| Kriegstagebuch Juni 1944 | |
| 26.6.1944 | KTB 9.Armee. Die Lage hat sich über Nacht zunehmend verschärft. Der Angriff der 20.Pz.Div. ist ohne nennenswerten Erfolg vor den mit äußerster Hartnäckigkeit Widerstand leistenden Flankenschutzgruppen der gegnerischen Durchbruchskräfte liegengeblieben. Die feindlichen Panzerspitzen stehen jetzt 20 km südlich Bobruisk. Vor ihnen steht an eigenen Kräften so gut wie nichts. Daraufhin faßt der Oberbefehlshaber -unter Meldung an das Obkdo.der Heeresgruppe- den Entschluß, den Angriff der 20.Pz.Div. einzustellen. In der Überzeugung, daß ein Versuch, durch weitere Fortsetzung des Angriffes den angestrebten Erfolg doch noch herbeizuzwingen, angesichts der beträchtlichen Übermacht des Feindes und der Ungunst des Geländes hoffnungslos ist, andererseits aber eine Wegnahme von Bobruisk und ein Weiterstoß des Feindes westlich der Stadt nach Norden das gesamte XXXV.A.K. der Einschließung ausliefern würde, befiehlt er gegen 9,00 Uhr die sofortige Umgruppierung der Division in den Raum südwestlich der Stadt. Darüber hinaus ordnet er die Herauslösung der 383.I.D aus der Südfront des XXXV.A.K. und ihre unverzügliche Verschiebung in den gleichen Raum an (s.Anl.IV 1). Diesen Befehlen liegt der Plan zu Grunde, durch Herstellung einer Abwehrfront an Ptitsch durch das LV.A.K. und einer Abschirmung der rechten tiefen Flanke der noch ostwärts der Beresina stehenden Truppen den feindlichen Durchbruch zunächst einzudämmen, alsdann durch Angriff der 20.Pz.Div. von Bobruisk nach Südwesten oder Westen sich den feindlichen Angriffsspitzen vorzulegen, noch ehe sie westlich der Stadt vorbeigestoßen sind und durch Nachführung der 383.I.D. hinter der 20.Pz.Div. eine neue HKL südlich Bobruisk aufzubauen. Leider wird die Umgruppierung beider Divisionen viel kostbare Zeit benötigen. Mit einen taktischen Wirksamwerden der 20.Pz.Div. bei Bobruisk ist frühestens in den Abendstunden zu rechnen. Unter diesen Umständen ist ein weiteres Stehenbleiben der 36.I.D. in Brückenkopf Paritschi sinnlos geworden. Der OB befiehlt daher gleichzeitig, die Division baldmöglichst auf das Ostufer der Beresina überwechseln zu lassen, um sie ebenfalls im Raum Bobruisk einzusetzen (s.Anl.IV 2), Diesem Befehl widerspricht jedoch der Feldmarschall auf das schärfste. Er fordert seine Aufhebung mit dem Hinweis, daß durch Preisgabe von Paritschi dem Feind die Beresina=Uferstrasse überlassen werde, was keinesfalls geschehen dürfe. Die Vorstellungen des OB, daß dem Gerner auch ohne den Besitz von Paritschi für seinen Vormarsch auf Bobruisk ein ausgebautes Wegenetz westlich Paritschi zur Verfügung stehe, sodaß mit dem Festhalten der Stadt nichts gewonnen sei-, wohl aber eine Division zwecklos gebunden bleibe, verschließt sich der Feldmarschall mit der Wiederholung des Befehls, die Front müsse überall, wo immer es nur möglich sei, gehalten werden; eine Genehmigung zum Absetzen käme hier ebensowenig wie an anderer Stelle in Frage (FM/OB, 11,35 Uhr; s.a.Anl.VIII 4). Der feindliche Zangenangriff um das XXXV.A.K. entwickelt sich indessen mit zunehmender Schnelligkeit weiter. Am Nordflügel des Korps ist der Feind mit seinen Panzern durchgebrochen und steht vor der Rollbahn Mogilew - Bobruisk. Das AOK bietet hier, da das XXXV.A.K. auch in seiner Front durch schwerste Angriffe bedrängt ist, alles auf, um durch beschleunigte Zuführung von Verstärkungen, in erster Linie von Sturmgeschützen, die Rollbahn freizuhalten (Chef/Chef XXXV., 11,55 Uhr). Um 12,l0 Uhr trifft, nachdem bereits am Vormittag der Chef des Generalstabes des Heeres in einem unmittelbaren Anruf die Mißbilligung des OKH über die Kampfführung der Armee hinsichtlich des Einsatzes der 20.Pz.Div. ausgesprochen hat, von der Heeresgruppe der Befehl ein, der OB habe sich sofort nach Minsk zum Obkdo.d.H.Gr. zu begeben, um von dort aus zusammen mit dem Feldmarschall zum Führer weiterzufliegen. General Jordan verläßt daraufhin um 13.00 Uhr das AHQu. Seine Vertretung übernimmt der Kom.General des XXXXI.Pz.K.,Gen.d.Art. Weidling. Pausenlos fallen die Schläge der feindlichen Übermacht auf die weiterhin heldenmütig sich verteidigende 9.Armee. Die Umgruppierung der 20.Pz.Div. verzögert sich erheblich durch rollende feindliche Luftangriffe auf die Beresina Brücken bei Bobruisk, einzelne Teile der Division müssen zudem, nach Nordosten abgedreht werden, da der Feind in den Abendstunden nun doch die Rollbahn erreicht hat. Die Front des XXXV.A.K. ist mehrfach durchbrochen. Die Fernsprechverbindungen sind vielfach ausgefallen und die Funkverbindungen bieten einen nur unvollständigen Ersatz. Vorm LV.A.K. liegen nur bruchstückhafte Meldungen vor, zumeist sind es Einzelnachrichten der vom AOK mit Funkstellen ausgerüsteten und dorthin entsandten Offizierspähtrupps (s.Anl.III), sodass das AOK hier und über die Lage im Durchbruchsraum fast ausschließlich auf die Ergebnisse der Aufklärungsflieger angewiesen ist, die wegen der überlegenen feindlichen Jagdabwehr nur zeitlich und räumlich sehr beschränkt aufzuklären imstande sind, obwohl sie sich in laufenden Einsätzen immer wieder um eine Klärung des Feindbildes bemühen. Ein Ordonanzoffizier des AOK, der im Laufe des Vormittags mit einem Storch versuchen sollte, im Raum südlich Bobruisk den Standort