanzen des Gegners, sowie dem unruhigeren Feindverhalten überhaupt klar erkennbar geworden. Hierzu kommt heute der erste Versuch örtlicher
Verbesserung der feindlichen Ausgangsstellung: der Feind drückt die eigenen Gefechtsvorposten ostwärts der Insel Choljun (45.I.D.) auf die Insel zurück und vereitelt den
Gegenstoß durch überlegenes Infanterie-Feuer (s.Anl.II,Tagesmeldung). Bei Papprotnoje (6.I.D.) hat sich der Gegner heute zum ersten Mal eine halbe Stunde lang eingenebelt.
Nach Gefangenenaussagen soll der Angriff mit Unterstützung englischer und amerikanischer Flieger in den nächsten Tagen beginnen. Das AOK rechnet mit Angriffsbereitschaft von
20.Juni an und mit dem Einsatz starker Luftstreitkräfte und neuartiger Waffen. Mit gleichzeitig einsetzenden Bandenaktionen, die die schlagartige Lahmlegung und laufende Störung
aller Verkehrsverbindungen bezwecken, muß ebenfalls gerechnet werden, (s.im allgemeinen Anl. VII 1).
Einen Beweis für die Bereitstellung neuartiger Waffen sieht das AOK darin, daß von der 134.I.D. bis gestern keine Massierung und kein Einschießen von Artillerie gemeldet wurde.
Erstmalig heute hat sich der feindliche Beschuß auch im Abschnitt dieser Division verstärkt. Der OB befiehlt jedenfalls, den Raum vor der 134.I.D. sorgfältig zu fotografieren,
Artilleriefeuerschläge zu schießen und die Div. auf die besondere Gefahr aufmerksam zu machen: durch vermehrtes Auseinanderziehen, durch Panzerdeckungslöcher und Verstärkung
der Deckungen soll sich die Truppe der möglichen Gefahr eines Angriffs von Raketenwaffen entziehen, deren Kaliber in einer Größe bis zu 36 cm vermutet wird (OB - Chef 9, 19.35 Uhr).
Um das XXXXI.Pz.K. weiterhin so weit wie nur irgend möglich mit armeeeigenen Verbänden artilleristisch zu verstärken, befiehlt das AOK heute die Verlegung einer le.Art.Abt. vom
LV.A.K. zum XXXXI.Pz;K. (s.Anl.VII 2). Zur pioniertechnischen Verstärkung der Front wird bei der Heeresgruppe die beschleunigte Zuweisung von weiteren 30 000 T-Minen beantragt
(s.Anl. V 3).
Die Sorge um die Sicherheit im rückwärtigen Armeegobiet läßt sich das AOK nach wie vor besonders angelegen sein. So wird neuerdings befohlen, in den belegten Ortschaften
wöchentlich mindestens einmal eine Alarmübung durchzuführen und die Wegnahme von Vieh durch die Banden durch schärfste Bewachung auf jeden Fall zu verhindern (s.Anl. IV 1).
Ferner wird auf Grund mehrerer Vorfälle die Munitionsausstattung der landeseigenen Verbände und des russischen Ordnungsdienstes begrenzt (s.Anl. IV 2).
Das letzte große Unternehmen ("Pfingstrose") gegen Banden im Raume zwischen den Orten Marina Gorka, Ossipowitschi, Staryje Dorogi, Schazk und Ssluzk hat leider doch nicht den
erhofften Erfolg gehabt: die Einbußen der Banden entsprachen nicht dem Einsatz eigener Kräfte (abschließende Erfolgsmeldung s.Anl. II). Das Unternehmen hatte am 2. Juni unter
besondere günstigen Vorzeichen und für die Banditen völlig überraschend begonnen, es war auch mit größter Sorgfalt bezüglich der Geheimhaltung und mit verhältnismäßig starken
Kräften durchgeführt worden. Durch das Gelände begünstigt, glückte es der Mehrzahl der Banditen trotzdem wieder, sich durch ihre Aufsplitterungstaktik dem entscheidenden Zugriff
und damit der Vernichtung zu entziehen.
18.6.1944
KTB 9.Armee.
Ein abschließendes Bild vom Stande der feindlichen Aufmarschbewegungen läßt sich durch die heutige Luftaufklärung noch nicht gewinnen. Jedoch ist die feindliche
Angriffsbereitschaft erheblich weit fortgeschritten. Dafür liegen viele Anzeichen vor: vor der Front der 35. und 36.I.D., also im vermutlichen feindlichen
Hauptangriffsschwerpunkt, sind mehrfach frontwärtige Bewegungen und weiteres Vorschanzen zu beobachten. Die Feindstellungen ostwärts Wjunischtsche, am linken Flügel der 129.I.D.,
und bei Wossohod (383.I.D.) sind stark besetzt. Geräusche von Motoren und Kettenfahrzeugen vor der 35.I.D. halten die ganze Nacht über bis morgens 6.00 Uhr an, am Tage werden
Motorengeräusche bei Derbin,im Mittelabschnitt der 129.I.D., gehört. Auch aus den Räumen ostw. Shlobin, ostw. Rogatschew und ostw. des Drutbrückenkopfes ist starker Lärm von
Motorfahrzeugen, zum Teil von Kettenfahrzeugen vernehmbar. Die feindliche Artillerietätigkeit lebt nun auch beim LV.A.K., bei Iwaschkowitschi und Kopatkewitschi (292.I.D.) sowie
bei der 296. und 134.I.D. (XXXV.A.K, ) auf. Auf den Abschnitt der 134.I.D. schießt der Gegner mit Phosphorgranaten. Bei der 45.I.D., an der Südfront des XXXV.A.K., hält das
starke feindliche Feuer an; hier wiederholt der Feind in den frühen Morgenstunden seine örtlichen Angriffe gegen die Gefechtsvorposten, die er diesmal westlich der Insel
Choijun zweimal in Kp.Stärke, allerdings Vergeblich, angreift. Das AOK drängt darauf, daß die Gefechtsvorposten ostwärts der Insel ihre verlorene Stellung zurückgewinnen.
Es kann nicht zugelassen werden, daß der Feind Verbesserungen seiner Ausgangsstellungen vornimmt (Chef 9 - Ia XXXV., 11.20 Uhr). Außerdem befiehlt der OB mit Nachdruck, daß die
feindlichen Artilleriestellungen, soweit sie erkannt sind, bekämpft und von beiden Korps (XXXX . und XXXV.A.K.) hierfür mindestens je 3000 Schuß am Tage verfeuert werden
(Ia 9 - Harko, 19.00 Uhr). Der OB wird bei seinem morgigen Besuch beim Feldmarschall Gelegenheit nehmen, eine Sonderzuweisung von Munition für diesen Kampfauftrag zu beantragen.
Ob und in welchem Umfange der Feind gegenüber der 134.I.D. oder auch an anderen Stellen Raketengeschütze bereitgestellt hat, ist mit Sicherheit noch nicht aufgeklärt worden.
Jedenfalls vereinbart der Ia mit der Luftflotte, daß dem AOK täglich, möglichst für mehrere Tage im voraus, die vermutlichen Windrichtungen und Windstärken übermittelt werden,
damit sich die Wirksamkeit etwaiger Gas- oder Nebelangriffe vorausschauend abschätzen läßt (Ia 9 - Chef-Meteorologe der Luftflotte 6, 16.30 Uhr).
Aus sicheren Quellen verlautet, daß Marschall Shukow gegenüber der 134.I.D. den russischen Graben besuchte und an Stelle des bisherigen OB der drei weißrussischen Fronten,
Rokossowisky, der angeblich erkrankt ist. den Oberbefehl über diese Fronten übernommen haben soll (Ic).
Sicherung und Reservenbildung an der nördlichen Armeenaht (Trennungslinie zur 4.Armee) sind unbefriedigend (Chef-Ia XXXV, 11,20 Uhr); das dortige Waldgelände reicht gefährlich
tief hinter die Front der 134.I.D.: überdies liegt in der Gegend der Trennungslinie häufig bis etwa 5.00 Uhr morgens Bodennebel (OB - Kom.Gen.XXXV., 19.40 Uhr). Die Anschluß-Div.
der 4.Armee, die 57.I.D., hat 3 Btle. herausziehen müssen und kann nur zwei Kpn. als Nahtsicherung bei Rekta bereitstellen (Chef 9 - Chef 4, 11,25 Uhr). Auf Antrag der 9.Armee
erklärt sich die H.Gr.itte daher damit einverstanden, daß das G.R.727 der 707.I.D., das als Heeresgruppenreserve hinter der Ostfront des XXXV.A.K. steht, weiter nach Norden in
die Gegend Ossownik - Kruschinowka=See verlegt wird (Ia 9 - Ia H.Gr., 16,45 Uhr und Anl.IV 1). Auf Befehl der H.Gr. ist ein Sich.Rgt. mit 3 Btl. vorsorglich auf seinen möglichen
Einsatz in der Front vorzubereiten.(FS. der H.Gr. vom 15.6., 23.50 Uhr). Das AOK hat das Sich.Rgt.183 des Korück vorgesehen und plant seine Versammlung in Gegend Ptitsch=Brücke
der Eisenbahn Bobruisk - Staruschki mit der Absicht, mit diesem Rgt. und dem G.R.232, das als Armeereserve beim LV.A.K. steht, später vielleicht einmal die ganze 292.I.D.
herauszulösen, vorausgesetzt, daß der Feind seinen Angriff nicht auch auf dieses Korps erstreckt (s.Anl. V 1 und Anl. X, 19,15 Uhr). - In der Stärkung der Schwerpunktkorps und
in der Reservenbildung sind weitere Fortschritte und Veränderungen zu verzeichnen: das Gen.Kdo.XXXV.A.K. wird noch das gesamte G.R.519 aus der Front ziehen; bisher stehen erst
2 Kpn. in Reserve hinter der Mitte 296.I.D. (OB - Kom.Gen.XXXV.A.X.,. 19.40 Uhr). Das G.R.130, bisher Armeereserve hinter der 296. und 134.I.D., wird dem Gen.Kdo.XXXV.A.K. als
Korpsreserve überlassen (s.Anl. X, 19.15 Uhr). Die Art.Abt. der 707.I.D. (I./A.R.657) hat das AOK der 296.I.D. unterstellt (s.Tagesmeldung, Anl. II). Diese Division selbst
verlegt ihren Gefechtsstand nach Korolewskaja Ssloboda 1 (25 km südl. Bobruisk, auf dem Westufer der Beresina), um der 20.Pz.Div. Platz zu machen, deren Gefechtsstand nach Stupeni
(12 km südostw. Bobruisk) kommt, indessen die 20.Pz.Div. selbst im Raum und den Orten Titowka, Stupeni, Malinowka, Mal.Bortnik, Sabolje, Chomitschi, Kotritschi, Dubrowa, Ostufer
der Beresina, also beiderseits der Rollbahn Bobruisk - Mogilew und um den Korps-Gef.Stand XXXV.A.K. herum versammelt wird (s.Tagesmeldung Anl.II). Die ersten vier Züge dieser Div.
sind eingetroffen (s.Tagesmeldung, Anl.II).
Um das XXXXI.Pz.K., vor dessen Front bis heute 115 neue Feind-Bttrn. aufgeklärt worden sind (s.Anl.X, 19,15 Uhr) weiterhin mit armeeeigenen Kräften artilleristisch zu verstärken,
werden ihm heute auch noch die II./A.R.129 und die 3./A.R.817 (Langrohr-Bttr.) zugeführt (s.Anl. VII 1, 2).
Damit hat das AOK auf Kosten des LV. und XXXV.A.K. alles zur artilleristischen Vorbereitung des XXXXI.Pz.K. auf die feindliche Offensive getan, was es in der augenblicklichen
Lage tun und verantworten kann. Der OB wird bei seinem morgen Besuch beim Feldmarschall auch die Frage weiterer Zuführung von Artillerie zum wiederholten Male anschneiden.
Jedoch darf nicht damit gerechnet werden, daß die H.Gr. noch Kräfte zur Verfügung stellen kann, da der Feind Verstärkung auch vor der 2.Armee zuführt und diese Armee mit
zunehmender Abtrocknung der Pripjet-Sümpfe ihre Front verdichten muß. Auch bei der 4.Armee, vor allem an der Autobahn Smolensk - Borissoff und bei der 3.Pz.Armee zeichnen sich
feindliche Angriffsschwerpunkte ab (OB - Chef, 11.00 Uhr).
19.6.1944
KTB 9.Armee.
Die Anwesenheit Marschall Shukows als Oberbefehlshaber der Feindfront gegenüber dem Abschnitt der H.Gr.Mitte wird durch die Aussage eines gefangenen russischen Fliegers bestätigt.
In diesem Zusammenhang erinnert man sich an eine etwa 14 Tage zurückliegende Meldung des Londoner Rundfunks, wonach die russische Sommeroffensive dieses Jahres eine Überraschung
bezüglich ihrer Zielrichtung bringen werde. Die alte Zielrichtung Südwest (Lemberg, Balkan) scheint zugunsten der Zielrichtung Nordwest, dh. zugunsten der Rückeroberung
Weißrußlands vorläufig aufgegeben worden zu sein. Wie Gefangene immer wieder aussagen, betont der politische Unterricht für die Rotarmisten die Befreiung der noch besetzten Teile
und die Erreichung der alten Grenzen der Sowjetunion als erstes Ziel. Die neue Zielrichtung entspricht auch der bolschewistischen Kriegsführung, die mit Offensiven in
bandenverseuchte und aufständische Gebiete gute Erfahrungen, gemacht hat. Wie eng die Aufträge an die Banden mit der neuen Offensive gekoppelt werden, läßt sich schon aus dem
Befehl entnehmen, Massenanschläge gegen die Eisenbahnen durchzuführen (vgl.KTB vom 15.6.44). Nach s.Qu. hat der Zentralstab der Bandenbewegung am 18.Juni folgenden Befehl gegeben:
"In den nächsten Tagen beginnen die Kampfhandlungen der amerikanischen Luftstreitkräfte auf die Luftstreitkräfte des Gegners -im vorläufig noch unbesetzten Gebiet." Es wird den
Banden befohlen, notgelandeten amerikanischen Fliegern jede Hilfe zuteil werden zu lassen und sie in sowjetisches Gebiet abzuschicken (s.Anl.VII 3).
