102.Infanteriedivision
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Kriegstagebuch Mai 1944
19.5.1944
KTB 9.Armee.
An der Front verläuft der Tag wieder ruhig.
Der heute an das Gen.Kdo.LV. A.K. ergehende Befehl zur Verlegung der 3./Sturmgesch.Brig. 244 in den Bereich des XXXV.A.K. (s.Anl. IV 1) gehört einerseits noch zu den vorn
AOK zur Bildung eines Abwehrschwerpunkts im Raum Shlobin eingeleiteten Maßnahmen, er hat andererseits seinen Grund darin, daß von den div.-eigenen Sturmgesch.Abteilungen, die
der Armee zur Zeit laufend zugeführt werden, inzwischen je eine für die 102. und 129.I.D. eingetroffen ist, so daß der Südflügel der Armee auch ohne 3./244 ausreichend gedeckt
erscheint. Darüber hinaus hat die Verlegung den Vorteil einer Wiedervereinigung der Batterie mit ihrer Brigade.
Im rückwärtigen Gebiet ist das Unternehmen "Moorbad" planmäßig angelaufen.
29.5.1944
KTB 9.Armee.
Um dem Gen.Kdo.XXXXI.Pz.K. die .befohlene Herauslösung weiterer infanteristischer Reserven zu ermöglichen, erhält das LV.A.K. Befehl, in der Nacht vom 30./31.5. einen Btl.-Abschnitt
am Südflügel des XXXXI.Pz.K. zu übernehmen. Nach Rückkehr des DFB 129, das an dem Bandenuternehmen "Pfingstrose" teilnimmt, soll dann ein ganzes Rgt. der 120.I.D. (G.R.430) aus der
Front gezogen werden (siehe Anl. IV 1).
Am späten Abend ruft der Chef der Heeresgruppe den Armeechef an und teilt mit, daß das OKH die Abgabe des Kampfraumes Kowel (LVI.Pz.K.) an die Heeresgruppe Nordukraine angeordnet habe.
Durch diese Grenzverlegung verliere die Heeresgruppe Mitte die Masse ihrer Reserven. Um deren Neubildung zu ermöglichen, werde die Herauslösung weiterer Verbände, aus der
Heeresgruppenfront erforderlich sein; die 9.Armee müsse sich deshalb auf die Herauslösung, einer Division schon jetzt einstellen, und zwar sei an die 102.I.D. gedacht, da bei dem
gegenwärtigen Feindbild eine Schwächung des südlichsten Armeeabschnitts noch am ehesten tragbar erscheine. Der Armeechef antwortet, daß das AOK in diesem Falle zur wenigstens teilweisen
Deckung des entstehenden Ausfalls die Belassung bezw. Zuführung der 707.I.D. sowie von Artillerie-, Pionier- und Baueinheiten für dringend notwendig halte. Eine Entscheidung sowohl über
die Abgabe der Division als auch über die Möglichkeit eines Teilausgleichs fällt noch nicht, sie dürfte wohl auch erst in einigen Tagen zu erwarten sein.
30.5.1944
KTB 9.Armee.
Bei fortdauernder Kampfruhe vor der Armeefront scheint sich - vorerst allerdings nur im-unvollständigen Mosaik einzelner Gefangener- und Überläuferaussagen erkennbar - im Feindbild eine
neue Entwicklung abzuzeichnen: mehrere Nachrichten, die in erster Linie aus dem Raum nördl. Rogatschew stammen, deuten darauf hin, daß der Gegner neue Verbände heranführt, die angeblich
von den ukrainischen Fronten kommen und Angriffsauftrag haben sollen (s. im einzelnen die Ic-Zwischenmeldung). In Verbindung mit Bandenmeldungen über einen bevorstehenden Angriff einer
ukrainischen Armee verdienen diese Nachrichten besondere Aufmerksamkeit. Sie sind jedoch, vor allen örtlich, noch keineswegs eindeutig genug, um schon jetzt bestimmte Abwehrmaßnahmen der
Armee auslösen zu können. Das AOK beschränkt sich daher vorerst darauf, seine Vorbereitungen zur raschen Bildung von Abwehrschwerpunkten für diejenigen Frontabschnitte fortzusetzen, die
nach der bisherigen Feindbeurteilung am ehesten mit einem Feindangriff zu rechnen haben. Dem LV.A.K. wird deshalb aufgegeben, die schnelle Verschiebung der le.Art.Abt.616 (RSO) sowohl
zum Drut-Brückenkopf als auch in den Raun zwischen Beresina und Dnjepr kalendermäßig vorzubereiten.