der feindlichen Panzerspitzen festzustellen, ist vom Flug nicht zurückgekehrt. Der Feind hat sich inzwischen Bobruisk weiter genähert und steht bereits in den Nachmittagsstunden 5 km südlich der Stadt. Das Tempo des feindlichen Vormarsches hat sich heute sichtlich verlangsamt; es ist anzunehmen, daß der Feind vor seinem Weiterstoß zunächst eine kurze Pause zur Aufmunitionierung und Nachfüllung von Verstärkungen oder frischer Verbände eingelegt hat. Südwestlich Bobruisk steht die zweite nach Nordwesten angreifende Stoßgruppe vor Glusk, einzelne Teile haben den Ptitsch bereits überschritten. Die Lage treibt mit lawinenartiger Geschwindigkeit der Krise zu. Noch einmal erhebt sich die Frage nach einem Befehl zum Absetzen des XXXV.A:K. in die Brückenkopfstellung ostwärts Bobruisk. Noch einmal drängt das AOK auf diese Genehmigung, von der nach seiner Auffassung das Schicksal der Armee abhängt (Chef/Chef H.Gr., 14,35 Uhr). Auch die Heeresgruppe teilt am Abend mit, daß sie vom OKH Bewegungsfreiheit für das XXXV.A.K. erbeten habe (Chef H.Gr./Chef, 19,32; siehe a.Anl.VIII 2). Aber noch einmal ist das Ergebnis aller Anträge die Verweigerung jeder Ausweichgenehmigung. Auf die an die Heeresgruppe gerichtete Frage, welche Kampfanweisung unter diesen Umständen das XXXV.A.K. zu erhalten habe, wird erklärt, es müßten Auffanglinien hinter feindlichen Durchbrüchen geschaffen und mit Hilfe dieser Auffanglinien ein Setzen des Widerstandes durch rücksichtsloses Durchgreifen energischer Führer, notfalls mit Gewalt, erzwungen werden. Im übrigen seien die 12.Pz.Div. und ein Sperrverband für den Raum westlich Bobruisk im Anrollen, bis zu ihrem Eintreffen sei es Aufgabe der Armee, den vordringenden Feind beim XXXXI.Pz.K. aufzuhalten und beim XXXV.A.K.in irgendeiner Linie möglichst weit ostwärts zum Halten zu kommen. Eine Genehmigung zum Absetzen käme jedoch, das wird nochmals ausdrücklich betont, unter keinen Umständen in Frage, da eine solche Anweisung klar den Weisungen des OKH widerspreche (Chef d. Gr./Chef, 14,35 Uhr; s.a.Anl. VIII 3). Es ergeht darauf vom AOK der Befehl an das XXXV.A.K., seinen Kampf durch rücksichtslose Entblößung aller nicht oder weniger stark angegriffenen Frontabschnitte mit dem Hauptziel der Wahrung einer geschlossenen Front zu führen, selbst auf die Gefahr hin, daß dies Abschnitte dann auch von schwächerem Feind eingedrückt werden. Für den rechten Korpsflügel ist befohlen, solange auszuharren, bis die 36.J.D., deren Zurückziehung aus dem Brückenkopf Paritschi vom stellv.OB nun doch angeordnet und von der Heeresgruppe mit der Hinweis nachträglich gebilligt worden ist daß zur Vermeidung einer Einschließung Verbindung zwischen der 36. und 45.I.D. gehalten werden müsse, auf das Beresina-Ostufer abgeflossen sei. In dieser Kampfanweisung sieht das AOK die einzige Möglichkeit, einerseits eine Aufsplitterung der Front zu verhindern, andererseits aber auch den Forderung der der Heeresgruppe nach einem Halten der Front möglichst weit ostwärts gerecht zu werden (s. Anl. IV 3). Das AOK ist sich dessen bewußt, daß es in der augenblicklichen Lage entscheidend darauf ankommt, die Zügel der Führung fest in der Hand zu behalten. In diesen Tagen und Stunden, in denen von der richtigen und planmässigen Steuerung des Abwehrkampfes das Sein oder Nichtsein der Armee abhängen kann, darf es nicht sein, daß bei einem weiteren Vorrücken der feindlichen Angriffsspitzen das hart westlich Bobruisk gelegene Armeehauptquartier in die Kampfhandlungen einbezogen und damit als Führungsstelle ausgeschaltet wird. Der OB befiehlt deshalb noch -für heute Stellungswechsel des AOK in das vorbereitete Ausweichquartier Protassewitschi (westlich Ossipowitschi). Um im Falle eines überraschenden Angriffs nicht wertvolles Aktenmaterial in Feindeshand fallen zu lassen, ist die vorbeugende Vernichtung aller nicht unbedingt für die laufende Arbeit benötigten Verschlußsachen bereits im Laufe des Tages angeordnet und durchgeführt worden. (siehe An.VII 1). Um 20,30 Uhr verläßt, nachdem der OB und der Ia im neuen Quartier eingetroffen sind, der Chef des Generalstabes das bisherige A.H.Qu. Teile des Stabes sind schon vorausgefahren, Teile werden noch im Laufe der Nacht folgen. |
| 27.6.1944 | KTB 9.Armee. In ununterbrochenes. Einsätzen fliegt die feindliche Luftwaffe die ganze Nacht hindurch Bombenangriff auf Bombenangriff gegen Bobruisk, Ossipowitschi und Marina Gorka. Stundenlang ist der Himmel durch die langsam herabsinkenden Leuchtbomben taghell erleuchtet. Dem Abwehrfeuer eigener Flak begegnen die feurigen Garben der feindlichen Bordwaffen; der Verkehr auf den Hauptrollbahnen wird empfindlich gestört; zuweilen völlig unterbrochen. Die Nachrichtenzentrale der Armee in Ossipowitschi wird schwer getroffen. Es folgt ein Tag sich überstürzender Ereignisse und wechselvoller Entscheidungen. Schon in den frühesten Morgenstunden trifft die Meldung ein, dass die feindlichen Angriffsspitzen nunmehr bereits westlich Bobruisk nach Norden durchgestoßen seien. Die Stadt und die in ihr stehenden Truppen sin damit von drei Seiten vom Feind umfaßt. Kurz nach 6 Uhr überbringt, da die Fernsprechverbindung gen durch die Bombenangriffe fast restlos ausgefallen sind, ein Kurieroffizier einen Befehl der Heeresgruppe. Er lautet: Aufgabe der 9.Armee ist es, die Lücke südostwärts Bobruisk zu schließen und die Verbindung zu den Nachbar-Armeen aufrecht zu erhalten. Hierzu kämpft sich die Armee, unter Mitnahme allen Geräts, auf die Brückenkopfstellung von Bobruisk zurück. 