Der Schwerpunkt der feindlichen Offensive dürfte sich also zweifellos bei der Heeresgruppe Mitte befinden. Der Eisenbahnaufmarsch des Gegners hält im bisherigen Umfang an und
läuft in die bisherigen Schwerpunkte s. der Beresina und n. Rogatschew aus. Die Bewegungen und Motorgeräusche vor der gesamten Front des XXXXI.Pz.K., vor der 45.I.D., o. Shlobin
und zwischen Rogatschew und Blisnezy halten an; vor der 383.I.D. (Südfront des XXXV.A.K.) lebt der Verkehr ebenfalls wieder auf. Der feindliche Artilleriebeschuß auf die
Abschnitte der 35. und 134.I.D. hat sich verstärkt. Zahlreiche Salvengeschützstellungen im Schwerpunkt vor dem XXXXI.Pz.K. sind aus der Luft aufgeklärt worden. Mit Großeinsatz
von Nebel muß gerechnet werden. Gesteigerte Bekämpfung der feindlichen Artillerieräume wird ausdrücklich befohlen, den Gen.Kdos.XXXXI. Pz.K. und XXXV.A.K. werden für die nächsten
24 Stunden weitere je 2000 Schuß le.F.H. hierfür zugewiesen (s.Anl.VII 1 und 2). Der Feldmarschall sagt für den morgigen Tag eine einmalige ganz besondere Zuteilung von 18 000
Schuß le.F.H. zu (F.M. - OB, 19.05 Uhr).
Auf dem linken Flügel der 129.I.D. (XXXXI.Pz.K.) hat der Feind heute mit neuartiger MG-Munition geschossen. Das Geschoß knallt stärker als übliche Munition, entwickelt bei seinem
Aufschlag eine Detonation, die etwa ein Viertel so stark wie die Detonation einer Handgranate ist, und eine bläuliche Flamme in der Größe eines Medizinballs hat. Diese Munition
ist bisher nur sei Dunkelheit angewandt worden, ihre Splitterwirkung ließ sich nicht feststellen (s.Anl.II, Tagesmeldung).
Für das XXXXI.Pz.K. fordert der OB von der Heeresgruppe mindestens noch je eine Abteilung Ie.F.H., s.F.H. und Mörser (OB - Harko, 10.35 Uhr). Die H.Gr. teilt jedoch gegen Abend
mit, daß über Zuführung von
Artillerie noch keine neue Entscheidung gefallen sei; die Forderung des AOK nach Panzerzügen für die Strecke Bobruisk - Staruschki dagegen solle erwogen und eine
Sturmgeschütz-Brigade der 4.Armee werde so bereitgestellt werden, daß sie auch bei der 9.Armee Kampfaufträge übernehmen könne (Ia H.Gr./Ia, 18.00 Uhr). Alle Forderungen der Armee
nach infanteristischer Verstärkung werden jedoch von der Heeresgruppe mit dem Satz abgelehnt: "Wir können nicht unsere einzigen zwei Divisionen hinter der 9.Armee aufstellen"
(Ia H.Gr. - Chef 9, 9.00 Uhr).
Auf die Nachricht aus s.Qu. hin, daß sich der Gegner mit Gasabwehr befasse, hatte das AOK angefragt, ob man deutscherseits nicht daran denken müsse, die für den Fall der Eröffnung
des Gaskriegs vor kurzem ausgegebenen Stichworte nunmehr in Kraft zu sehen. Die H.Gr. teilt dazu mit, daß es sich bei den Stichworten nach wie vor um einen allgemeinen Hinweis
handele (Ia H.Gr./Ia, 18.30 Uhr).
Im Zuge der Reservenbildung im Abschnitt südlich der Beresina ist ein Btl. G.R.232 (LV.A.K.) durch Teile des Armeesturm-Rgts. nunmehr herausgelöst wordon (s.Anl. II, Tagesmeldung).
Das G.R.232 soll nach völligem Herauslösen als Armeereserve im Raum Leski - Gat - Kurin -Kowali (an der Trennungslinie 292./129.I.D.) mit dem Auftrag verlegt werden,
Einsatzmöglichkeiten im Abschnitt Kopatkewitschi - Korma (292. bis Mitte 35.I.D.) zu erkunden (s.Anl.IV 1). An den Korück ergeht der Befehl, das Sich.Rgt.183 bis zum 23.6. zur
Verfügung der Armee hinter der Eisenbahn Bobruisk - Staruschki in die Orte Salaweny, Poretschje und Bol.Demenka zu verlegen. Dies Regiment erhält den Befehl, sich auf die
Herauslösung eines Rgt. der 292.I.D., auf die Abriegelung etwaiger feindlicher Einbrüche im Abschnitt Kopatkewitschi - Korma (wie G.R.232) und auf den Schutz der Bahnstrecke
zwischen Nowosselki und Tschernyje Brody einzustellen. Das Rgt. hat ferner die Eisenbahnbrücke über den Ptitsch bei Bol.Demenka stark zu sichern (s.Anl.IV 2). —
Von der 20.Pz.Div. sind weitere 12 Züge eingetroffen.
Der Komm.Gen.des XXXV.A.K., Gen.d.Inf.Wiese, ist abberufen worden, um die 19.Armee in Südfrankreich als OB zu übernehmen (IIa -Chef, 18,45 Uhr). Mit dem Stolz über diese
Auszeichnung verbindet die 9.Armee leider die Gewißheit, daß das Ausscheiden dieses an den Erfolgen der 9.Armee maßgebend beteiligten Generals im Hinblick auf die bevorstehende
Feindoffensive ein schwerer Verlust für sie ist.
20.6.1944
KTB 9.Armee.
Wie die Heeresgruppe mitteilt, haben die in den rückwärtigen Gebieten der 2. und 4.Armee sowie im Bereich des Wehrm.Befh.Weißruthenien befindlichen Banden in der vergangenen
Nacht - offenbar auf Grund einer zentralen Moskauer Weisung - schlagartig eine Großaktion gegen die deutschen Versorgungsbahnen und -Stützpunkte unternommen: insgesamt sind
über 5000 Sprengstellen gezählt worden. Man hat von dieser Absicht allerdings erfreulicherweise so rechtzeitig Kenntnis erhalten, daß es gelungen ist, eine große Anzahl von
Minen auszubauen und die z.T. mit starken Kräften gegen die einzelnen Bahnhöfe und Stützpunkte gerichteten Überfälle erfolgreich abzuwehren (s.Anl. V 1). Da man jedoch aus
verläßlichen Nachrichten weiß, daß der Gegner diese Aktion fortzusetzen gedenkt, und zwar auch in den bisher noch nicht betroffenen Gebieten wird vom AOK mit sofortiger
Wirkung ein verstärkter Streckenschutz unter Heranziehung aller in der Nähe von Bahnlinien liegenden Truppen angeordnet, wobei gleichzeitig darauf hingewiesen wird, daß durch
die für einen solchen Fall vorbereitete Aufstellung von Alarmeinheiten aus den Versorgungstruppen die Bewachung der Lager und der sonstigen Versorgungseinrichtungen nicht
beeinträchtigt werden dürfe, da ja auch hier mit Bandenüberfällen gerechnet werden muß (s.Anl. IV l).
Man weiß aber auch, daß diese Großaktionen der fanden nach der Planung der sowjetisch in Führung den Auftakt der feindlichen Offensive zu bilden bestimmt sind, und aus diesem
Grunde ist man beim AOK der Auffassung, daß der Zeitpunkt des zu erwartenden Großangriffs nunmehr in allernächste Nähe gerückt sei. Mit höchster Aufmerksamkeit beobachtet und
prüft das AOK deshalb an Hand aller vorhandenen Aufklärungsergebnisse laufend das Feindbild, vor allem um vielleicht doch noch zu einer eindeutigen Klärung der nun schon seit
Tagen über den Entschlüssen der Armeeführung schwebenden Frage zu gelangen, ob der Hauptstoß des Feindes beim XXXXI.Pz.K. oder ob er an der Ostfront des XXXV.A.K. zu erwarten
sei. Die neuesten Luftaufklärungsergebnisse zeigen, daß sich vor dem linken Abschnitt des XXXXI.Pz.K, 160 feindliche Batterien in Stellung befinden, weiterhin deutet das
heute auch im mittleren und linker Abschnitt der 129.I.D. auffällig stärker gewordene gegnerische Störungsfeuer auf die Möglichkeit einer weiteren Ausdehnung der feindlichen
Angriffsvorbereitungen nach Süden hin (s.Ic-Zwischenmeldung und Anl. VII 6). Beim AOK wird infolgedessen, da der größere feindliche Stoß hiernach möglicherweise beim
XXXXI.Pz.K. erwartet werden kann, eine Änderung der Artilleriegruppierung durch Verschiebung einer Mörs.Abt. und gegebenenfalls noch je einer Abt. der Art.Rgter.45 und 383
von XXXV.A.K. zum XXXXI.Pz.K. erwogen (Ia/Harko, 19.00 Uhr).
Gegen Abend allerdings treffen beim AOK Ergebnisse der Nachrichten-Drahtaufklärung aus dem Abschnitt der 296.I.D. (XXXV.A.K.) ein, die einerseits, auch obgleich sie nur aus
einem verhältnismäßig schmalen Frontabschnitt nördlich Rogatschew stammen, die Aufmerksamkeit der Führung wieder erheblich auf die Ostfront der Armee lenken, andererseits
aber den Schluß eines ganz kurz bevorstehenden Angriffsbeginns zulassen (s.Anl. VII 3), der gegebenenfalls für die gesamte Armeefront schon morgen bevorsteht.
Diese Nachrichten lassen die endgültigen Entschlüsse des Oberbefehlshabers nun doch anders lauten. Der Plan zur Abziehung von Artillerie der 45. und 383.I.D. wird fallen
gelassen, dafür soll eine Stärkung der Artillerie des XXXXI.Pz.K. durch Heranziehung von Teilen der 20.Pz.Div. erfolgen. Die Heeresgruppe hat - in teilweiser Bewilligung des
vom AOK dazu gestellten Antrages auf Freigabe zweier Abteilungen das Pz.Art.Rgt.92 (20.Pz.Div.) - die Genehmigung zum Einsatz einer Abteilung erteilt; diese Abteilung
(II./Pz.A.R.92) soll nun morgen in aller Frühe zum XXXXI.Pz.K. in Marsch gesetzt werden und im Abschnitt der 35.I.D. unter Aufrechterhaltung jederzeitiger
Rückmarschbereitschaft in Stellung gehen (s.Anl. VII 4). Ferner wird dem Gen.Kdo. XXXV.A.K. befohlen, die Mrs.Abt.858 zur Verstärkung des artilleristischen Schwerpunktes bei
der 35.I.D. dem XXXXI.Pz.K. zuzuführen, allerdings erst dann, sobald für morgen mit einem Großangriff beim XXXV.A.K. nicht mehr gerechnet zu werden braucht, was erfahrungsgemäß
schon in den frühen Vormittagsstunden mit einer gewissen Sicherheit wird entschieden werden können (s.Anl. VII 5). Zusätzlich gibt der OB den beiden Schwerpunktkorps je ein
größeres Munitionskontingent zur Durchführung von Artillerie-Feuerschlägen auf die vermuteten feindlichen Bereitstellungsräume frei. An weiteren Maßnahmen wird vom AOK für den
Fall feindlicher Angriffserfolge nochmals eine 'sorgfältige Überprüfung der Sperrkalender, insbesondere für die von Osten auf Bobruisk führenden Straten und die Bahnstrecke
Shlobin - Bobruisk angeordnet (s.dazu Anl. VII 7-9 und Anl. X Chef/A.Pi.Fü., 21.6.44, 0,50 Uhr). Für die im Raum um Bobruisk liegenden beiden Reserve-Divisionen (20.Pz.Div.
und 707.I.D.) ist zweistündige Alarmbereitschaft befohlen, einerseits um sie erforderlichenfalls schnellstens einsetzen zu können, andererseits im Hinblick auf die Möglichkeit
eines Feindangriffs mit Fallschirm- und Luftlandetruppen, der insbesondere der Wegnahme des Verkehrsknotenpunktes Bobruisk gelten könnte (vergl.Anl. VII 10). Das AOK selbst
hat für den Bereich seines Hauptquartiers ebenfalls alle Vorbereitungen getroffen, um einem solchen Fall das Überraschungsmoment zu nehmen, und auch für den Fall eines
Luftangriffs ist durch den Bau zahlreicher Bunker die Aufrechterhaltung jederzeitiger Arbeitsbereitschaft sichergestellt worden.

21.6.1944
KTB 9.Armee.
Der erwartete feindliche Angriff beginnt noch nicht. Zwar hat der Gegner im Bereich der Nachbararmeen schon einige Angriffe kleineren Ausmaßes geführt (s.Anl V 1 und VII 4),
im eigenen Abschnitt dagegen kommt es noch zu keinen nennenswerten Kampfhandlungen. Gründe zu einer Änderung der Feindbeurteilung liegen allerdings weder hinsichtlich des
weiterhin als kurz bevorstehend anzusehenden Angriffszeitpunktes noch hinsichtlich der zu erwartenden Angriffsschwerpunkte vor. Bei XXXXI. Pz.K. ist durch Stoßtruppaufklärung
festgestellt worden, daß der Feind in der vergangenen Nacht gegenüber den inneren Flügeln der 129. und 35.I.D. zwei Gardeschtz.Div., also eine als besonders stark zu bewertende
Stoßgruppe, in seine Front eingeschoben hat (s.Ic Zwischenmeldung). An der Ostfront des XXXV.A.K. halten die lebhaften feindlichen Bewegungen an, auch Panzer sind, wie in den
Vortagen, wieder zu beobachten. Das Gen.Kdo. XXXV.A.K. hat eine Art.Abt. (I./A.R.36) an den linken Korpsflügel verschoben, da dort weder die eigenen noch die hinter dem
Südflügel der 4.Armee stehenden Reserven besonders stark sind (Komm.Gen. XII/OB, 21.30 Uhr) und ein größerer feindlicher Angriffserfolg in diesem Abschnitt sich leicht zu einer
kräftezehrenden Belastung der Gesamtverteidigung auswirken könnte, was auf jeden Fall vermieden werden muß. Das AOK hat das AOK 4 mehrfach auf diesen Gefahrenpunkt hingewiesen.