Die Frage der Herauslösung der 102.I.D. kommt heute noch einmal zwischen dem Chef der Heeresgruppe und dem Armeechef zur Sprache (Chef/Chef H.Gr., 11.40 Uhr). Der Chef der Heeresgruppe
teilt mit, daß eine Entscheidung des Feldmarschalls auch jetzt noch nicht gefallen sei. Er halte es jedoch für möglich, daß im Falle eines Befehls zur Herauslösung der 102.I.D. der Armee
die 707.I.D. belassen werde, da durch die Abgabe des Kampfraumes Kowel ihre geplante Verwendung um Raum Lublin nunmehr entfalle. Auf den Antrag des AOK auf Zuführung von Artillerie als
Ausgleich dafür, daß dann das Art.Rgt. der 102.I.D. nur durch eine Art.Abt. der 707.I.D. ersetzt werde, glaubt die-Heeresgruppe allerdings höchstens die Zuführung einer RSO-Abt. in Aussicht
stellen zu können.
31.5.1944
KTB 9.Armee.
Die von der Heeresgruppe vorgesehene Herauslösung der 102.I.D. - es ergeht heute bereits der Befehl, ein Rgt. der Division aus der Front zu ziehen (s.Anl. V 1) - würde im
Verwirklichungsfalle nach Ansicht des AOK nicht allein eine weitere Verschlechterung des allgemeinen Kräfteverhältnisses zwischen Freund und Feind nach sich ziehen, wie es bei der bisherigen
Abgaben von Divisionen der Fall war, sondern wegen der schon großen Abschnittsausdehnung die Sperrwirkung der Front so schwächen, daß eine operative Gefährdung der Armeeflanke einträte,
zumal jetzt von der Heeresgruppe betont wird, daß nicht nur kein Ersatz für das erste herauszulösende Regiment zu erwarten, sondern daß auch mit einer Belassung der 707.I.D. nicht zu rechnen
sei (Ia H.Gr.Mitte/Ia, 17.05 Uhr). Angesichts der vorhandenen und vermutlich in Bildung begriffenen Feindschwerpunkte, die die Aufrechterhaltung der bisher getroffenen Vorbeugungsmaßnahmen
gegen überraschende Angriffe unbedingt fordern (ins besondere gegen einen Angriff auf die Sperrstellung, die das XXXV.A.K. an der Bahnlinie Gomel - Kalinkowitschi durch das Festhalten am
Knotenpunkt Shlobin einnimmt), und insbesondere im Hinblick auf die wahrscheinliche, wenn auch in ihrer Bedeutung noch nicht voll zu übersehende Neubildung eines größeren feindlichen
Angriffsschwerpunkts durch Heranführung der ukrainischen Verbände, würde sich das AOK nach einer Abgabe der 102.I.D. vor die Alternative gestellt sehen, entweder seine Reserven in die Front
zu stellen, um eine gewisse Mindestdichte der HKL zu erreichen, oder aber seine Südflanke weitgehend entblößt zu lassen, wobei die letztere Möglichkeit allerdings nur für beschränkte Zeit
Aussicht auf Erfolg bietet, denn es muß damit gerechnet werden, daß der Gegner die Flankendeckung seines Großaufmarschs südlich des Pripjet offensiv führen wird und dann kraft seiner
zahlenmäßigen Überlegenheit in den Sumpfwäldern nördl. des Pripjet nur zu leicht zu Erfolgen kommen kann, die für die Gesamtfront schwerwiegende Auswirkungen haben würden (Chef in der
Chefbesprechung, 18.00 Uhr).
Aus diesen Erwägungen und insbesondere im Hinblick darauf, daß z.Zt. zwischen dem OKH und der Heeresgruppe noch Besprechungen im Gange sind, die allgemein die Frage der Neubildung von
Reserven hinter der Heeresgruppenfront zum Gegenstand haben, schlägt das AOK seinerseits der Heeresgruppe vor, es. zunächst an Stelle der ganzen 102.I.D. mit der Herauslösung je eines Rgts.
aus den Abschnitten des XXXXI.Pz.K. und des XXXV.A.K. bewenden zu lassen und darüber hinausgehende Maßnahmen erst nach weiterer Klärung des Feindbildes anzuordnen.
Zur Frage der Aufstellung der Granatwerferkompanien wird den Gen.Kdos. heute eine die bisherigen Weisungen schärfer formulierende Anordnung des neuen Oberbefehlshabers bekanntgegeben, des
Inhalts, daß an eine Zusammenziehung der m.Gr.W.Kpn. im Hinblick auf die dabei sich ergebenden taktischen Schwierigkeiten nur in ganz besonderen Notlagen gedacht sei, dh., daß das AOK zur
Schwerpunktbildung im allgemeinen nur auf die s.Gr.W.Kpn. zurückzugreifen gedenke. Zur Sicherstellung eines genügend großen Munitionsvorrats für diese wird gleichzeitig eine scharfe
Drosselung des Verschusses von schw. Wurfgranaten befohlen (s.Anl. IV 1).
 
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