20.Pz.Div. ist zur Lösung dieser Aufgabe zum Angriff anzusetzen" (s.Anl.V 1). Ein weiterer Befehl erinnert daran, rechtzeitig sicherzustellen, daß auch bei einem weiteren Durchbrechen der Front durch den Feind der Feste Platz Bobruisk unter allen Umständen bis zum letzten gehalten werde -hierfür wird der Oberbefehlshaber persönlich verantwortlich gemacht (s.Anl.V2). Vom AOK wird da .raufhin unverzüglich dem XXXXL.Pz.K. und XXXV. A.K. befohlen sich zum Durchbruch auf Ossipowitsclij zu vereinigen; sollte die Vereinigung nicht mehr möglich sein, wird getrennter Durchbruch nach Ossipowitschi (XXXXI.Pz.K. und 20.Pz.Div.) und nach Norden zur 4.Armee (XXXV.A.K.) angeordnet. Als Besatzung des Festen Platzes wird die 383.I.D.bestimmt (s.Anl.IV 5). Der Befehl, gegebenenfalls getrennt auszubrechen, findet seinen Grund in der augenblicklichen Lage: Feindliche Panzerkräfte sind inzwischen von Nordosten her auf der Rollbahn bis vor die Tore von Bobruisk gelangt und sperren dem XXXV.A.K.den Zugang zur Stadt. Damit ist nicht nur der linke Flügel des XXXV.A.K. von der Masse des Korps abgesplittert (s.Anl.III 8b), sondern auch das Korps selbst von den in und westlich Bobruisk stehenden Kräften getrennt. Es meldet die Absicht, die Verbindng angriffsweise wiederherzustellen (s.Anl.III -15). Noch ehe jedoch die genannten Armeebefehle von den Funkstellen des Korps quittiert sind, übermittelt der Chef der Heeresgruppe eine neue Weisung (Chef H.Gr./Ia, 9,15 Uhr). Darin heißt es, daß die Aufgabe der 9.Armee unverändert bestehen bleibe. Dieser Befehl bedeutet, daß der alte uneingeschränkte Verteidigungsauftrag nach wie vor gilt, d.h., daß der Befehl der Heeresgruppe zum Zurückkämpfen auf die Brückenkopfstellung und insbesondere die Weisung des AOK zum Durchschlagen (entsprechend dem Heeresgruppenbefehl zum Verbindunghalten zu den Nachbararmeen) aufgehoben werden. Er zwingt das AOK, unter Ungültigerklärung seines bisherigen Befehls nunmehr von allen eingeschlossenen Verbänden das Halten des Raumes um Bobruisk zu fordern (s.Anl.IV 9). Bis zum Mittag eintreffende Funksprüche der beiden Korps fußen jedoch noch auf dem erstgegebenen Befehl (s.Anl.III 24, 25, 26, 27), da die neue Weisung infolge mehrfacher Funkstörungen offenbar noch nicht eingetroffen ist . Sie erklären die Vereinigung beider Korps infolge der Sperrung der Beresina-Brücke durch die sich laufend verstärkenden gegnerischer Panzerkräfte bei Titowka für unmöglich und melden deshalb als Absicht den Einzeldurchbruch nach Norden, teils ostwärts der Beresina zum AOK 4, teils westlich der Beresina auf der Uferstraße, auf der noch im Laufe des Tages zahlreiche Fahrzeuge dem sich langsam schließenden Kessel um Bobruisk entronnen sind (auch Angehörige des Armeestabes haben sich hier noch durchschlagen können — leider dürfte jedoch einigen Teilen des AOK sowie einem erheblichen Teil des Nachrichten-Rgts. der Ausbruch nicht mehr gelungen sein). Etwa zu dem Zeitpunkt, in dem der zweite Befehl, der den ersten widerruft, bei der Truppe ankommt, trifft eine neue Weisung von der Heeresgruppe ein, die praktisch, den heute vom AOK gegebenen Befehl wiederherstellt (Chef H.Gr./Chef, 16,05 Uhr). Sie befiehlt den in Bobruisk eingeschlossenen Kräften den Ausbruch, gibt der 9.Armee die Aufgabe des Aufbaus einer neuen Verteidigungslinie in der allgemeinen Linie Staryje Dorogi -Ossipowitschi - Stary Ostroff, erinnert an die Zerstörung aller wichtigen Objekte und ordnet für die Verteidigung des Festen Platzes das Zurückbleiben der 383.I.D. in Bobruisk an. Die Armee quittiert diese Weisung mit der unverzüglichen Weitergabe des Ausbruchsbefehls an die eingeschlossenen Verbände, denen für die Durchführung des Ausbruchs nunmehr volle Handlungsfreiheit gegeben wird. (s.Anl.III 23 und 24). Leider sind durch das Hin und Her der Befehle kostbare Stunden verloren gegangen. Da die Heeresgruppe für den Befehl zum Halten des Festen Platzes eine Empfangsbestätigung des Kommandanten fordert, zu diesem jedoch schon seit längerem keine Funkverbindung mehr besteht, erwägt das AOK den nächtlichen Fallschirmabsprung eines Ordonnanzoffiziers über der Stadt, falls die Funkverbindung nicht inzwischen wiederhergestellt sein sollte. Westlich Bobruisk ist die zweite feindliche Panzergruppe inzwischen nach Westen auf Ssluzk abgedreht, wie die Luftaufklärung meldet. Unter Führung des Artillerie-Kommandeurs des XXXXI.Pz.K. hat sich dort, verstärkt durch eine Kampfgruppe der AWS, ein schwacher Sperrverband gebildet, der um die Verzögerung des feindlichen Vorgehens einen schweren und ungleichen Kampf führt. Nachdem Glusk verloren gegangen ist, ist auch die vom Korück gebildete Kampfgruppe im schrittweisen Zurückkämpfen nach Westen. Zur Sicherstellung einer einheitlichen Kampfführung befiehlt das AOK die Zusammenfassung beider Verbände unter Führung des Korück (s.dazu Anl.III 13, 14 und Anl.IV 7). Der am Nachmittag eingegangene Befehl der Heeresgruppe hat angesichts der Trennung des LV.A.K. von den übrigen Teilen der 9.Armee nunmehr