Über das Feindbild vor der Südfront des XXXV.A.K. besteht wegen der geländebedingten Schwierigkeit einwandfreier Luftaufklärung immer noch keine volle Klarheit; immerhin
erscheinen Angriffe aus dem vermutlichen Bereitschaftsraum des Gegners im Waldgebiet nördlich Schazilki nach wie vor durchaus möglich.
Als voraussichtliches Angriffsdatum hat der morgige Tag schon deshalb eine besonders große Wahrscheinlichkeit, da er der dritte Jahrestag des Ostfeldzug-Beginns ist und der
Feind vielleicht gerade diesen Tag als historisches Datum zum Anfangstag seiner diesjährigen Sommeroffensive bestimmt hat; oft genug ist in Aussagen von Gefangenen und
Überläufern sowie in Ergebnissen der Nachrichtenaufklärung davon die Rede gewesen. Die Vermutung, daß morgen der sowjetische Großangriff beginnen könnte, wird ferner dadurch
bestätigt, daß in der vergangenen Nacht nun auch im rückwärtigen Gebiet der Armee die Bandentätigkeit schlagartig zugenommen hat: nach bisherigen Meldungen ist es an der jetzt
aus gebauten, aber noch nicht befahrenen Strecke Staruschki - Uretschje zu insgesamt über 500 Minenanschlägen gekommen, von denen allerdings etwa die Hälfte hat verhindert
werden können (s.Anl. VII 5).
Das AOK ergänzt seine Maßnahmen zur Vervollkommnung der Abwehrbereitschaft noch durch weitere Befehle: Im Hinblick auf die Feststellung der beiden Gde.Divisionen beim XXXXI.Pz.K.
erscheint die schnelle Einsatzbereitschaft der in dessen Abschnitt stehenden Armeereserven (G.R.232 und Sich.Rgt.183) besonders vordringlich; sie werden deshalb auf zweistündige
Alarmbereitschaft gestellt.(s.Anl.IV 1). Darüber hinaus werden vom AOK Anweisungen an die Gen.Kdos, gegeben, die der Sicherstellung einer reibungslosen Meldungserstattung durch
Funk im Falle eines Ausfalls von Drahtverbindungen dienen sollen (s.Anl.IV 2 und VII 1). Beide Gen.Kdos, erhalten nochmals eine zusätzliche Munitionszuweisung (s.Anl. VII 2) -
im übrigen haben die Truppen Großkampfgliederung eingenommen.
22.6.1944
KTB 9.Armee.
Die Vermutung, daß der Feind am dritten Jahrestag des Ostfeldzugsbeginns mit seiner diesjährigen Sommeroffensive beginnen würde, scheint sich zu bestätigen. Dies gilt allerdings
noch nicht für die Front der 9.Armee, vor der der Gegner sich auch heute noch ruhig verhält, dafür hat er am Nordflügel der H.Gr.Mitte (3.Pz.Armee) seinen Großangriff und auch
bei der 4. und 2.Armee mit Vorangriffen und Aufklärungsstößen begonnen (s.Anl. V 3).
Das AOK verfolgt die Entwicklung der Lage an der übrigen Front der Heeresgruppe mit großer Aufmerksamkeit, nicht zuletzt um vielleicht aus dem dort zu Tage tretenden
Angriffsverfahren Folgerungen für die eigene Abwehr zu ziehen, Im übrigen herrsche die Überzeugung," daß der Feind sich offenbar von seinen heutigen Teilangriffen bei den
Nachbararmeen eine Bindung der dort stehenden Kräfte verspricht und vielleicht sogar eine Anziehung und Festlegung von Reserven erhofft, um dann mit seinem Angriff auf die
Armeefront um so größere Erfolge zu haben. Das AOK ist nach wie vor im Hinblick auf die grundlegende Änderung des Feindbildes der Überzeugung, daß der Hauptstoß der bevorstehenden
sowjetischen Offensive bei der 9.Armee zu erwarten sei.
Das AOK nutzt deshalb den Tag zur weiteren Vervollkommnung der Abwehrvorbereitungen. An die Heeresgruppe wird der Antrag gerichtet, zur Verstärkung der Artilleriewirkung am
Nordflügel der Armee noch die schwere Art.Abt. der 20.Pz.Div. heranzuziehen und einsetzen zu dürfen (Chef/Ia op.H.Gr,, 20.00 Uhr), was die Heeresgruppe jedoch ablehnt. Daraufhin
legt das AOK dem Gen.Kdo. XXXV.A.K. nahe, mit eigenen Mitteln eine artilleristische Stärkung seines linken Flügels vorzunehmen. Gerade dieser Frontabschnitt wird nach wie vor vom
AOK nicht zuletzt wegen der Schwäche des Südflügels der 4.Armee mit besonderer Sorge betrachtet, da der Armee selbst die Kräfte fehlen, um dort mit Zuversicht einem größeren
feindl. Angriff entgegensehen zu können.
Gegen Abend treffen neue Luftaufklärungsergebnisse ein, die das Bild feindlicher Angriffsbereitschaft bestätigen. Die Auswertung der vor dem XXXXI.Pz.K. erflogenen Luftbilder hat
eine erhebliche Anzahl weiterer, bisher noch nicht erkannter Feindbatterien vor den inneren Flügeln der 129. und 35.I.D. ergeben. Den Hauptschwerpunkt der feindlichen Angriffe
scheint man deshalb beim XXXXI.Pz.K. erwarten zu müssen. Das führt dazu, daß die 20.Pz.Div. in erster Linie auf einen Einsatz südlich der Beresina eingestellt wird; sie erhält
Anweisung, die dorthin führenden Wege bereits jetzt vorausschauend zu erkunden und vorbeugende Maßnahmen zum Luftschutz der Beresina-Brücken zu treffen. Als kurz nach Mitternacht
von den Auswertestellen der Luftwaffe mitgeteilt wird, daß nach der endgültigen Auswertung über 200 Feindbatterien mit Sicherheit erkannt sind, wird - mit Genehmigung der H.Gr. -
der 20.Pz.Div. Marschbereitschaft ab 4.00 Uhr morgens befohlen. Wiederum sind ferner außer dem täglichen Kontingent Sonderzuweisungen an Munition zur Artilleriebekämpfung erfolgt
(s.Anl.VII 1 und 2).
Die Spannung, wann der feindliche Großangriff nun auch vor der 9.Armee losbrechen wird, ist beträchtlich. Unablässig gelten die Gedanken der Führung der letzten Überprüfung
aller getroffenen Maßnahmen.
Man darf jedoch nach allem, was veranlaßt ist, überzeugt sein, das. im Rahmen mit den verfügbaren Kräften Mögliche getan zu haben.

Zum Beginn des vierten Jahres des Ostfeldzuges:
Überblick zur Lage
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Die 9.Armee sieht am Vorabend einer neuen gewaltigen Schlacht, über deren Ausmaß und Dauer nur Mutmaßungen möglich sind. Eines ist jedoch sicher: Der Feind hat vor der Armeefront
in den letzten Wochen und Tagen einen Aufmarsch allergrößten Stils durchgeführt und das AOK ist der Überzeugung, daß dieser Aufmarsch selbst die feindliche Kräftemassierung vor
dem Nordflügel der H.Gr.Nordukraine in den Schatten stillt. Oft genug hat der Gegner in aller Öffentlichkeit darauf hingewiesen, daß sein nächstes Ziel die Zerschlagung und
Vertreibung der noch auf russischem Boden stehenden deutschen Truppen sei, und Stalin selbst hat mehrfach im Verlaufe der Kriege der UdSSR den Stoß in diejenigen Gebiete als
Prinzip der bolschewistischen Strategie bezeichnet, in denen die Zivilbevölkerung der angreifenden Roten Armee Hilfsstellung leistet. Das AOK hat sich deshalb verpflichtet gefühlt,
mehrfach darauf hinzuweisen, daß es den vor seiner Front vollzogenen Feindaufmarsch für die Vorbereitungen der diesjährigen sowjetischen Hauptoffensive hält, deren Ziel die
Rückeroberung Weißrutheniens ist. Leider kommt zu der übermässigen feindlichen Angriffsdrohung hinzu, daß infolge der umfangreichen Verlagerung eigener Kräfte in den Abschnitt
Kowel - Tarnopol, wo der feindliche Erst- und Hauptschwerpunkt auf Grund des seit Mitte März im Gange befindlichen sowjetischen Aufmarsches vom OKH immer noch angenommen wird,
die Heeresgruppe Mitte und mit ihr die 9.Armee keineswegs über eine ausreichend starke Front oder auch nur annähernd genügende Reserven verfügt, um für eine erfolgreiche
Verteidigung garantieren zu können.
Die 9.Armee hat oft genug gegen eine feindliche Übermacht gekämpft und sich immer heldenhaft geschlagen, so daß ein entscheidender operativer Durchbruch dem Feind an ihrer
Front niemals gelang. Vielmehr sind dem Gegner gerade in den Abwehrschlachten ungeheuere Verluste zugefügt worden, da das immer wieder erfolgende Frontmachen der sich absetzenden
Truppen ihn zum Anrennen zwang, ohne ihn zum geballten Dauereinsatz seiner Überlegenheit kommen zu lassen.
Auch in der jetzigen Lage ist das AOK davon überzeugt, daß man die feindliche Offensive würde abfangen können, allerdings nicht unter der bisherigen Kampfanweisung, dem
unbedingten Verteidigungsauftrag. Die Armee hat die ihr auferlegten Abgaben an den Südflügel der Heeresgruppe willig geleistet, solange der feindliche Aufmarsch sich ausschließlich
dorthin richtete; es kann allerdings kein Zweifel daran bestehen, daß ihre Verteidigung nach dem nunmehr grundlegend geänderten Kräftebild im Falle eines Losbrechens der
sowjetischen Großoffensive auf die 9.Armee entweder zwangsläufig in einen hinhaltenden Widerstand übergehen oder zum unvermeidlichen Zusammenbruch der Front führen muß, da
angesichts des allgemeinen Kräftemangels an eine sichere Abriegelung tiefer Feindeinbrüche nicht zu denken ist, so daß einerseits die Gefahr von Einschließungen besteht,
andererseits aber die feindlichen Verluste nicht in einem das gegenseitige Kräfteverhältnis übersteigenden Maß gehalten werden können, worin z.Zt. allein die Zwecksetzung und der
Erfolg des Abwehrkampfes bestehen kann und muß. Die Anschauung, daß durch das unbedingte Stehenlassen nicht angegriffener bzw. nicht zurückgedrückter Frontabschnitte auch
feindliche Kräfte gebunden würden, teilt das AOK nicht, solange der Feind, wie es augenblicklich der Fall ist, mit einem eigenen Angriff größeren Ausmaßes aus diesen
Abschnitten nicht zu rechnen braucht und sicherlich auch nicht rechnet. Das AOK hofft deshalb, falls der feindliche Generalstoß zum Erfolg führen sollte, auf eine sofortige
Änderung seiner Kampfanweisung.
Für besonders gefährlich hält das AOK die Befehle, durch die den größeren Orten im Kampfgebiet die Eigenschaft "Fester Platz" zuerkannt worden ist. Die Forderung, daß diese
"Festen Plätze" sich im Falle einer Umfassung einschließen lassen sollen, "um die feindlichen Angriffskräfte auf sich zu ziehen und als Richtungspunkte für spätere Gegenangriffe
zu dienen", bedeutet nach Ansicht des AOK eine noch schärfere Blockierung aller Führungsmaßnahmen als der allgemeine Verteidigungsauftrag und kann sich in der augenblicklichen
Lage, in der alles solange auf elastische Kampfführung ankommt, bis eigene Verstärkungen herangekommen sind und der feindliche Angriffsschwung nachgelassen hat, noch nachteiliger
auswirken als dieser.
Es ist deshalb ein bitteres Gefühl, mit dem das AOK dem kommenden Großkampf entgegensieht: Das Bewußtsein, durch Befehle, von deren Richtigkeit es nach bestem Gewissen nicht
überzeugt sein kann, an Kampfmethoden gekettet zu sein, die in früheren eigenen siegreichen Feldzügen die Ursache der feindlichen Niederlage waren -die Erinnerungen an die großen
Durchbruchs- und Umfassungsschlachten in Polen und Frankreich und an das rasche Vorbeistoßen der eigenen Panzerdivisionen an befestigten Plätzen des Feindes werden wieder wach-,
läßt den kommenden Ereignissen mit Sorge entgegensehen. Das AOK bedauert, daß die Heeresgrüppenführung den eroberten russischen Raum offenbar licht so als Führungspotential gegen
die feindliche Übermacht einzusetzen gewillt ist, wie es nach den zeitlosen Grundgesetzen der taktischer und operativen Kampfführung und nach seiner eigenen Überzeugung notwendig,
möglich und allein erfolgversprechend wäre.
Diese Gedanken, die in zahlreichen Besprechungen und Ferngesprächen vom Oberbefehlshaber und vom Chef des Stabes mehrfach und eindringlich der Heeresgruppe vorgetragen worden
sind, sind leider dort anscheinend nicht auf den Mut zur nachdrücklichen Vertretung nach oben gestoßen, denn man hat ihnen außer dem bloßen Hinweis auf die vom OKH gegebenen
Befehle wirklich beweiskräftige Gegengründe nicht entgegenhalten können. Das aber ist es, was den tiefsten Grund zu den Sorgen bildet, mit denen das AOK die Zukunft betrachtet
Trotz all dieser Sorgen jedoch denkt das AOK aber auch mit Stolz gerade jetzt wieder an die Abwehrerfolge, zu denen es in den nunmehr drei Jahren des Ostfeldzuges die ihm
unterstellten Truppen trotz schwerster Krisen immer wieder hat führen können. Dieses Bewußtsein und die Überzeugung von der weltgeschichtlichen Notwendigkeit des deutschen.
Kampfes gegen die bolschewistische Gefahr gibt dem AOK den inneren Rückhalt, alles zu tun, was in seiner Kraft steht, um auch diesmal des feindlichen Ansturms Herr zu werden.
Das AOK selbst hat alles getan, um die bestmögliche Organisation seiner Verteidigung sicherzustellen.
23.6.1944
KTB 9.Armee.
Während bei der 4. Armee die feindliche Offensive in vollem Umfang begonnen hat leitet der Gegner seinen Angriff auf die Front der 9.Armee mit starken Teilangriffen ein.
Ein in den Morgenstunden nach heftiger Art.-Vorbereitung von etwa 2 Btln. geführter Feindangriff im Abschnitt der 196.I.D. (XXXV. A.K.) wird in sofortigen Gegenstoß abgewiesen.
Das XXXXI.Pz.K.greift der Gegner, unterstützt von starken Art.= und Gr.W.=Feuerzusammenfassungen, mit Teilen von 8 Divisionen 25 mal in Stärke von 2 - 5 Bttn. auf etwa 40 km
Breite an; die Angriffsschwerpunkte liegen an den von Kobylschtschina nach Norden und Nordwesten führenden Straßen. Panzer sind nirgends beteiligt, die Infanterieangriffe gehen
jedoch erheblich über das Maß der üblichen Erkundungsvorstöße hinaus. Offenbar will der Gegner an schwachen Stellen Einbrüche erzielen, um aus ihnen dann mit seinen Hauptkräften
zum Durchbruchsangriff anzutreten. Es kommt zu harten Kämpfen, am Abend befindet sich jedoch die HKL bis auf zwei kleinere Einbruchsstellen, deren Bereinigung noch nicht
abgeschlossen ist, wieder fest in eigener Hand (Einzelheiten s.Anl.II und III).
Vom AOK werden, da die hinter der 35.I.D. stehenden Reserven eingesetzt werden mußten, im Hinblick auf die zu erwartende Fortsetzung des Angriffs beschleunigt Maßnahmen zur
Bildung neuer Reserven getroffen. Das LV.A.K. erhält Befehl, schnellstens ein Rgt. der 292.I.D. aus der Front herauszulösen, wozu ihm das Sich.Rgt.183 zugeführt und unterstellt
werden wird. Es ist beabsichtigt, das herausgelöste Rgt. in den Bereich, des XXXXI.Pz.K. zu verschieben (s.Anl.IV 4). Dorthin werden auch weitere Reserven näher herangezogen:
Das G.R.232 hinter die 129.I.D. (s.Anl.IV 1), das G.R.747 hinter die 35.I.D. (s.Anl.IV 2). Beide Regimenter werden noch in der Nacht in den neuen Bereitstellungsräumen eintreffen.
Ferner ist -in einem Planspiel mit dem Kdr. der 20.Pz.Div. und den Ersten Generalstabsoffizieren des XXXXI.Pz.K. und des XXXV. A.K.- die Einsatzplanung für die 20.Pz.Div.
besprochen und für die hauptsächlich, in Frage kommenden Fälle festgelegt worden.
Kurz nach Mitternacht beantragt das AOK unter nochmaligem Hinweis auf die außerordentlich starke feindliche Art.=Massierung beim XXXXI.Pz.K. die Zuführung weiterer Kräfte
(Chef/Ia H.Gr., l,05 Uhr 24.6.44). Dem Antrag, nach Möglichkeit Werfer zuzuführen, erklärt die Heeresgruppe nicht entsprechen zu können. über den zweiten Antrag, eine auf dem
Südflügel der 4.Armee stehende Stu.-Gesch.Brigade zum XXXXI.Pz.K. zu verschieben, ist eine Entscheidung vorläufig noch nicht zu erhalten. Dagegen genehmigt die Heeresgruppe,
daß die 2o.Pz.Div. ab 4 Uhr morgens marschbereit gehalten wird. (Befehl an 2O.Pz.Div.: Id/Ia 2o.Pz., 1,15 Uhr).
24.6.1944
KTB 9.Armee.
Der erwartete feindliche Großangriff auf die Front der 9.Armee bricht in den frühen Morgenstunden mit voller Wucht los, nach heftigster Artillerievorbereitung, unterstützt von
starken Panzerkräften und unter Einsatz von Luftwaffenformationen in einem bisher nicht gekannten Ausmaß, wodurch vor allem die eigene Artillerie zeitweilig fast völlig
niedergehalten wird. Während es beim LV.A.K. zu keinen besonderen Kampfhandlungen kommt und auch der Südflügel des XXXV.A.K., abgesehen von starken Luftangriffen, nur von
schwächeren Feindvorstößen getroffen wird, stehen der Nordflügel des XXXV.A.K. und das gesamte XXXXI.Pz.K. den ganzen Tag über in schwerstem Großkampf.
Aus der Vielfalt der stürmischen Entwicklung des Tages (im einzelnen s.Anl.II und III) heben sich folgende Ereignisse hervor:
In den Morgenstunden meldet AOK 4, das an seinem Südflügel stehende Btl. sei von einem starken Feindangriff durchbrochen und zersprengt worden, Kräfte zur Schließung der
entstandenen Lücke seien jedoch infolge der Inanspruchnahme nahezu sämtlicher Reserven an der Smolensker Autobahn nicht verfügbar (Chef 4/ Chef 9, 7, 30 Uhr).
Die Gefahr, die dieser Durchbruch für die Gesamtverteidigung heraufbeschwört, ist beträchtlich ; ein Aufreißen der Naht zwischen 9. und 4.Armee muß unter allen Umständen
verhindert werden. Die Entscheidung der Heeresgruppe, die hierzu unter Nordverlegung der Armeegrenze bis Chomitschi die 9.Armee mit der Schließung der Lücke beauftragt und hierzu
die 707.I.D. zum Einsatz freigibt (Ia/op H.Gr./Chef, 7,45 Uhr) verpflichtet daher das AOK einerseits, die gesamte, teils nördlich, teils südlich Bobruisk versammelte Division
sofort an den Nordflügel der Armee zu werfen (Chef/Chef XXXV, 8,25 Uhr, Chef/Ia XXXXI., 8,3o Uhr; s.ferner Anl.IV 3), andererseits wird damit eine der beiden vorhandenen
Reservedivisionen schon jetzt gebunden. Eine Genehmigung zum Einsatz der 20.Pz.Div. zu erbitten, hält der OB zunächst noch für überflüssig (OB/Chef, 8,40 Uhr), da er diese Divisen
unter allen Umständen für den Hauptbrennpunkt zurückhalten will, worauf auch von der Heeresgruppe mehrfach nachdrücklich hingewiesen wird (Chef H.Gr./OB, 9,22 Uhr). Welcher dieser
Hauptbrennpunkt sein wird, ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht zu übersehen Chef/Chef H.Gr.,11,00 Uhr).
Im weiteren Verkauf des Tages allerdings drängt die zunehmende Anspannung der Lage immer mehr zu einem Entschluß über den Einsatz der 20.Pz.Div. Dieser Entschluß ist schwer und
möglicherweise von größter Tragweite. Der vom AOK schon seit langem erkannten Gefahr eines Feinddurchbruches südwestlich der Beresina auf Bobruisk steht jetzt die Gefahr einer
20 km breiten Lücke auf dem Nordflügel der Armee gegenüber, da im weiteren Verlauf des Tages auch südlich Oserane starke Feindkräfte ein-und durchgebrochen sind, wobei angesichts
der Tatsache, daß das XXXXI.Pz.K. mit Hilfe weiterer Kräfte die ihm beschleunigt vom LV.A.K. zugeführt werden (s.Anl.IV 1), hofft, den feindlichen Großangriff in der
Art.Schutzstellung abzustoppen, die operative Gefahr an der Ostfront der Armee wenigstens im Augenblick als die größere erscheint. Der OB beantragt deshalb die Genehmigung zur
vorbeugenden Verschiebung der 20.Pz.Div. in den Raum nordostw. Bobruisk, erhält sie und ordnet -ebenfalls im Einverständnis mit der Heeresgruppe- auf Vorschlag des Kommandeurs
der 2o.Pz.Div. darüber hinaus an, daß eine gepanzerte Gruppe der Division am Nordflügel der Aimee mit dem Auftrag eingesetzt werden soll, den feindlichen Durchbruch aufzufangen,
bis die 707.J.D. eingetroffen ist, die dann den Abschnitt am Nordflügel der Armee zu übernehmen hat (Chef/Chef H.Gr., 12.oo Uhr; s.Anl.IV 2). Die Genehmigung zum Kampfeinsatz der
gep.Gruppe ist von der Heeresgruppe nur für den heutigen Tag erteilt worden; ein Befehl, der teils in der Hoffnung auf einen schnellen Erfolg der gep.Gruppe, teils unter
dem Druck der sich immer mehr verschärfenden Lage beim XXXXI.Pz.K. gegeben wurde, wo die Gefahr eines feindlichen Panzerdurchbruchs in Richtung auf die von Bobruisk nach Süden
laufende Bannlinie sich von Stunde zu Stunde deutlicher abzeichnet, sodaß die von LV.A.K. inzwischen dorthin in Marsch gesetzten Eingreifreserven (s.Anl.IV 1) wahrscheinlich weder
rechtzeitig eintreffen können, noch ausreichend stark sein werden, um den Feind zum Stehen zu bringen.
Diese Lage, die in sich die noch weit größere Gefahr einer Abschnürung der gesamten ostw. Bobruisk stehenden Kräfte birgt, die durch die Verweigerung jeder Bewegungsfreiheit in
ihre Stellungen gezwungen sind, führt dann am Abend zu dem Entschluß des OB, die 20.Pz.Div. noch in der Nacht in den Raum südwestlich Paritschi zu verschieben, um sie morgen dort
zur Verfügung zu haben (s.Anl.IV 4). Maßgebend für diesen Entschluß ist die Überlegung, daß trotz der Schwere des Abwehrkampfes an der Ostfront des XXXV.A.K. der operativ
entscheidende Punkt beim XXXXI.Pz.K. liegt, und vor die Wahl gestellt, sich für einen von beiden Brennpunkten zu entscheiden (da der geschlossene Einsatz der 2o.Pz.Div. von der
Heeresgruppe unbedingt gefordert wird), muß der OB sich zur Stärkung des letzteren entschließen, was auch die Billigung der Heeresgruppe findet (FM/OB, 2o,15 Uhr). Das AOK ist sich
klar darüber, daß damit die Möglichkeit eines Zerbrechens der Abwehr beim XXXV.A.K. in unmittelbare Nähe rückt. Diese Gefahr muß jedoch im Hinblick auf das grössere Risiko südlich
der Beresina in Kauf genommen werden.
Die 20.Pz.Div. rollt -mit höchster Beschleunigung- noch in der Nacht nach Süden Die Meldungen, die noch kurz vor Mitternacht aus diesem Kampfabschnitt eintreffen
(Chef XXXXI./Chef, 23,25 Uhr), zeigen schon jetzt, daß sie -wahrscheinlich- kaum noch rechtzeitig wird eintreffen können, um dem drohenden Durchbruch der Feindpanzer zuvorzukommen.
Es ist deshalb -in Übereinstimmung mit der Heeresgruppe- geplant, die Division in die Flanke des Panzerstoßes hinein angreifen zu lassen, um die Durchbruchslücke, mit deren baldigem
Entstehen nach dem derzeitigen Bild gerechnet weiden muß, wieder zu schließen.
25.6.1944
KTB 9.Armee.
Während die 20.Pz.Div. in höchster Eile ihrem neuen Einsatzraum zustrebt, zerreißt die Front des XXXXI.Pz.K. unter dem pausenlosen Ansturm des Feindes, der nunmehr stärkste
Panzerkräfte -es sind mindestens 2 Panzerkorps anzunehmen - in den Kampf wirft. Einzelne Stützpunkte, die noch an der Bahn halten, werden nach kurzen, erbitterten Gefechten
zerschlagen oder Umgangen. Alle Hoffnung der Armee ruht nunmehr auf dem Angriff der 20.Pz.Div.
Endlich - es ist infolge erheblicher, durch starke Fliegerangriffe verursachter Marschverzögerungen früher Nachmittag geworden - tritt die Division nach kurzer Versammlung aus dem
Raum -westlich Paritschi zum Angriff mit dem Ziel Protassy an, um den Feind in die Flanke zu fallen und die durchgebrochenen Kräfte abzuschneiden, zum mindesten aber ihr weiteres
Vorgehen zu verzögern. Leider sind die Ausgangsstellungen -Brückenköpfe über einen panzerungangbaren Sumpftreifen- im Laufe des Vormittags verlorengegangen, sodass schon um die
Bereitstellungs= und Entwicklungsräume ein heftiger Kampf entbrennt, der bei geringen örtlichen Erfolgen nur langsam und wenig Boden . gewinnt. Ausholversuche stoßen auf Feind.
Dennoch besteht die Heeresgruppe nachdrücklich auf Fortsetzung des Angriffes, und auch das AOK kann sich unter den gegebenen Umständen der Richtigkeit dieser Forderung nicht
verschließen, da sonst ein völliger Zusammenbruch der Front des XXXXI.Pz.K. unvermeidlich wäre.
Leider lehnt die Heeresgruppe aus dem AOK unverständlichen Gründen eine Zurücknahme des linken Flügels des LV.A.K. ab, die das AOK jetzt für unbedingt notwendig hält, einerseits
um den Anschluß zu den zurückgeworfenen und bereits schwer angeschlagenen Teilen des XXXXI.Pz.K. aufrechtzuerhalten, andererseits um durch eine Zurücknahme der Pripjetfront neue
Kräfte zum Aufbau einer haftbaren neuen Front zu gewinnen (OB/FM, l5,50 Uhr).
Indessen dringen die feindlichen Angriffsspitzen pausenlos weiter nach Norden und Nordwesten vor. Die 129.I.D. wird in verlustreichen Kämpfen auf die Linie Kurin - Schkawa
Zurückgeworfen, die 35.I.D. mehrfach durchbrochen, ist mit namhaften Teilen eingeschlossen, und auch die 36.I.D. insbesondere an ihrem rechten Flügel scharf angegriffen, steht in
schwerstem Abwehrkampf.