dessen Unterstellung unter die 2.Armee angeordnet. Das AOK entläßt das Korps mit dem Befehl, unter scharfer Schwerpunktbildung an seinem Nordflügel auf die Linie Tscherwonoje=See - Staryje Dorogi auszuweichen, entsprechend der in Befehl der Heeresgruppe genannten neu geplanten Abwehrfront. Neben der Sorge um die im Raum Bobruisk eingeschlossenen Teile, unter denen sich die Masse der Divisionen der Armee befindet, gilt die Arbeit des AOK nunmehr vor allem dem Aufbau der neuen Verteidigungslinie Staryje Dorogi - Ossipowitschi - Stary Ostroff, wozu, außer den an der Südstraße nach Ssluzk stehenden Teilen, nennenswerte Kräfte zunächst überhaupt nicht, zur Verfügung stellen, da der Antransport der von der Heeresgruppe zugesagten Verstärkungen (Teile 390.F.A.D., Sperrverband "Bergen", s.Anl.V 6- und 12.Pz.Div. ) nur mit großen Verzögerungen vor sich geht, die in keinem Verhältnis zu dem Tempo des feindlichen Vormarsches stehen. Es bleibt deshalb nichts anderes übrig, als mit den wenigen gerade greifbaren Sicherungseinheiten im Raume von Ossipowitschi und Gruppen von aufgefangenen Versprengten vorwärts Ossipowitschi den Versuch zur Bildung einer behelfsmässigen Sperrlinie zu unternehmen. Dem Höh.Art.Kdeur. des AOK, Generalleutnant Lindig, wird die Organisation der Verteidigung von Ossipowitschi übertragen. Der stellv.OB und Offiziere des Armeestabes selbst sind darüber hinaus bemüht, zurückflutende Trosse und Alarmeinheiten aufzufangen und zunächst einmal eine vorläufige Widerstandslinie zu improvisieren. Es Bedarf dabei vielfach harter Mittel, um die übereilt gebildeten, unzureichend bewaffneten und nicht vom Gefühl der Zusammengehörigkeit getragenen Alarmgruppen zum Kämpfen zu zwingen, und kurz darauf kommt vom Feldkommandanten Ossipowitschi bereits die Meldung, eigene Infanterie sei im Zurückweichen auf den Ort - feindliche Panzer seien im Angriff (FK/Ia, 19,15 Uhr). Als sich die feindliche Pz.Spitze dem Gefechtsstand des AOK nähert, muß ein erneuter-Stellungswechsel befohlen werden, mit den letzten Fahrzeugen bereits im feindlichen Artillerie und Panzerfeuer, verläßt das AOK das brennende Protassewitschi. Der stellv. OB befindet sich noch vorn. Auf der Fahrt nach Marina Gorka, das als nächster Gefechtsstand ausersehen ist, trifft der Armeechef den soeben von Minsk kommenden neuen Oberbefehlshaber, General der Panzertruppe v. Vormann. General Jordan hat sich bereits heute Nachmittag, noch einmal zu einem kurzen Besuch beim AOK zurückgekehrt, verabschiedet. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit wird der neue Gerichtsstand im ehemaligen Technikum Marina Gorka bezogen. |
| 28.6.1944 | KTB 9.Armee. Die 9.Armee hat als Kampfverband praktisch zu bestehen aufgehört. Der Ring um Bobruisk ist geschlossen. Nach einem Funkspruch des XXXXI.Pz.K. strömen seit Beginn der Dunkelheit Truppenteile aller Divisionen, des XXXXI.Pz.K. und XXXV. A.K. ungeordnet, zum Teil nach Vernichtung ihrer schweren Waffen, in die Stadt. Bobruisk, von allen Seiten angegriffen, wird unter Führung des Kommandanten des Festen Platzes von Teilen der 383.I.D. und sonstigen kampffähigen Einheiten heldenhaft verteidigt (s.Anlage III 1, 4, 5). Die Ordnung der in der überfüllten und von schweren Luftangriffen betroffenen Stadt befindlichen Verbände bereitet erhebliche Schwierigkeiten (s.Anlage III 3). Namhafte Teile des XXXV.A.K. scheinen noch über die Eisenbahnbrücke einen Weg in die Stadt gefunden zu haben. Die Zahl der Verwundeten geht in die Tausende, über die Gesamtzahl der eingeschlossenen Truppen sind nur Schätzungen möglich), sie dürfte mit etwa 70 000 Mann zu beziffern sein. Versorgungsschwierigkeiten werden empfindlich fühlbar (s.Anlage VII 1), es fehlt an Verpflegung, Munition und Sanitätsmaterial, da die Lager zum Teil durch Beschuß ober Bomben vernichtet sind. Das AOK versucht, durch Luftversorgung Abhilfe zu schaffen, soweit es geht (s.Anlage IV 9 und 12). Die Anfrage des XXXXI.Pz.K., ob morgen mit einem Entsatzangriff zur Erleichterung des Durchbruchs gerechnet werden könne (s.Anlage III 6 und 8), muß das AOK leider verneinen, denn es verfügt zur Zeit über keinen einsatzfähigen Kampfverband mehr.(s.Anlage IV 6). Während an der Straße Bobruisk -Ssluzk die bei Staryje Dorogi stehenden schwachen Kräfte des Arko 35 und der AWS (Gruppe Oberst Bickel) von den feindlichen Panzerspitzen hinter die Oressa zurückgedrängt werden, (von der Kampfgruppe des Korück fehlen Nachrichten), ist auch im Raum Ossipowitschi noch keineswegs eine haltbare Sperrung der Straße Bobruisk - Minsk vorhanden. Die unter Führung des Höh.Art.Kdr. südostw. und ostw.Ossipowitschi aufgebauten Sicherungen sind gestern aus Ossipowitschi geworfen worden; sie stehen jetzt in einen dünnen Schleier nordwestl. der Stadt. Setzt der Feind seinen Vormarsch im bisherigen Tempo und mit nur einigermaßen starken Kräften fort, so ist die Vernichtung auch noch der letzten Teile der Armee unvermeidlich.. Von den zahllosen Trossen, Versorgungstruppen und sonstigen rückwärtigen Diensten, die, untermischt mit Ziviltrecks, auf allen Straßen in langen Kolonnen nach Westen und Nordwesten strömen, ist ein nennenswerter Widerstand gegen feindliche Panzer trotz aller sofort eingeleiteten Auffang= und Organisationsmaßnahmen vor