Die Armee stemmt sich mit all ihrer Kraft gegen die Ausweitung des tiefen feindlichen Einbruches. Nachdem Versuche, das Vordringen des Gegners nach Nordwesten in möglichst weit
ostwärts gelegenen Linie (s.Anl.IV 1-2) abzufangen, im stürmischen Gang der Dinge von den Ereignissen überholt worden sind, noch ehe sie auch nur zu Teilen Tatsache werden konnte,
lauten die kurz nach Mitternacht gegebenen letzten Befehle des heutigen Tages dahin, daß das LV.A.K., dem die 129. und 35.I.D. unterstellt werden, den feindlichen Angriff in einer
möglichst ostwärts gelegenen Linie zwischen Kurin und Ratmirowitschi abfangen soll (s.Anl.IV 7). Die 36.I.D. erhält Befehl, sich auf eine Brückenkopfstellung um Paritschi
zurückzukämpfen (s.Anl.IV 3). Um den Feind, der in die jetzt schon etwa 40 km breite Durchbruchslücke unaufhaltsam weiter einströmt, in seinen beiden deutlich erkennbaren
Hauptstoßrichtungen aufzuhalten, wirft das AOK rasch zusammengeraffte Einheiten des Korück und der Teile der AWS an die Ptitsch=Übergänge südostw.Glusk (s.Anl.IV 4 und 9, ferner
Anl.VII 1-3) und gibt dem XXXV.A.K. auf, ein durch Artillerie, Sturmgeschütze und Pioniere verstärktes kampfkräftiges Batl. schnellstens in den Raum südwestl. Bobruisk zu stellen
(s.Anl.IV 5) -denn die Gefahr eines Feindstoßes auf Bobruisk und damit eines Abschneidens des gesamten XXXV. A.K. rückt nunmehr von Stunde zu Stunde mehr in bedrohliche Nähe.
Auch auf das XXXV. A.K. ist heute die Gewalt des feindlichen Großangriffes in einen gegenüber gestern noch gesteigertem Ausmaß hereingebrochen und es gelingt dem Gegner, der neue
Panzerkräfte in die Schlacht wirft, die Ostfront des Korps im Abschnitt der 296. und 134.I.D. weiter zurückzudrängen. Unter Einsatz der letzten Reserven vermag das Korps einen
Durchbruch zu verhindern, die Verbindung zur 4.Armee hat allerdings auch heute nicht wiederhergestellt werden können. Trotzdem muß der Tag angesichts der Tatsache, daß es gelungen
ist, die Korpsfront selbst geschlossen zu halten, als beachtlicher Abwehrerfolg gewertet werden . Davon zeugt auch die Höhe der erzielten. Panzerabschüsse. Die Kampfkraft der
Truppe hat allerdings schwer gelitten.
Die entscheidende Frage, vor die sich die Führung der Armee in diesen Stunden gestellt sieht, ist die der weiteren Kampfführung im großen. Die Heeresgruppe, immer wieder auf die
bedrohliche Lage der Armee hingewiesen, erklärt eine Zufuhr neuer Kräfte vorläufig für undurchführbar, allenfalls dürfe man mit einem verstärkten Einsatz eigener Luftwaffe rechnen.
(FM/OB, 22,10 Uhr). In mehreren Ferngesprächen bemühen sich deshalb OB und Armeechef um die Genehmigung zu der nach Ansicht des AOK einzig noch möglichen Lösung, die die Aussicht
auf eine rasche und nachhaltige Stabilisierung der Lage bieten würde: Die Zurücknahme des XXXV.A.K. in den Brückenkopf Bobruisk und hinter die Beresina (Chef/Chef H.Gr., 20,25 Uhr).
Dadurch allein würde die Armee Kräfte genug freibekommen, um wirklich etwas Nachhaltiges gegen den Feinddurchbruch beim XXXXI.Pz.K. zu unternehmen. Die Heeresgruppe lehnt jedoch
strikt ab, und auch die Bitte des Oberbefehlshabers, wenigstens
die Südfront des XXXV.A.K.auf eine halbwegs brauchbare ausgebaute Sehnenstellung zurücknehmen zu dürfen, wird vom Feldmarschall mit dem ausdrücklichen Befehl zurückgewiesen, die
alten Stellungen unter allen Umständen zu halten (FM/OB, 22,10 Uhr). Selbst die vom AOK vorgeschlagene wirtschaftliche Räumung von Bobruisk wird verboten (O. Qu./Chef, 12,25 Uhr).
Das AOK kann all diese Befehle, über deren verhängnisvolle Folgen es sich völlig im klaren ist, nur mit jenem Gehorsam hinnehmen, mit dem der Truppenführer nach verantwortlichem
Vortrag seiner Gegenansicht die Befehle seiner Vorgesetzten auszuführen hat, auch wenn sie seiner Überzeugung widersprechen. Bitter ist nur immer wieder das Gefühl, hinter diesen
den eigenen dringenden Vorstellungen so völlig unzulänglichen Kampfanweisungen der Heeresgruppe und den dazu vom Feldmarschall und Heeresgruppenchef gegebenen Begründungen (s.Anl.X,
im Auszug wiedergegeben in Anl.VIII 2-4) nicht einen zielbewußten, das äußerst mögliche anstrebenden Führerwillen erblicken zu können, sondern nur die Ausführung von Befehlen,
deren Voraussetzungen durch die Ereignisse längst überholt sind.
Der Angriff der 20.Pz.Div. hat auch in den Abendstunden keine nennenswerten Fortschritte gerecht. Im Einverständnis mit der Heeresgruppe ist befohlen, ihn die Nacht hindurch
fortzusetzen (OB/FM, 22,10 Uhr, Chef/Chef XXXXI., 23,l0 Uhr). Es geht hier auf Biegen oder Brechen.

26.6.1944
KTB 9.Armee.
Die Lage hat sich über Nacht zunehmend verschärft. Der Angriff der 20.Pz.Div. ist ohne nennenswerten Erfolg vor den mit äußerster Hartnäckigkeit Widerstand leistenden
Flankenschutzgruppen der gegnerischen Durchbruchskräfte liegengeblieben. Die feindlichen Panzerspitzen stehen jetzt 20 km südlich Bobruisk. Vor ihnen steht an eigenen Kräften so gut
wie nichts. Daraufhin faßt der Oberbefehlshaber -unter Meldung an das Obkdo.der Heeresgruppe- den Entschluß, den Angriff der 20.Pz.Div. einzustellen. In der Überzeugung, daß ein
Versuch, durch weitere Fortsetzung des Angriffes den angestrebten Erfolg doch noch herbeizuzwingen, angesichts der beträchtlichen Übermacht des Feindes und der Ungunst des Geländes
hoffnungslos ist, andererseits aber eine Wegnahme von Bobruisk und ein Weiterstoß des Feindes westlich der Stadt nach Norden das gesamte XXXV.A.K. der Einschließung ausliefern würde,
befiehlt er gegen 9,00 Uhr die sofortige Umgruppierung der Division in den Raum südwestlich der Stadt. Darüber hinaus ordnet er die Herauslösung der 383.I.D aus der Südfront des
XXXV.A.K. und ihre unverzügliche Verschiebung in den gleichen Raum an (s.Anl.IV 1). Diesen Befehlen liegt der Plan zu Grunde, durch Herstellung einer Abwehrfront an Ptitsch durch das
LV.A.K. und einer Abschirmung der rechten tiefen Flanke der noch ostwärts der Beresina stehenden Truppen den feindlichen Durchbruch zunächst einzudämmen, alsdann durch Angriff der
20.Pz.Div. von Bobruisk nach Südwesten oder Westen sich den feindlichen Angriffsspitzen vorzulegen, noch ehe sie westlich der Stadt vorbeigestoßen sind und durch Nachführung der
383.I.D. hinter der 20.Pz.Div. eine neue HKL südlich Bobruisk aufzubauen. Leider wird die Umgruppierung beider Divisionen viel kostbare Zeit benötigen. Mit einen taktischen
Wirksamwerden der 20.Pz.Div. bei Bobruisk ist frühestens in den Abendstunden zu rechnen.
Unter diesen Umständen ist ein weiteres Stehenbleiben der 36.I.D. in Brückenkopf Paritschi sinnlos geworden. Der OB befiehlt daher gleichzeitig, die Division baldmöglichst auf das
Ostufer der Beresina überwechseln zu lassen, um sie ebenfalls im Raum Bobruisk einzusetzen (s.Anl.IV 2), Diesem Befehl widerspricht jedoch der Feldmarschall auf das schärfste.
Er fordert seine Aufhebung mit dem Hinweis, daß durch Preisgabe von Paritschi dem Feind die Beresina=Uferstrasse überlassen werde, was keinesfalls geschehen dürfe. Die Vorstellungen
des OB, daß dem Gerner auch ohne den Besitz von Paritschi für seinen Vormarsch auf Bobruisk ein ausgebautes Wegenetz westlich Paritschi zur Verfügung stehe, sodaß mit dem Festhalten
der Stadt nichts gewonnen sei-, wohl aber eine Division zwecklos gebunden bleibe, verschließt sich der Feldmarschall mit der Wiederholung des Befehls, die Front müsse überall, wo
immer es nur möglich sei, gehalten werden; eine Genehmigung zum Absetzen käme hier ebensowenig wie an anderer Stelle in Frage (FM/OB, 11,35 Uhr; s.a.Anl.VIII 4).
Der feindliche Zangenangriff um das XXXV.A.K. entwickelt sich indessen mit zunehmender Schnelligkeit weiter. Am Nordflügel des Korps ist der Feind mit seinen Panzern durchgebrochen
und steht vor der Rollbahn Mogilew - Bobruisk. Das AOK bietet hier, da das XXXV.A.K. auch in seiner Front durch schwerste Angriffe bedrängt ist, alles auf, um durch beschleunigte
Zuführung von Verstärkungen, in erster Linie von Sturmgeschützen, die Rollbahn freizuhalten (Chef/Chef XXXV., 11,55 Uhr).
Um 12,l0 Uhr trifft, nachdem bereits am Vormittag der Chef des Generalstabes des Heeres in einem unmittelbaren Anruf die Mißbilligung des OKH über die Kampfführung der Armee
hinsichtlich des Einsatzes der 20.Pz.Div. ausgesprochen hat, von der Heeresgruppe der Befehl ein, der OB habe sich sofort nach Minsk zum Obkdo.d.H.Gr. zu begeben, um von dort aus
zusammen mit dem Feldmarschall zum Führer weiterzufliegen. General Jordan verläßt daraufhin um 13.00 Uhr das AHQu. Seine Vertretung übernimmt der Kom.General des XXXXI.Pz.K.,Gen.d.Art.
Weidling.
Pausenlos fallen die Schläge der feindlichen Übermacht auf die weiterhin heldenmütig sich verteidigende 9.Armee. Die Umgruppierung der 20.Pz.Div. verzögert sich erheblich durch
rollende feindliche Luftangriffe auf die Beresina Brücken bei Bobruisk, einzelne Teile der Division müssen zudem, nach Nordosten abgedreht werden, da der Feind in den Abendstunden nun
doch die Rollbahn erreicht hat. Die Front des XXXV.A.K. ist mehrfach durchbrochen. Die Fernsprechverbindungen sind vielfach ausgefallen und die Funkverbindungen bieten einen nur
unvollständigen Ersatz. Vorm LV.A.K. liegen nur bruchstückhafte Meldungen vor, zumeist sind es Einzelnachrichten der vom AOK mit Funkstellen ausgerüsteten und dorthin entsandten
Offizierspähtrupps (s.Anl.III), sodass das AOK hier und über die Lage im Durchbruchsraum fast ausschließlich auf die Ergebnisse der Aufklärungsflieger angewiesen ist, die wegen der
überlegenen feindlichen Jagdabwehr nur zeitlich und räumlich sehr beschränkt aufzuklären imstande sind, obwohl sie sich in laufenden Einsätzen immer wieder um eine Klärung des
Feindbildes bemühen. Ein Ordonanzoffizier des AOK, der im Laufe des Vormittags mit einem Storch versuchen sollte, im Raum südlich Bobruisk den Standort der feindlichen Panzerspitzen
festzustellen, ist vom Flug nicht zurückgekehrt.
Der Feind hat sich inzwischen Bobruisk weiter genähert und steht bereits in den Nachmittagsstunden 5 km südlich der Stadt. Das Tempo des feindlichen Vormarsches hat sich heute
sichtlich verlangsamt; es ist anzunehmen, daß der Feind vor seinem Weiterstoß zunächst eine kurze Pause zur Aufmunitionierung und Nachfüllung von Verstärkungen oder frischer Verbände
eingelegt hat. Südwestlich Bobruisk steht die zweite nach Nordwesten angreifende Stoßgruppe vor Glusk, einzelne Teile haben den Ptitsch bereits überschritten.
Die Lage treibt mit lawinenartiger Geschwindigkeit der Krise zu. Noch einmal erhebt sich die Frage nach einem Befehl zum Absetzen des XXXV.A:K. in die Brückenkopfstellung ostwärts
Bobruisk. Noch einmal drängt das AOK auf diese Genehmigung, von der nach seiner Auffassung das Schicksal der Armee abhängt (Chef/Chef H.Gr., 14,35 Uhr). Auch die Heeresgruppe teilt am
Abend mit, daß sie vom OKH Bewegungsfreiheit für das XXXV.A.K. erbeten habe (Chef H.Gr./Chef, 19,32; siehe a.Anl.VIII 2). Aber noch einmal ist das Ergebnis aller Anträge die
Verweigerung jeder Ausweichgenehmigung. Auf die an die Heeresgruppe gerichtete Frage, welche Kampfanweisung unter diesen Umständen das XXXV.A.K. zu erhalten habe, wird erklärt, es
müßten Auffanglinien hinter feindlichen Durchbrüchen geschaffen und mit Hilfe dieser Auffanglinien ein Setzen des Widerstandes durch rücksichtsloses Durchgreifen energischer Führer,
notfalls mit Gewalt, erzwungen werden. Im übrigen seien die12.Pz.Div. und ein Sperrverband für den Raum westlich Bobruisk im Anrollen, bis zu ihrem Eintreffen sei es Aufgabe der Armee,
den vordringenden Feind beim XXXXI.Pz.K. aufzuhalten und beim XXXV.A.K.in irgendeiner Linie möglichst weit ostwärts zum Halten zu kommen. Eine Genehmigung zum Absetzen käme jedoch,
das wird nochmals ausdrücklich betont, unter keinen Umständen in Frage, da eine solche Anweisung klar den Weisungen des OKH widerspreche (Chef d. Gr./Chef, 14,35 Uhr; s.a.Anl. VIII 3).
Es ergeht darauf vom AOK der Befehl an das XXXV.A.K., seinen Kampf durch rücksichtslose Entblößung aller nicht oder weniger stark angegriffenen Frontabschnitte mit dem Hauptziel der
Wahrung einer geschlossenen Front zu führen, selbst auf die Gefahr hin, daß dies Abschnitte dann auch von schwächerem Feind eingedrückt werden. Für den rechten Korpsflügel ist befohlen,
solange auszuharren, bis die 36.J.D., deren Zurückziehung aus dem Brückenkopf Paritschi vom stellv.OB nun doch angeordnet und von der Heeresgruppe mit der Hinweis nachträglich gebilligt
worden ist daß zur Vermeidung einer Einschließung Verbindung zwischen der 36. und 45.I.D. gehalten werden müsse, auf das Beresina-Ostufer abgeflossen sei. In dieser Kampfanweisung sieht
das AOK die einzige Möglichkeit, einerseits eine Aufsplitterung der Front zu verhindern, andererseits aber auch den Forderung der der Heeresgruppe nach einem Halten der Front möglichst
weit ostwärts gerecht zu werden (s. Anl. IV 3). Das AOK ist sich dessen bewußt, daß es in der augenblicklichen Lage entscheidend darauf ankommt, die Zügel der Führung fest in der Hand
zu behalten.
In diesen Tagen und Stunden, in denen von der richtigen und planmässigen Steuerung des Abwehrkampfes das Sein oder Nichtsein der Armee abhängen kann, darf es nicht sein, daß bei einem
weiteren Vorrücken der feindlichen Angriffsspitzen das hart westlich Bobruisk gelegene Armeehauptquartier in die Kampfhandlungen einbezogen und damit als Führungsstelle ausgeschaltet
wird. Der OB befiehlt deshalb noch -für heute Stellungswechsel des AOK in das vorbereitete Ausweichquartier Protassewitschi (westlich Ossipowitschi). Um im Falle eines überraschenden
Angriffs nicht wertvolles Aktenmaterial in Feindeshand fallen zu lassen, ist die vorbeugende Vernichtung aller nicht unbedingt für die laufende Arbeit benötigten Verschlußsachen bereits
im Laufe des Tages angeordnet und durchgeführt worden. (siehe An.VII 1).
Um 20,30 Uhr verläßt, nachdem der OB und der Ia im neuen Quartier eingetroffen sind, der Chef des Generalstabes das bisherige A.H.Qu. Teile des Stabes sind schon vorausgefahren,
Teile werden noch im Laufe der Nacht folgen.
27.6.1944
KTB 9.Armee.
In ununterbrochenes. Einsätzen fliegt die feindliche Luftwaffe die ganze Nacht hindurch Bombenangriff auf Bombenangriff gegen Bobruisk, Ossipowitschi und Marina Gorka. Stundenlang ist
der Himmel durch die langsam herabsinkenden Leuchtbomben taghell erleuchtet. Dem Abwehrfeuer eigener Flak begegnen die feurigen Garben der feindlichen Bordwaffen; der Verkehr auf den
Hauptrollbahnen wird empfindlich gestört; zuweilen völlig unterbrochen. Die Nachrichtenzentrale der Armee in Ossipowitschi wird schwer getroffen.
Es folgt ein Tag sich überstürzender Ereignisse und wechselvoller Entscheidungen.
Schon in den frühesten Morgenstunden trifft die Meldung ein, dass die feindlichen Angriffsspitzen nunmehr bereits westlich Bobruisk nach Norden durchgestoßen seien. Die Stadt und die
in ihr stehenden Truppen sin damit von drei Seiten vom Feind umfaßt.
Kurz nach 6 Uhr überbringt, da die Fernsprechverbindung gen durch die Bombenangriffe fast restlos ausgefallen sind, ein Kurieroffizier einen Befehl der Heeresgruppe. Er lautet:
Aufgabe der 9.Armee ist es, die Lücke südostwärts Bobruisk zu schließen und die Verbindung zu den Nachbar-Armeen aufrecht zu erhalten. Hierzu kämpft sich die Armee, unter Mitnahme allen
Geräts, auf die Brückenkopfstellung von Bobruisk zurück. 20.Pz.Div. ist zur Lösung dieser Aufgabe zum Angriff anzusetzen" (s.Anl.V 1). Ein weiterer Befehl erinnert daran, rechtzeitig
sicherzustellen, daß auch bei einem weiteren Durchbrechen der Front durch den Feind der Feste Platz Bobruisk unter allen Umständen bis zum letzten gehalten werde -hierfür wird der
Oberbefehlshaber persönlich verantwortlich gemacht (s.Anl.V2).
Vom AOK wird da .raufhin unverzüglich dem XXXXL.Pz.K. und XXXV. A.K. befohlen sich zum Durchbruch auf Ossipowitsclij zu vereinigen; sollte die Vereinigung nicht mehr möglich sein, wird
getrennter Durchbruch nach Ossipowitschi (XXXXI.Pz.K. und 20.Pz.Div.) und nach Norden zur 4.Armee (XXXV.A.K.) angeordnet. Als Besatzung des Festen Platzes wird die 383.I.D.bestimmt
(s.Anl.IV 5).
Der Befehl, gegebenenfalls getrennt auszubrechen, findet seinen Grund in der augenblicklichen Lage: Feindliche Panzerkräfte sind inzwischen von Nordosten her auf der Rollbahn bis vor
die Tore von Bobruisk gelangt und sperren dem XXXV.A.K.den Zugang zur Stadt. Damit ist nicht nur der linke Flügel des XXXV.A.K. von der Masse des Korps abgesplittert (s.Anl.III 8b),
sondern auch das Korps selbst von den in und westlich Bobruisk stehenden Kräften getrennt. Es meldet die Absicht, die Verbindng angriffsweise wiederherzustellen (s.Anl.III -15).
Noch ehe jedoch die genannten Armeebefehle von den Funkstellen des Korps quittiert sind, übermittelt der Chef der Heeresgruppe eine neue Weisung (Chef H.Gr./Ia, 9,15 Uhr). Darin heißt
es, daß die Aufgabe der 9.Armee unverändert bestehen bleibe. Dieser Befehl bedeutet, daß der alte uneingeschränkte Verteidigungsauftrag nach wie vor gilt, d.h., daß der Befehl der
Heeresgruppe zum Zurückkämpfen auf die Brückenkopfstellung und insbesondere die Weisung des AOK zum Durchschlagen (entsprechend dem Heeresgruppenbefehl zum Verbindunghalten zu den
Nachbararmeen) aufgehoben werden. Er zwingt das AOK, unter Ungültigerklärung seines bisherigen Befehls nunmehr von allen eingeschlossenen Verbänden das Halten des Raumes um Bobruisk zu
fordern (s.Anl.IV 9).
Bis zum Mittag eintreffende Funksprüche der beiden Korps fußen jedoch noch auf dem erstgegebenen Befehl (s.Anl.III 24, 25, 26, 27), da die neue Weisung infolge mehrfacher Funkstörungen
offenbar noch nicht eingetroffen ist . Sie erklären die Vereinigung beider Korps infolge der Sperrung der Beresina-Brücke durch die sich laufend verstärkenden gegnerischer Panzerkräfte
bei Titowka für unmöglich und melden deshalb als Absicht den Einzeldurchbruch nach Norden, teils ostwärts der Beresina zum AOK 4, teils westlich der Beresina auf der Uferstraße, auf
der noch im Laufe des Tages zahlreiche Fahrzeuge dem sich langsam schließenden Kessel um Bobruisk entronnen sind (auch Angehörige des Armeestabes haben sich hier noch durchschlagen
können — leider dürfte jedoch einigen Teilen des AOK sowie einem erheblichen Teil des Nachrichten-Rgts. der Ausbruch nicht mehr gelungen sein).
Etwa zu dem Zeitpunkt, in dem der zweite Befehl, der den ersten widerruft, bei der Truppe ankommt, trifft eine neue Weisung von der Heeresgruppe ein, die praktisch, den heute vom AOK
gegebenen Befehl wiederherstellt (Chef H.Gr./Chef, 16,05 Uhr). Sie befiehlt den in Bobruisk eingeschlossenen Kräften den Ausbruch, gibt der 9.Armee die Aufgabe des Aufbaus einer neuen
Verteidigungslinie in der allgemeinen Linie Staryje Dorogi -Ossipowitschi - Stary Ostroff, erinnert an die Zerstörung aller wichtigen Objekte und ordnet für die Verteidigung des
Festen Platzes das Zurückbleiben der 383.I.D. in Bobruisk an. Die Armee quittiert diese Weisung mit der unverzüglichen Weitergabe des Ausbruchsbefehls an die eingeschlossenen Verbände,
denen für die Durchführung des Ausbruchs nunmehr volle Handlungsfreiheit gegeben wird. (s.Anl.III 23 und 24). Leider sind durch das Hin und Her der Befehle kostbare Stunden verloren
gegangen. Da die Heeresgruppe für den Befehl zum Halten des Festen Platzes eine Empfangsbestätigung des Kommandanten fordert, zu diesem jedoch schon seit längerem keine Funkverbindung
mehr besteht, erwägt das AOK den nächtlichen Fallschirmabsprung eines Ordonnanzoffiziers über der Stadt, falls die Funkverbindung nicht inzwischen wiederhergestellt sein sollte.
Westlich Bobruisk ist die zweite feindliche Panzergruppe inzwischen nach Westen auf Ssluzk abgedreht, wie die Luftaufklärung meldet. Unter Führung des Artillerie-Kommandeurs des
XXXXI.Pz.K. hat sich dort, verstärkt durch eine Kampfgruppe der AWS, ein schwacher Sperrverband gebildet, der um die Verzögerung des feindlichen Vorgehens einen schweren und ungleichen
Kampf führt. Nachdem Glusk verloren gegangen ist, ist auch die vom Korück gebildete Kampfgruppe im schrittweisen Zurückkämpfen nach Westen. Zur Sicherstellung einer einheitlichen
Kampfführung befiehlt das AOK die Zusammenfassung beider Verbände unter Führung des Korück (s.dazu Anl.III 13, 14 und Anl.IV 7).
Der am Nachmittag eingegangene Befehl der Heeresgruppe hat angesichts der Trennung des LV.A.K. von den übrigen Teilen der 9.Armee nunmehr dessen Unterstellung unter die 2.Armee
angeordnet. Das AOK entläßt das Korps mit dem Befehl, unter scharfer Schwerpunktbildung an seinem Nordflügel auf die Linie Tscherwonoje=See - Staryje Dorogi auszuweichen, entsprechend
der in Befehl der Heeresgruppe genannten neu geplanten Abwehrfront.
Neben der Sorge um die im Raum Bobruisk eingeschlossenen Teile, unter denen sich die Masse der Divisionen der Armee befindet, gilt die Arbeit des AOK nunmehr vor allem dem Aufbau der
neuen Verteidigungslinie Staryje Dorogi - Ossipowitschi - Stary Ostroff, wozu, außer den an der Südstraße nach Ssluzk stehenden Teilen, nennenswerte Kräfte zunächst überhaupt nicht,
zur Verfügung stellen, da der Antransport der von der Heeresgruppe zugesagten Verstärkungen (Teile 390.F.A.D., Sperrverband "Bergen", s.Anl.V 6- und 12.Pz.Div. ) nur mit großen
Verzögerungen vor sich geht, die in keinem Verhältnis zu dem Tempo des feindlichen Vormarsches stehen. Es bleibt deshalb nichts anderes übrig, als mit den wenigen gerade greifbaren
Sicherungseinheiten im Raume von Ossipowitschi und Gruppen von aufgefangenen Versprengten vorwärts Ossipowitschi den Versuch zur Bildung einer behelfsmässigen Sperrlinie zu unternehmen.
Dem Höh.Art.Kdeur. des AOK, Generalleutnant Lindig, wird die Organisation der Verteidigung von Ossipowitschi übertragen. Der stellv.OB und Offiziere des Armeestabes selbst sind darüber
hinaus bemüht, zurückflutende Trosse und Alarmeinheiten aufzufangen und zunächst einmal eine vorläufige Widerstandslinie zu improvisieren. Es Bedarf dabei vielfach harter Mittel, um
die übereilt gebildeten, unzureichend bewaffneten und nicht vom Gefühl der Zusammengehörigkeit getragenen Alarmgruppen zum Kämpfen zu zwingen, und kurz darauf kommt vom Feldkommandanten
Ossipowitschi bereits die Meldung, eigene Infanterie sei im Zurückweichen auf den Ort - feindliche Panzer seien im Angriff (FK/Ia, 19,15 Uhr).
Als sich die feindliche Pz.Spitze dem Gefechtsstand des AOK nähert, muß ein erneuter-Stellungswechsel befohlen werden, mit den letzten Fahrzeugen bereits im feindlichen Artillerie
und Panzerfeuer, verläßt das AOK das brennende Protassewitschi. Der stellv. OB befindet sich noch vorn.
Auf der Fahrt nach Marina Gorka, das als nächster Gefechtsstand ausersehen ist, trifft der Armeechef den soeben von Minsk kommenden neuen Oberbefehlshaber, General der Panzertruppe v.
Vormann. General Jordan hat sich bereits heute Nachmittag, noch einmal zu einem kurzen Besuch beim AOK zurückgekehrt, verabschiedet.
Kurz vor Einbruch der Dunkelheit wird der neue Gerichtsstand im ehemaligen Technikum Marina Gorka bezogen.
28.6.1944
KTB 9.Armee.
Die 9.Armee hat als Kampfverband praktisch zu bestehen aufgehört.
Der Ring um Bobruisk ist geschlossen. Nach einem Funkspruch des XXXXI.Pz.K. strömen seit Beginn der Dunkelheit Truppenteile aller Divisionen, des XXXXI.Pz.K. und XXXV. A.K. ungeordnet,
zum Teil nach Vernichtung ihrer schweren Waffen, in die Stadt. Bobruisk, von allen Seiten angegriffen, wird unter Führung des Kommandanten des Festen Platzes von Teilen der 383.I.D.
und sonstigen kampffähigen Einheiten heldenhaft verteidigt (s.Anlage III 1, 4, 5). Die Ordnung der in der überfüllten und von schweren Luftangriffen betroffenen Stadt befindlichen
Verbände bereitet erhebliche Schwierigkeiten (s.Anlage III 3). Namhafte Teile des XXXV.A.K. scheinen noch über die Eisenbahnbrücke einen Weg in die Stadt gefunden zu haben. Die Zahl der
Verwundeten geht in die Tausende, über die Gesamtzahl der eingeschlossenen Truppen sind nur Schätzungen möglich), sie dürfte mit etwa 70 000 Mann zu beziffern sein.