allem wegen des Fehlens panzerbrechender Waffen nicht zu erhoffen. In dieser nahezu aussichtslosen Lage scheint es, als ob das Opfer der in Bobruisk Eingeschlossenen doch noch ein Gutes für den Wiederaufbau der Front haben sollte. Ob der Gegner durch Versorgungsschwierigkeiten an der raschen Fortsetzung seines Durchbruchsangriffes gehemmt ist, ob er durch die Sperrung der Bobruisker Enge am Nachführen seiner Verbände gehindert wird oder ob sein Angriff gegen die Stadt vorläufig noch die Masse seiner Kräfte bindet - der Feinddruck gegen die neu im Entstehen begriffene Abwehrlinie südostw.Marina Gorka ist heute jedenfalls unerwartet gering. Es mag auch sein, daß der Gegner an einer gewaltsamen Brechung des neuen Widerstandes südostw. Marina Gorka in der sicheren Erwartung, durch beidseitiges Vorbeistoßen seiner Panzer an der flankenoffenen Sperrlinie diese über kurz oder lang doch zum Ausweichen zu zwingen, zunächst gar kein sonderliches Interesse hat, Mit umso grösserem Nachdruck arbeitet das AOK, trotz aller Unzulänglichkeit der vorhandenen Nachrichtenmittel, die immer wieder durch Kurieroffiziere ergänzt werden müssen, in ununterbrochener Tages- und Nachtarbeit an der Neuherstellung der Abwehrfront im Raum Marina Gorka. Die Einheiten des "Sperrverbandes Bergen" (4 schwache Bataillone ohne nennenswerte schwere Waffen), die heute eintreffen, erhalten Befehl zum sofortigen Beziehen einer Verteidigungslinie südlich und vor allem südostw. der Stadt (Ssentscha - Talka - Lapitschi - Pogoreloje); der 390.F.A.D. werden hierzu weitere Sicherungseinheiten und. die heute eintreffenden ersten Teile der 12.Pz.Div. unterstellt. Die Sicherungen vorwärts dieser Linie sollen, nachdem zunächst ihr Verbleib befohlen war (siehe Anlage IV 16), in der kommenden Nacht zurückgenommen werden, um sie nicht einer Umfassung durch den beiderseits der Straße vorfühlenden Gegner auszuliefern (s.Anlage IV 17). Um 12,50 Uhr trifft, von der Heeresgruppe übermittelt, der Führerbefehl ein, daß der Feste Platz Bobruisk aufzugeben sei (s.Anlage IV 7 und 8). Der Befehl wird vom AOK sofort weitergegeben und -unter gleichzeitiger Bekanntgabe der derzeitigen Feindlage ( s.Anlage IV 14 und 15)- den eingeschlossenen Kräften der Aufbruch nach Norden längs der Beresina empfohlen, da hier der geringste Feindwiderstand zu erwarten sein dürfte. Die Luftwaffe hat zugesagt, den Ausbruch zu unterstützen.(S.Anlage IV 15.) Gleichzeitig ist heute der Führerbefehl über die weitere Kampfführung der Heeresgruppe Mitte eingetroffen, in dem gefordert wird, den feindlichen Vormarsch in der Linie Staryje Dorogi - Ossipowitschi - Sswisslotsch - Beresina nunmehr endgültig zum Stehen zu bringen. Die zugeführten Panzerdivisionen werden darin ausdrücklich zum offensiven Einsatz bestimmt (Operationsbefehl Nr. 8, Obkdo.H.Gr.Mitte Ia Nr. 8141/44 g.Kdos.Chefsache befehlsgemäß vernichtet ). Für die Armeeführung erhebt sich damit die Frage nach der Kampfanweisung für die 12.Pz.Div.,die mit ihren ersten Transporten jetzt eintrifft. Sie hängt wesentlich von der vermutlichen weiteren Angriffsführung des Feindes ab. Beurteilt man nach dem bisherigen Bild die tägliche Weiterentwicklung der Lage, so bieten sich dem jetzt mit dar Masse im Raum um Bobruisk stehenden Feind drei Möglichkeiten der Angriffsfortsetzung. Die erste, ein Weiterstoß längs der Beresina nach Norden zum Flankenangriff in die im Ausweichen befindliche 4.Armee, ist als kleinste und für den Feind am wenigsten erfolgversprechende Lösung am unwahrscheinlichsten. Sie würde auch den Armeeabschnitt kaum direkt betreffen und scheidet deshalb für die Frage nach dem Ansatz der 12.Pz.Div. aus. Die zweite Möglichkeit wäre eine Fortsetzung des feindlichen Hauptstoßes in Richtung auf Minsk mit der operativen Zielsetzung einer Einschließung der 4.Armee im Zusammenwirken mit den aus dem Raum Witebsk vorstoßenden Panzergruppen. In diesem Falle käme ein Ansatz der 12.Pz.Div. nach Südosten in Frage. Als dritte Möglichkeit bietet sich für den Feind der Weiterstoß nach Westen, wodurch er, ohne die Aussicht auf eine Einkesselung der 4.Armee aufgeben zu müssen, in den Rücken der 2. Armee gelangen würde. Sie dürfte der sowjetischen Führung als die aussichtsreichste erscheinen und muß deshalb als die wahrscheinlichste angenommen werden, sie bedeutet aber andererseits, daß mit der Notwendigkeit eines Einsatzes der 12.Pz.Div. auch nach Süden auf Ssluzk gerechnet werden muß, sofern die dorthin in Zuführung befindliche 4.Pz.Div. nicht ausreichen sollte, um den Feind aufzuhalten; eine Festlegung der 12.Pz.Div. südostw. Minsk wäre in diesen Falle zwecklos. Auf Grund dieser Überlegungen, geht der Entschluß des OB dahin, die 12.Pz.Div im Schutz der bisher schon gebildeten, Sicherungslinie unter vorübergehender Abstellung von Teilen zu deren Verstärkung zunächst lediglich zu versammeln, ohne ihren Einsatz schon jetzt festzulegen. Die Frage in welcher Richtung der befohlene Offensivstoß dann später zu erfolgen hat, wird erst auf Grund einer weiteren Klärung des Feindbildes, um die die Luftaufklärung laufend bemüht ist, entschieden werden können (s.dazu Anlage IV 4 und IV 3). Gegen Abend teilt die Heeresgruppe mit, daß Generalfeldmarschall Model, ehemaliger Oberbefehlshaber der 9.Armee und derzeitiger Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Nordukraine, noch heute bei der Heeresgruppe als ihr neuer Oberbefehlshaber eintreffen werde; eine Nachricht, die das AOK mit zuversichtlicher Genugtuung verzeichnet. |