Versorgungsschwierigkeiten werden empfindlich fühlbar (s.Anlage VII 1), es fehlt an Verpflegung, Munition und Sanitätsmaterial, da die Lager zum Teil durch Beschuß ober Bomben vernichtet
sind. Das AOK versucht, durch Luftversorgung Abhilfe zu schaffen, soweit es geht (s.Anlage IV 9 und 12).
Die Anfrage des XXXXI.Pz.K., ob morgen mit einem Entsatzangriff zur Erleichterung des Durchbruchs gerechnet werden könne (s.Anlage III 6 und 8), muß das AOK leider verneinen, denn es
verfügt zur Zeit über keinen einsatzfähigen Kampfverband mehr.(s.Anlage IV 6). Während an der Straße Bobruisk -Ssluzk die bei Staryje Dorogi stehenden schwachen Kräfte des Arko 35 und
der AWS (Gruppe Oberst Bickel) von den feindlichen Panzerspitzen hinter die Oressa zurückgedrängt werden, (von der Kampfgruppe des Korück fehlen Nachrichten), ist auch im Raum
Ossipowitschi noch keineswegs eine haltbare Sperrung der Straße Bobruisk - Minsk vorhanden. Die unter Führung des Höh.Art.Kdr. südostw. und ostw.Ossipowitschi aufgebauten Sicherungen
sind gestern aus Ossipowitschi geworfen worden; sie stehen jetzt in einen dünnen Schleier nordwestl. der Stadt. Setzt der Feind seinen Vormarsch im bisherigen Tempo und mit nur
einigermaßen starken Kräften fort, so ist die Vernichtung auch noch der letzten Teile der Armee unvermeidlich.. Von den zahllosen Trossen, Versorgungstruppen und sonstigen rückwärtigen
Diensten, die, untermischt mit Ziviltrecks, auf allen Straßen in langen Kolonnen nach Westen und Nordwesten strömen, ist ein nennenswerter Widerstand gegen feindliche Panzer trotz aller
sofort eingeleiteten Auffang= und Organisationsmaßnahmen vor allem wegen des Fehlens panzerbrechender Waffen nicht zu erhoffen.
In dieser nahezu aussichtslosen Lage scheint es, als ob das Opfer der in Bobruisk Eingeschlossenen doch noch ein Gutes für den Wiederaufbau der Front haben sollte. Ob der Gegner durch
Versorgungsschwierigkeiten an der raschen Fortsetzung seines Durchbruchsangriffes gehemmt ist, ob er durch die Sperrung der Bobruisker Enge am Nachführen seiner Verbände gehindert wird
oder ob sein Angriff gegen die Stadt vorläufig noch die Masse seiner Kräfte bindet - der Feinddruck gegen die neu im Entstehen begriffene Abwehrlinie südostw.Marina Gorka ist heute
jedenfalls unerwartet gering. Es mag auch sein, daß der Gegner an einer gewaltsamen Brechung des neuen Widerstandes südostw. Marina Gorka in der sicheren Erwartung, durch beidseitiges
Vorbeistoßen seiner Panzer an der flankenoffenen Sperrlinie diese über kurz oder lang doch zum Ausweichen zu zwingen, zunächst gar kein sonderliches Interesse hat,
Mit umso grösserem Nachdruck arbeitet das AOK, trotz aller Unzulänglichkeit der vorhandenen Nachrichtenmittel, die immer wieder durch Kurieroffiziere ergänzt werden müssen, in
ununterbrochener Tages- und Nachtarbeit an der Neuherstellung der Abwehrfront im Raum Marina Gorka. Die Einheiten des "Sperrverbandes Bergen" (4 schwache Bataillone ohne nennenswerte
schwere Waffen), die heute eintreffen, erhalten Befehl zum sofortigen Beziehen einer Verteidigungslinie südlich und vor allem südostw. der Stadt (Ssentscha - Talka - Lapitschi -
Pogoreloje); der 390.F.A.D. werden hierzu weitere Sicherungseinheiten und. die heute eintreffenden ersten Teile der 12.Pz.Div. unterstellt. Die Sicherungen vorwärts dieser Linie sollen,
nachdem zunächst ihr Verbleib befohlen war (siehe Anlage IV 16), in der kommenden Nacht zurückgenommen werden, um sie nicht einer Umfassung durch den beiderseits der Straße vorfühlenden
Gegner auszuliefern (s.Anlage IV 17).
Um 12,50 Uhr trifft, von der Heeresgruppe übermittelt, der Führerbefehl ein, daß der Feste Platz Bobruisk aufzugeben sei (s.Anlage IV 7 und 8). Der Befehl wird vom AOK sofort
weitergegeben und -unter gleichzeitiger Bekanntgabe der derzeitigen Feindlage ( s.Anlage IV 14 und 15)- den eingeschlossenen Kräften der Aufbruch nach Norden längs der Beresina
empfohlen, da hier der geringste Feindwiderstand zu erwarten sein dürfte. Die Luftwaffe hat zugesagt, den Ausbruch zu unterstützen.(S.Anlage IV 15.)
Gleichzeitig ist heute der Führerbefehl über die weitere Kampfführung der Heeresgruppe Mitte eingetroffen, in dem gefordert wird, den feindlichen Vormarsch in der Linie Staryje Dorogi -
Ossipowitschi - Sswisslotsch - Beresina nunmehr endgültig zum Stehen zu bringen. Die zugeführten Panzerdivisionen werden darin ausdrücklich zum offensiven Einsatz bestimmt
(Operationsbefehl Nr. 8, Obkdo.H.Gr.Mitte Ia Nr. 8141/44 g.Kdos.Chefsache befehlsgemäß vernichtet ).
Für die Armeeführung erhebt sich damit die Frage nach der Kampfanweisung für die 12.Pz.Div.,die mit ihren ersten Transporten jetzt eintrifft. Sie hängt wesentlich von der vermutlichen
weiteren Angriffsführung des Feindes ab. Beurteilt man nach dem bisherigen Bild die tägliche Weiterentwicklung der Lage, so bieten sich dem jetzt mit dar Masse im Raum um Bobruisk
stehenden Feind drei Möglichkeiten der Angriffsfortsetzung. Die erste, ein Weiterstoß längs der Beresina nach Norden zum Flankenangriff in die im Ausweichen befindliche 4.Armee, ist
als kleinste und für den Feind am wenigsten erfolgversprechende Lösung am unwahrscheinlichsten. Sie würde auch den Armeeabschnitt kaum direkt betreffen und scheidet deshalb für die
Frage nach dem Ansatz der 12.Pz.Div. aus. Die zweite Möglichkeit wäre eine Fortsetzung des feindlichen Hauptstoßes in Richtung auf Minsk mit der operativen Zielsetzung einer
Einschließung der 4.Armee im Zusammenwirken mit den aus dem Raum Witebsk vorstoßenden Panzergruppen. In diesem Falle käme ein Ansatz der 12.Pz.Div. nach Südosten in Frage. Als dritte
Möglichkeit bietet sich für den Feind der Weiterstoß nach Westen, wodurch er, ohne die Aussicht auf eine Einkesselung der 4.Armee aufgeben zu müssen, in den Rücken der 2. Armee
gelangen würde. Sie dürfte der sowjetischen Führung als die aussichtsreichste erscheinen und muß deshalb als die wahrscheinlichste angenommen werden, sie bedeutet aber andererseits,
daß mit der Notwendigkeit eines Einsatzes der 12.Pz.Div. auch nach Süden auf Ssluzk gerechnet werden muß, sofern die dorthin in Zuführung befindliche 4.Pz.Div. nicht ausreichen sollte,
um den Feind aufzuhalten; eine Festlegung der 12.Pz.Div. südostw. Minsk wäre in diesen Falle zwecklos.
Auf Grund dieser Überlegungen, geht der Entschluß des OB dahin, die 12.Pz.Div im Schutz der bisher schon gebildeten, Sicherungslinie unter vorübergehender Abstellung von Teilen zu deren
Verstärkung zunächst lediglich zu versammeln, ohne ihren Einsatz schon jetzt festzulegen. Die Frage in welcher Richtung der befohlene Offensivstoß dann später zu erfolgen hat, wird erst
auf Grund einer weiteren Klärung des Feindbildes, um die die Luftaufklärung laufend bemüht ist, entschieden werden können (s.dazu Anlage IV 4 und IV 3).
Gegen Abend teilt die Heeresgruppe mit, daß Generalfeldmarschall Model, ehemaliger Oberbefehlshaber der 9.Armee und derzeitiger Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Nordukraine, noch heute
bei der Heeresgruppe als ihr neuer Oberbefehlshaber eintreffen werde; eine Nachricht, die das AOK mit zuversichtlicher Genugtuung verzeichnet.
29.6.1944
KTB 9.Armee.
Als schwere Sorge lastet auf den Gedanken des AOK die Frage nach dem Schicksal der Bobruisker Kameraden und den Erfolg ihres Ausbruchsversuches, der heute Nacht stattfinden sollte.
Die Funkverbindungen sind wieder einmal ausgefallen. Luftaufklärung kehrt ohne Ergebnis zurück.
Statt dessen bringen die Flieger andere Nachrichten: Immer deutlicher wird das Aufschließen der feindlichen Angriffsarmeen auf die neuen unzusammenhängenden deutschen Verteidigungslinien
erkennbar. Es zeigt sich, daß zwar, wie erwartet, mit dem Hauptstoß im Raum Ssluzk zu rechnen ist, daß sich aber auch der Stützpunktlinie der 9.Armee beiderseits der Straße Bobruisk -
Minsk starke Feindkräfte nähern. Darüber hinaus zeichnen, sich Ausholungsbewegungen um die Flanken dieser schwachen Front ab.
Aber nicht nur der Befehl zum Halten der jetzigen Linie, sondern vor allem die unerschütterliche Absicht, so Lange wie nur irgend möglich die Entfernung zu den in Bobruisk eingeschlossenen
Gruppen nicht größer werden zu lassen, als sie es leider schon ist, bestimmt den Entschluß des Oberbefehlshabers, alle vorhandenen Kräfte zur Verteidigung der jetzigen Linie Ssutin -
Pogoreloje einzusetzen. Hierzu wird unter dem Befehl des Höh.Art.Kdr.,Gen.Lt.Lindig, die "Gruppe Lindig" gebildet,, der die 390.F.A.D. und die 12.Pz.Div. unterstellt werden.
Ihre Kampfanweisung geht dahin, die Einheiten der 390.FAD zur Verteidigung einzusetzen, während die Aufgabe der 12.Pz.Div. darin bestehen soll feindliche Einbrüche im sofortiger Gegenstoß
zu zerschlagen, Nur in dieser Weise kann ein erfolgreiches Halten der Linie trotz der geringen zur Verfügung stehenden Kräfte erhofft werden (s.Anl.IV 8).
Zur Sicherung der Nordflanke der Gruppe wird unter Oberstlt.Meinecke, einem soeben vom Urlaub zurückgekehrten Rgt.Kdr,, dessen Rgt. sich im Bobruisker Kessel befindet, die "Gruppe Meinecke"
gebildet, die ihr Führer sich allerdings erst aus aufgefangenen Versprengten zusammenstellen muß (s.Anl.IV 8). Zum Schutz der Südflanke erbittet das AOK von der 2.Armee die Gruppe Bickel
zurück (Arko 35 des XXXXI.Pz.K., s.KTB v.28.6.44), die sich an der Straße Bobruisk - Ssluzk schrittweise zurückgekämpft hat und jetzt, da der Kampfraum Ssluzk nunmehr zur 2.Armee gehört
(s.Anl.IV 4), an der von Ssluzk nach Minsk führenden Straße eine Sicherung nach Süden aufbauen soll (s.Anl.3).
Um 12.00 Uhr ruft der Oberbefehlshaber der Luftflotte persönlich an: die Bobruisker Ausbruchsgruppe ist von der Luftaufklärung erkannt worden! Ihre Spitze befindet sich etwa 10 km nordwestl
der Stadt, zwischen ihr und Ossipowitschi allerdings schiebt sich eine Feindkolonne nach Nordosten vor, offenbar in der Absicht, sich der Ausbruchsgruppe vorzulegen (s.Anl.IV 7).
Unverzüglich erbittet das AOK von der Luftwaffe jede nur mögliche Unterstützung gegen diese Kolonne - es gilt jetzt um jeden Preis eine Verstärkung der Feindkräfte im Raum nordwestlich
Bobruisk zu verhindern.
Immer wieder kreisen die Gedanken des AOK um die Möglichkeit eines Befreiungsangriffes zu den Bobruisker Kameraden. Für diesen Angriff kommt allein die 12.Pz.Div. in Frage -leider aber ist
diese dadurch, daß der Feind heute die Sperrlinie der Gruppe Lindig mit immerhin schon recht starken Kräften angegriffen und bei Lapitschi auch einen Einbruch erzielt hat, dort so stark
gebunden, daß die Wegnahme der geschlossenen Division zu einer Angriffsaufgabe die Haltbarkeit dieser Sperrlinie und damit die Möglickeit, im Falle eines Erfolgs des Befreiungsangriffs die
Ausbruchsgruppe überhaupt aufzunehmen, völlig in Frage stellen würde. Darüber hinaus ist die Lage in den Flanken der Gruppe Lindig weitgehend unklar - nach Luftaufklärungsmeldungen stößt
der Gegner mit stärkeren Kräften von Ossipowitschi nach Westen vor; angesichts der Gefahr einer Umfassung der Gruppe erscheint deshalb der vorzeitige Einsatz der 12.Pz.Div. ein erhebliches
Wagnis.