| 29.6.1944 | KTB 9.Armee. Als schwere Sorge lastet auf den Gedanken des AOK die Frage nach dem Schicksal der Bobruisker Kameraden und den Erfolg ihres Ausbruchsversuches, der heute Nacht stattfinden sollte. Die Funkverbindungen sind wieder einmal ausgefallen. Luftaufklärung kehrt ohne Ergebnis zurück. Statt dessen bringen die Flieger andere Nachrichten: Immer deutlicher wird das Aufschließen der feindlichen Angriffsarmeen auf die neuen unzusammenhängenden deutschen Verteidigungslinien erkennbar. Es zeigt sich, daß zwar, wie erwartet, mit dem Hauptstoß im Raum Ssluzk zu rechnen ist, daß sich aber auch der Stützpunktlinie der 9.Armee beiderseits der Straße Bobruisk - Minsk starke Feindkräfte nähern. Darüber hinaus zeichnen, sich Ausholungsbewegungen um die Flanken dieser schwachen Front ab. Aber nicht nur der Befehl zum Halten der jetzigen Linie, sondern vor allem die unerschütterliche Absicht, so Lange wie nur irgend möglich die Entfernung zu den in Bobruisk eingeschlossenen Gruppen nicht größer werden zu lassen, als sie es leider schon ist, bestimmt den Entschluß des Oberbefehlshabers, alle vorhandenen Kräfte zur Verteidigung der jetzigen Linie Ssutin - Pogoreloje einzusetzen. Hierzu wird unter dem Befehl des Höh.Art.Kdr.,Gen.Lt.Lindig, die "Gruppe Lindig" gebildet,, der die 390.F.A.D. und die 12.Pz.Div. unterstellt werden. Ihre Kampfanweisung geht dahin, die Einheiten der 390.FAD zur Verteidigung einzusetzen, während die Aufgabe der 12.Pz.Div. darin bestehen soll feindliche Einbrüche im sofortiger Gegenstoß zu zerschlagen, Nur in dieser Weise kann ein erfolgreiches Halten der Linie trotz der geringen zur Verfügung stehenden Kräfte erhofft werden (s.Anl.IV 8). Zur Sicherung der Nordflanke der Gruppe wird unter Oberstlt.Meinecke, einem soeben vom Urlaub zurückgekehrten Rgt.Kdr,, dessen Rgt. sich im Bobruisker Kessel befindet, die "Gruppe Meinecke" gebildet, die ihr Führer sich allerdings erst aus aufgefangenen Versprengten zusammenstellen muß (s.Anl.IV 8). Zum Schutz der Südflanke erbittet das AOK von der 2.Armee die Gruppe Bickel zurück (Arko 35 des XXXXI.Pz.K., s.KTB v.28.6.44), die sich an der Straße Bobruisk - Ssluzk schrittweise zurückgekämpft hat und jetzt, da der Kampfraum Ssluzk nunmehr zur 2.Armee gehört (s.Anl.IV 4), an der von Ssluzk nach Minsk führenden Straße eine Sicherung nach Süden aufbauen soll (s.Anl.3). Um 12.00 Uhr ruft der Oberbefehlshaber der Luftflotte persönlich an: die Bobruisker Ausbruchsgruppe ist von der Luftaufklärung erkannt worden! Ihre Spitze befindet sich etwa 10 km nordwestl der Stadt, zwischen ihr und Ossipowitschi allerdings schiebt sich eine Feindkolonne nach Nordosten vor, offenbar in der Absicht, sich der Ausbruchsgruppe vorzulegen (s.Anl.IV 7). Unverzüglich erbittet das AOK von der Luftwaffe jede nur mögliche Unterstützung gegen diese Kolonne - es gilt jetzt um jeden Preis eine Verstärkung der Feindkräfte im Raum nordwestlich Bobruisk zu verhindern. Immer wieder kreisen die Gedanken des AOK um die Möglichkeit eines Befreiungsangriffes zu den Bobruisker Kameraden. Für diesen Angriff kommt allein die 12.Pz.Div. in Frage -leider aber ist diese dadurch, daß der Feind heute die Sperrlinie der Gruppe Lindig mit immerhin schon recht starken Kräften angegriffen und bei Lapitschi auch einen Einbruch erzielt hat, dort so stark gebunden, daß die Wegnahme der geschlossenen Division zu einer Angriffsaufgabe die Haltbarkeit dieser Sperrlinie und damit die Möglickeit, im Falle eines Erfolgs des Befreiungsangriffs die Ausbruchsgruppe überhaupt aufzunehmen, völlig in Frage stellen würde. Darüber hinaus ist die Lage in den Flanken der Gruppe Lindig weitgehend unklar - nach Luftaufklärungsmeldungen stößt der Gegner mit stärkeren Kräften von Ossipowitschi nach Westen vor; angesichts der Gefahr einer Umfassung der Gruppe erscheint deshalb der vorzeitige Einsatz der 12.Pz.Div. ein erhebliches Wagnis. Trotzdem ringt sich der Oberbefehlshaber zu dem Entschluß durch, anzugreifen. Sein ursprünglicher Plan, die 12.Pz.Div. weit nördlich ausholend von Tscherwen aus nach Süden vorstoßen zu lassen, um auf diese Weise den sich zwischen die 9. und 4.Armee schiebenden Feindkräften Einhalt zu gebieten, sie auf sich zu lenken und damit den Ausbruch der Bobruisker Entlastung zu bringen, wird von der Heeresgruppe nicht gebilligt (Chef H.Gr./Chef, 15,20 Uhr). Infolgedessen lautet sein Befehl an die Gruppe Lindig, nach Durchführung des zur Zeit im Gange befindlichen Gegenangriffs zur Bereinigung des heutigen Einbruchs nach Südosten weiterzustoßen. Der Angriff soll aus dem Raum nordostw.Lapitschi in Richtung auf Sborsk geführt werden und in den frühen Morgenstunden des 30.6. beginnen. Meldeabwurf der Luftwaffe über die ausbruchsgruppe ist noch für die Nacht vorgesehen, um ihr von dem eigenen Angriffsvorhaben Kenntnis zu geben. Neben den eigentlichen Aufgaben der Kampfführung, die die Arbeitskraft des Oberbefehlshabers und seiner Mitarbeiter in diesen Tagen allein schon auf das höchste in Anspruch; nahmen, erwächst der Armeeführung eine von Tag zu Tag größer werdende weitere Aufgate durch die nicht=kämpfenden Teile der Armee, die sich seit dem ersten tiefen feindlichen Durchbruch in einer an Zahl ständig zunehmenden Rückwärtsbewegung befinden. Es handelt sich dabei nicht nur um die erforderliche verkehrstechnische Leitung, Überwachung und Versorgung der Kolonnen, die trotz mancher Stockungen und Hemmnisse im allgemeinen doch verhältnismässig reibungslos abfließen, sondern es geht vor allem um die Ausnutzung dieses Stromes von Menschen,Fahrzeugen und Waffen für die Gewinnung neuer Kampfeinheiten durch Aussonderung der einsatzfähigen Soldaten und Waffen. Fälle von Desorganisation, in den ersten Tagen noch selten, häufen sich, tagsüber aufgestellte Alarmeinheiten weisen am nächsten Morgen nur noch einen Teil ihrer Kopfzahl auf, da ihre Angehörigen, die sich weder untereinander kennen noch ihren Führern einzeln bekannt sind, in den übermächtigen Drang nach rückwärts über Nacht verschwinden, um sich wieder als Versprengte den nach Westen flutenden Kolonnen anzuschließen. Bedauerlicherweise werden auch Fälle bekannt, daß Offiziere aus derartigen Alarmeinheiten ihre Truppe verlassen haben. Das AOK, gewillt, derartige Erscheinungen mit aller Schärfe schon im Keime zu ersticken, trifft unverzügliche Gegenmaßnahmen: Offiziersstreifen mit allen Vollmachten werden mit der Überwachung der Marschstraßen beauftragt (s.z.B. Anl.IV 12) und für die Aufstellung von Alarmeinheiten wird die sofortige listenmässige Festlegung ihrer Führer und Angehörigen befohlen. Hinsichtlich der Organisation des Fahrzeugverkehrs ist der einheitliche Abschub der nicht=kampffähigen oder kampfnotwendigen Teile in den Raum Stolpce angeordnet, wo Sammelräume zur Neuordnung der Verbände eingerichtet werden. Einsatzfähige Teile sollen erfaßt und wieder einer Kampfverwendung zugeführt werden (s.Anl. IV 10). Die Heeresgruppe hat ab heute nacht 00.00 Uhr die Unterstellung des Festen Platzes Minsk unter den Befehl des AOK 9 angeordnet (s.Anl. V 5). Es bedeutet das eine neue schwere Belastung der Armee, da die zur Verteidigung des Festen Platzes vorhandenen Kräfte völlig unzulänglich sind (s.Anl.VIII 1). Das AOK hofft deshalb dringend, von dieser Aufgabe im Zuge der weiteren Ausweichbewegung der 4.Armee alsbald wieder entbunden zu werden, zumal der Feste Platz im Abschnitt der 4.Armee liegt und deshalb nach Ansicht des AOK auch nach wie vor in deren Befehlsbereich gehört (s.Anl.II, TM Ziff.11). Das AOK hat heute seinen Gefechtsstand nach Gatowo (15 km SSO Minsk) verlegt. |
| 30.6.1944 | KTB 9.Armee. Im Mittelpunkt der Tagesereignisse steht wiederum der Ausbruch der Bobruisker und die brennende Frage, ob ihre Aufnahme möglich sein wird. Bei der Gruppe Lindig hat der Feind in den frühen Morgenstunden Lapitschi angegriffen und einen Einbruch erzielt, zu dessen Bereinigung das gesamte Pz.G.R.25 eingesetzt werden muß. Damit ist der für heute geplante Vorstoß aus dem Raum nordwestlich Lapitschi auf Sborsk, für den das Regiment vorgesehen war, (s.Anl.VIII 3) undurchführbar geworden, denn ein Festsetzen des Feindes in einem Brückenkopf über den Swisslotsch, der ihm eine vorzügliche Ausgangsstellung für weitere Angriffe bieten würde, muß unter allen Umständen verhindert werden. Auch bei Talka ist es zu feindlichen Panzervorstößen gekommen; die Erwartung eines kurz bevorstehenden, stärkeren Feindangriffes bindet hier weitere Teile der 12.Pz.Div. (s.Anl.II). . Von den Bobruiskern fehlt zunächst jegliche Nachricht. Auch die Luftaufklärung entdeckt die Kolonne nicht mehr (Ic Lw/Ord.Offz.Chef, 6,15 Uhr). Endlich gegen 10.00 Uhr, trifft ein Funkspruch des stellvertretenden Komm.Generals des XXXXI.Pz.K.General-Lt.Hoffmeister, ein. Danach befindet sich die Ausbruchsgruppe in schweren Durchbruchskämpfen auf dem Weg nach Norden (s.Anl.III 4) und erbittet Munition, Betriebsstoff und Verpflegung. Während der Versorgungsabwurf schon vorbereitet wird (Chef/Chef Lfl.6, 10,20 Uhr), muß eine erneute Funkanfrage zunächst den Standort der Gruppe feststellen, die inzwischen auch von den Aufklärungsfliegern wieder erfaßt worden ist (s.Anl.III 9). Gegen 14.00 Uhr kommt ein neuer Funkspruch des XXXXI.Pz.K. (s.Anl.X). Er meldet,daß die Ausbruchsgruppe die Swisslotsch=Brücke besetzt habe. Der Versorgungsabwurf wird daraufhin unverzüglich veranlaßt (s.Anl.V 1, IV 6, 10 und 12). Zum zweiten Mal ist der OB vor die schwere Frage gestellt, ob trotz der Feindangriffe auf die Gruppe Lindig ein eigener Angriff zur Befreiung der Ausbruchsgruppe gewagt werden kann. Der brennende Wunsch, ihr zu helfen, drängt jedoch auch heute wieder die schweren Bedenken zurück, daß ein Abziehen von Teilen der 12.Pz.Div. aus den noch am Abend andauernden schweren Ortskämpfen in Lapitschi zum Zusammenbruch der Sperrlinie der Gr.Lindig führen könnte, die nunmehr 3 Tage lang den unmittelbaren Feindstoß von Südosten auf Minsk erfolgreich verhindert hat. In dem Bewußtsein, daß das Leben von vielen Tausenden .von Henschen auf dem Spiel steht, entschließt sich der OB deshalb nochmals zu dem Wagnis eines Befreiungsangriffs (OB/Ia 12.Pz.Div., 15,05 Uhr; endgültiger Befehl: Ia/Ia Gr.Lindig, 15,10 Uhr). Der Vorstoß soll von Pogoreloje auf Sswisslotsch geführt werden und möglichst noch vor