Trotzdem ringt sich der Oberbefehlshaber zu dem Entschluß durch, anzugreifen. Sein ursprünglicher Plan, die 12.Pz.Div. weit nördlich ausholend von Tscherwen aus nach Süden vorstoßen zu
lassen, um auf diese Weise den sich zwischen die 9. und 4.Armee schiebenden Feindkräften Einhalt zu gebieten, sie auf sich zu lenken und damit den Ausbruch der Bobruisker Entlastung zu
bringen, wird von der Heeresgruppe nicht gebilligt (Chef H.Gr./Chef, 15,20 Uhr). Infolgedessen lautet sein Befehl an die Gruppe Lindig, nach Durchführung des zur Zeit im Gange befindlichen
Gegenangriffs zur Bereinigung des heutigen Einbruchs nach Südosten weiterzustoßen. Der Angriff soll aus dem Raum nordostw.Lapitschi in Richtung auf Sborsk geführt werden und in den frühen
Morgenstunden des 30.6. beginnen. Meldeabwurf der Luftwaffe über die ausbruchsgruppe ist noch für die Nacht vorgesehen, um ihr von dem eigenen Angriffsvorhaben Kenntnis zu geben.
Neben den eigentlichen Aufgaben der Kampfführung, die die Arbeitskraft des Oberbefehlshabers und seiner Mitarbeiter in diesen Tagen allein schon auf das höchste in Anspruch; nahmen,
erwächst der Armeeführung eine von Tag zu Tag größer werdende weitere Aufgate durch die nicht=kämpfenden Teile der Armee, die sich seit dem ersten tiefen feindlichen Durchbruch in einer an
Zahl ständig zunehmenden Rückwärtsbewegung befinden. Es handelt sich dabei nicht nur um die erforderliche verkehrstechnische Leitung, Überwachung und Versorgung der Kolonnen, die trotz
mancher Stockungen und Hemmnisse im allgemeinen doch verhältnismässig reibungslos abfließen, sondern es geht vor allem um die Ausnutzung dieses Stromes von Menschen,Fahrzeugen und Waffen
für die Gewinnung neuer Kampfeinheiten durch Aussonderung der einsatzfähigen Soldaten und Waffen. Fälle von Desorganisation, in den ersten Tagen noch selten, häufen sich, tagsüber
aufgestellte Alarmeinheiten weisen am nächsten Morgen nur noch einen Teil ihrer Kopfzahl auf, da ihre Angehörigen, die sich weder untereinander kennen noch ihren Führern einzeln bekannt
sind, in den übermächtigen Drang nach rückwärts über Nacht verschwinden, um sich wieder als Versprengte den nach Westen flutenden Kolonnen anzuschließen. Bedauerlicherweise werden auch
Fälle bekannt, daß Offiziere aus derartigen Alarmeinheiten ihre Truppe verlassen haben. Das AOK, gewillt, derartige Erscheinungen mit aller Schärfe schon im Keime zu ersticken, trifft
unverzügliche Gegenmaßnahmen: Offiziersstreifen mit allen Vollmachten werden mit der Überwachung der Marschstraßen beauftragt (s.z.B. Anl.IV 12) und für die Aufstellung von Alarmeinheiten
wird die sofortige listenmässige Festlegung ihrer Führer und Angehörigen befohlen. Hinsichtlich der Organisation des Fahrzeugverkehrs ist der einheitliche Abschub der nicht=kampffähigen
oder kampfnotwendigen Teile in den Raum Stolpce angeordnet, wo Sammelräume zur Neuordnung der Verbände eingerichtet werden. Einsatzfähige Teile sollen erfaßt und wieder einer Kampfverwendung
zugeführt werden (s.Anl. IV 10).
Die Heeresgruppe hat ab heute nacht 00.00 Uhr die Unterstellung des Festen Platzes Minsk unter den Befehl des AOK 9 angeordnet (s.Anl. V 5). Es bedeutet das eine neue schwere Belastung der
Armee, da die zur Verteidigung des Festen Platzes vorhandenen Kräfte völlig unzulänglich sind (s.Anl.VIII 1). Das AOK hofft deshalb dringend, von dieser Aufgabe im Zuge der weiteren
Ausweichbewegung der 4.Armee alsbald wieder entbunden zu werden, zumal der Feste Platz im Abschnitt der 4.Armee liegt und deshalb nach Ansicht des AOK auch nach wie vor in deren
Befehlsbereich gehört (s.Anl.II, TM Ziff.11). Das AOK hat heute seinen Gefechtsstand nach Gatowo (15 km SSO Minsk) verlegt.
30.6.1944
KTB 9.Armee.
Im Mittelpunkt der Tagesereignisse steht wiederum der Ausbruch der Bobruisker und die brennende Frage, ob ihre Aufnahme möglich sein wird. Bei der Gruppe Lindig hat der Feind in den
frühen Morgenstunden Lapitschi angegriffen und einen Einbruch erzielt, zu dessen Bereinigung das gesamte Pz.G.R.25 eingesetzt werden muß. Damit ist der für heute geplante Vorstoß aus dem
Raum nordwestlich Lapitschi auf Sborsk, für den das Regiment vorgesehen war, (s.Anl.VIII 3) undurchführbar geworden, denn ein Festsetzen des Feindes in einem Brückenkopf über den
Swisslotsch, der ihm eine vorzügliche Ausgangsstellung für weitere Angriffe bieten würde, muß unter allen Umständen verhindert werden. Auch bei Talka ist es zu feindlichen Panzervorstößen
gekommen; die Erwartung eines kurz bevorstehenden, stärkeren Feindangriffes bindet hier weitere Teile der 12.Pz.Div. (s.Anl.II). .
Von den Bobruiskern fehlt zunächst jegliche Nachricht. Auch die Luftaufklärung entdeckt die Kolonne nicht mehr (Ic Lw/Ord.Offz.Chef, 6,15 Uhr).
Endlich gegen 10.00 Uhr, trifft ein Funkspruch des stellvertretenden Komm.Generals des XXXXI.Pz.K.General-Lt.Hoffmeister, ein. Danach befindet sich die Ausbruchsgruppe in schweren
Durchbruchskämpfen auf dem Weg nach Norden (s.Anl.III 4) und erbittet Munition, Betriebsstoff und Verpflegung. Während der Versorgungsabwurf schon vorbereitet wird
(Chef/Chef Lfl.6, 10,20 Uhr), muß eine erneute Funkanfrage zunächst den Standort der Gruppe feststellen, die inzwischen auch von den Aufklärungsfliegern wieder erfaßt worden ist
(s.Anl.III 9).
Gegen 14.00 Uhr kommt ein neuer Funkspruch des XXXXI.Pz.K. (s.Anl.X). Er meldet,daß die Ausbruchsgruppe die Swisslotsch=Brücke besetzt habe. Der Versorgungsabwurf wird daraufhin
unverzüglich veranlaßt (s.Anl.V 1, IV 6, 10 und 12).
Zum zweiten Mal ist der OB vor die schwere Frage gestellt, ob trotz der Feindangriffe auf die Gruppe Lindig ein eigener Angriff zur Befreiung der Ausbruchsgruppe gewagt werden kann.
Der brennende Wunsch, ihr zu helfen, drängt jedoch auch heute wieder die schweren Bedenken zurück, daß ein Abziehen von Teilen der 12.Pz.Div. aus den noch am Abend andauernden schweren
Ortskämpfen in Lapitschi zum Zusammenbruch der Sperrlinie der Gr.Lindig führen könnte, die nunmehr 3 Tage lang den unmittelbaren Feindstoß von Südosten auf Minsk erfolgreich verhindert hat.
In dem Bewußtsein, daß das Leben von vielen Tausenden .von Henschen auf dem Spiel steht, entschließt sich der OB deshalb nochmals zu dem Wagnis eines Befreiungsangriffs
(OB/Ia 12.Pz.Div., 15,05 Uhr; endgültiger Befehl: Ia/Ia Gr.Lindig, 15,10 Uhr). Der Vorstoß soll von Pogoreloje auf Sswisslotsch geführt werden und möglichst noch vor Morgengrauen beginnen.
Hinsichtlich der Bemessung der Kräfte läßt der OB der 12.Pz.Div. freie Hand, da nur sie im Stande sein wird, je nach der weiteren Entwicklung der Kampflage bei Lapitschi und Talka zu
übersehen, was dort an Kräften entbehrt werden kann, ohne den Bestsand der Sperrlinie völlig in Frage Zu stellen. Er befiehlt jedoch, hierbei bis an die äußerste Grenze des Vertretbaren zu
gehen und den besten Kommandeur mit der Durchführung des Unternehmens zu beauftragen. Am Nachmittag meldet Gen.Lt.Hoffmeister, daß der Sswisslotsch-Übergang durch feindlichen Gegenstoß wieder
verloren sei (s.Anl.IV 5). Damit sinken die Aussichten auf eine Befreiung der Bobruisker erheblich. Denoch läßt sich der OB in seiner festen Zuversicht, daß sie gelingen werde, nicht
irremachen.
Schon jetzt ordnet er an, alle erdenklichen Vorbereitungen für die Aufnahme, Verpflegung und Betreuung der Bobruisker, von denen heute bereits eine Splittergruppe von 350 Mann bei der Gruppe
Lindig eingetroffen ist (Ia Gruppe Lindig / Chef 12.00 Uhr), und zu ihrem raschen Abtransport zu treffen.
Nebenan diesen Ereignissen beginnt sich eine neue Gefahr für die 9.Armee sowie alle noch im Raum. ostw.Minsk stehenden eigenen Truppen, zu denen in erster Linie die sich langsam nach Westen
zurückkämpfende 4.Armee gehört, abzuzeichnen. Die Luftaufklärung meldet am frühen Vormittag, daß sich eine feindliche Panzergruppe 12 km südl.Ssluzk im Vormarsch nach Norden befinde
(s.Ic/Zwischenmeldung). Schon vorher ist vom Kommandant des Festen Platzes Minsk die Meldung eingegangen, daß feindliche Panzer und mot.Infanterie 60 km nordostwärts Minsk im Vormarsch nach
Südwesten von der Luftaufklärung erfaßt worden seien (Kdt.F.Pl.Minsk / Chef, 5,50 Uhr). Ziel der beiden Feindgruppen ist offensichtlich Minsk, ihre Absicht: die Umklammerung aller ostw. Minsk
stehenden eigenen Kräfte. Angesichts der Unterstellung des Festen Platzes Minsk fällt hierbei dem AOK 9 die Aufgabe . zu, beide Stöße abzuwehren. Da im Augenblick an eine Erfüllung der gestern
an die 2.Armee gerichteten Bitte um Rückunterstellung der Gr.Bick el, die am Kampf um Ssluzk beteiligt ist, nicht zu denken ist, sieht sich das AOK gezwungen, zur Abwehr des Südstoßes den
bisher zur Abschirmung der linken offenen Flanke der Gruppe Lindig eingesetzten Sperrverband. Meinecke beschleunigt nach Süden herumzuwerfen. Er erhält den Auftrag, soweit wie möglich auf der
Straße nach Ssluzk nach Süden vorzustoßen und das Vordringen der feindlichen Panzer aufzuhalten oder zum mindesten zu verzögern (Chef/Adj.Gr.Meinecke, . 9,30 Uhr), wozu ihm weitere
Panzerabwehrwaffen nachgeführt werden (s.Anl.IV 1). Ein Offizierspähtrupp des AOK ist bereits zur Aufklärung vorausgesandt worden (s.Anl.IV 7). Die Straße wird bis südlich Walerjahy feindfrei
gemeldet (s.Anl. III 6,7,8,11, IV 2). Zur Abwehr des Nordstoßes erbittet das AOK von der Heeresgruppe, die bereits Luftwaffenunterstützung angefordert und Vorausteile der 5.Pz.Div. dorthin
abgedreht hat (Ia Heeresgr./Chef, 3,55 Uhr), die Genehmigung, soeben in Minsk ausgeladene Teile der Tigerabt.505 einsetzen zu dürfen. Die Genehmigung erfolgt (Chef Heeresgruppe/Chef, 5,30 Uhr),
worauf das AOK von Kommandanten des Festen Platzes Minsk einen Sperrverband unter Führung des Oberstlt.v. Majewski aufstellen und auf der Straße nach Logosik mit dem gleichen Auftrag antreten
läßt, den die Gr.Meinecke in südl. Richtung erhalten hat (Chef/Kdt.F.Pl.Minsk,5,55 Uhr; vergl. Anl.VIII 1). Die ab morgen verfügte Rückunterstellung des Festen Platzes Minsk unter die 4.Armee
(s.Anl.V 7) überträgt die weitere Kampfführung der Gr.v.Majewski dem AOK 4.
Die Heeresgruppe hat ferner mitgeteilt, daß der Armee die 28.Jg.Div. zugeführt werde. Mit dem Eintreffen der ersten Züge sei etwa am 1.7. zu rechnen (s.Anl.V 6). Als Ausladebahnhöfe sind von
der Heeresgruppe Stolpce und Dsershinsk (Koidanowo) vorgesehen. Von dort aus soll die Division nach Südosten gegen die vom Feind auf Minsk vorgetriebenen Umfassungskräfte unbesetzt werden.
Das AOK hält diese Planung für fehlerhaft. Es ist, trotzdem heute noch der Anschein dagegen spricht, der Auffassung, daß der vermutliche Hauptstoß des Gegners weniger nach Norden auf Minsk
als auf die Landenge von Baranowicze und das Höhengelände von Nowogrodek gerichtet sein und daß der Feind hierbei als erstes eine Sperrung des Njemen=Überganges bei Stolpce anstreben werde.
Infolgedessen würde das AOK eine Ausladung der Divisionen auf den Bahnhöfen Horodziej und Stolpce, d.h. also weiter. südwestlich, für richtig halten; ein Weiterfahren würde nach seiner Ansicht
nur ein Hineinfahren in den vom Feind geplanten neuen Kessel um den Großraum Minsk bedeuten. Der Chef der Heeresgruppe widerspricht dieser vom Armeechef vorgetragenen Auffassung mit dem
Hinweis, daß ein Abdrehen der jetzt nach Westen angreifenden feindlichen Hauptkräfte nach Nordwesten unwahrscheinlich sei, da hier das fast völlig wegelose ehemalige polnisch-sowjet=russische
Grenzgebiet sich einem raschen Vormarsch als natürliches Hindernis entgegenstelle; zum. Schutz der Landenge von Baranowicze, wohin die Hauptstraße von Ssluzk führe, sei überdies die
1.kgl.ung.Kav.Div. im Anmarsch (Chef H.Gr./Chef, 20,20 Uhr).
 
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