Morgengrauen beginnen. Hinsichtlich der Bemessung der Kräfte läßt der OB der 12.Pz.Div. freie Hand, da nur sie im Stande sein wird, je nach der weiteren Entwicklung der Kampflage bei Lapitschi und Talka zu übersehen, was dort an Kräften entbehrt werden kann, ohne den Bestsand der Sperrlinie völlig in Frage Zu stellen. Er befiehlt jedoch, hierbei bis an die äußerste Grenze des Vertretbaren zu gehen und den besten Kommandeur mit der Durchführung des Unternehmens zu beauftragen. Am Nachmittag meldet Gen.Lt.Hoffmeister, daß der Sswisslotsch-Übergang durch feindlichen Gegenstoß wieder verloren sei (s.Anl.IV 5). Damit sinken die Aussichten auf eine Befreiung der Bobruisker erheblich. Denoch läßt sich der OB in seiner festen Zuversicht, daß sie gelingen werde, nicht irremachen. Schon jetzt ordnet er an, alle erdenklichen Vorbereitungen für die Aufnahme, Verpflegung und Betreuung der Bobruisker, von denen heute bereits eine Splittergruppe von 350 Mann bei der Gruppe Lindig eingetroffen ist (Ia Gruppe Lindig / Chef 12.00 Uhr), und zu ihrem raschen Abtransport zu treffen. Nebenan diesen Ereignissen beginnt sich eine neue Gefahr für die 9.Armee sowie alle noch im Raum. ostw.Minsk stehenden eigenen Truppen, zu denen in erster Linie die sich langsam nach Westen zurückkämpfende 4.Armee gehört, abzuzeichnen. Die Luftaufklärung meldet am frühen Vormittag, daß sich eine feindliche Panzergruppe 12 km südl.Ssluzk im Vormarsch nach Norden befinde (s.Ic/Zwischenmeldung). Schon vorher ist vom Kommandant des Festen Platzes Minsk die Meldung eingegangen, daß feindliche Panzer und mot.Infanterie 60 km nordostwärts Minsk im Vormarsch nach Südwesten von der Luftaufklärung erfaßt worden seien (Kdt.F.Pl.Minsk / Chef, 5,50 Uhr). Ziel der beiden Feindgruppen ist offensichtlich Minsk, ihre Absicht: die Umklammerung aller ostw. Minsk stehenden eigenen Kräfte. Angesichts der Unterstellung des Festen Platzes Minsk fällt hierbei dem AOK 9 die Aufgabe . zu, beide Stöße abzuwehren. Da im Augenblick an eine Erfüllung der gestern an die 2.Armee gerichteten Bitte um Rückunterstellung der Gr.Bick el, die am Kampf um Ssluzk beteiligt ist, nicht zu denken ist, sieht sich das AOK gezwungen, zur Abwehr des Südstoßes den bisher zur Abschirmung der linken offenen Flanke der Gruppe Lindig eingesetzten Sperrverband. Meinecke beschleunigt nach Süden herumzuwerfen. Er erhält den Auftrag, soweit wie möglich auf der Straße nach Ssluzk nach Süden vorzustoßen und das Vordringen der feindlichen Panzer aufzuhalten oder zum mindesten zu verzögern (Chef/Adj.Gr.Meinecke, . 9,30 Uhr), wozu ihm weitere Panzerabwehrwaffen nachgeführt werden (s.Anl.IV 1). Ein Offizierspähtrupp des AOK ist bereits zur Aufklärung vorausgesandt worden (s.Anl.IV 7). Die Straße wird bis südlich Walerjahy feindfrei gemeldet (s.Anl. III 6,7,8,11, IV 2). Zur Abwehr des Nordstoßes erbittet das AOK von der Heeresgruppe, die bereits Luftwaffenunterstützung angefordert und Vorausteile der 5.Pz.Div. dorthin abgedreht hat (Ia Heeresgr./Chef, 3,55 Uhr), die Genehmigung, soeben in Minsk ausgeladene Teile der Tigerabt.505 einsetzen zu dürfen. Die Genehmigung erfolgt (Chef Heeresgruppe/Chef, 5,30 Uhr), worauf das AOK von Kommandanten des Festen Platzes Minsk einen Sperrverband unter Führung des Oberstlt.v. Majewski aufstellen und auf der Straße nach Logosik mit dem gleichen Auftrag antreten läßt, den die Gr.Meinecke in südl. Richtung erhalten hat (Chef/Kdt.F.Pl.Minsk,5,55 Uhr; vergl. Anl.VIII 1). Die ab morgen verfügte Rückunterstellung des Festen Platzes Minsk unter die 4.Armee (s.Anl.V 7) überträgt die weitere Kampfführung der Gr.v.Majewski dem AOK 4. Die Heeresgruppe hat ferner mitgeteilt, daß der Armee die 28.Jg.Div. zugeführt werde. Mit dem Eintreffen der ersten Züge sei etwa am 1.7. zu rechnen (s.Anl.V 6). Als Ausladebahnhöfe sind von der Heeresgruppe Stolpce und Dsershinsk (Koidanowo) vorgesehen. Von dort aus soll die Division nach Südosten gegen die vom Feind auf Minsk vorgetriebenen Umfassungskräfte unbesetzt werden. Das AOK hält diese Planung für fehlerhaft. Es ist, trotzdem heute noch der Anschein dagegen spricht, der Auffassung, daß der vermutliche Hauptstoß des Gegners weniger nach Norden auf Minsk als auf die Landenge von Baranowicze und das Höhengelände von Nowogrodek gerichtet sein und daß der Feind hierbei als erstes eine Sperrung des Njemen=Überganges bei Stolpce anstreben werde. Infolgedessen würde das AOK eine Ausladung der Divisionen auf den Bahnhöfen Horodziej und Stolpce, d.h. also weiter. südwestlich, für richtig halten; ein Weiterfahren würde nach seiner Ansicht nur ein Hineinfahren in den vom Feind geplanten neuen Kessel um den Großraum Minsk bedeuten. Der Chef der Heeresgruppe widerspricht dieser vom Armeechef vorgetragenen Auffassung mit dem Hinweis, daß ein Abdrehen der jetzt nach Westen angreifenden feindlichen Hauptkräfte nach Nordwesten unwahrscheinlich sei, da hier das fast völlig wegelose ehemalige polnisch-sowjet=russische Grenzgebiet sich einem raschen Vormarsch als natürliches Hindernis entgegenstelle; zum. Schutz der Landenge von Baranowicze, wohin die Hauptstraße von Ssluzk führe, sei überdies die 1.kgl.ung.Kav.Div. im Anmarsch (Chef H.Gr./Chef, 20,20 Uhr). |
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