Bericht über den Angriff auf Festieux durch 5./I.R.75

 

Das II./I.R.75 marschiert am 19.5.40 aus nordöstlicher Richtung von Sissonne nach Süden. Die 5.Kp. mit unterstellter M.G.Grupe und Gr.W.Gruppe der 8.Kp.erhält den Auftrag,
zur Sicherung der rechten Flanke des Rgt.von Sissonne aus rechts abzudrehen und über Montaigu den südlichen Waldrand, 2km südl.Montaigu zu erreichen, um dort während der
Nacht zu sichern. Es gelngt der Kp., sich ungeehen über die freie Fläche nach Montaigu hineinzumogeln, obwohl 2km nordwestl.Montaigu sechs fdl.Panzer unter Bäumen abgestellt
erkannt sind. Das Überschreiten der Waldhöhe südl.Montaigu bietet wegen der Dichte des Waldes große Schwierigkeiten, sodaß die Kp.erst am 20.5. gegen 2.00 Uhr nach einer
Marschleistung von 29 km den befohlenen Sicherungsabschnitt erreicht.
Dort erreicht sie 8 Uhr den Befehl: "Die verstärkte 5.Kp.erreicht Courtrizy und sichert sich dort; schwache Sicherungen sind weiter südl.an die Reimser Straße vorzutreiben."

Gegen 10 Uhr gelangt die 5.Kp. in das vom Feind freie Courtrizy und sichert sich; zwei Gruppen werden an die Reimser Straße in Marsch gesetzt, diese bekommen auf ihrem Weg
M.G.- und Gewehrfeuer aus südl.Richtung (Reimser Straße), der Feind zieht sich jedoch bald zurück. 1 Pak der 14.Kp. trifft ein und erhält den Auftrag, an der Reimser Straße
gegen fdl.Panzer zu sichern. Sie stößt beim Erreichen der beiden Sicherungsgruppen an der Reimser Straße auf feindliche Panzer, 4 etwa 18t Panzer, 1 Spähwagen und 1 Mun.Panzer,
die aus Richtung Festieux auf dem Waldweg dicht südl.der Reimser Straße vorgefahren sind. Das Geschütz nimmt das Feuer auf, wird jedoch von mehreren Seiten vom Feindfeuer
gefaßt, die Bedienung fällt. Die feindlichen Paanzer feuern noch einige Zeit lang auf unsere Sicherungen am Waldrand und fahren dann auf der Reimster Straße in Richtung
Festieux zurück

In diesem Augenblick trifft ein zweites Pak-Geschütz, das auf Grund der Meldung über fdl.Panzer sofort in Marsch gesetzt wurde, bei der Sicherung ein und wird an einer
günstigen Stelle eingewiesen.
Unmittelbar darauf stoßen 6 Feindpanzer erneut auf der Straße gegen die Sicherung vor. Der Panerspähwagen und 1 18t Panzer werden durch das Geschütz außer Gefecht gesetzt,
ferner gelingt es, den Mun.Panzer mit 2 Handgranaten auf nächste Entfernung außer Gefecht zu setzen, 3 Feindpanzer entkommen in Richtung Festieux, eigene Verluste sind nicht
zu verzeichnen.
Nun trifft die Masse der 5.Kp. ein, nachdem sie auf Grund der Panzermeldung sofort durch den Kp.Führer in Marsch gesetzt ist. Sie wird folgendermassen eingesetzt:
   Ein Zug dicht nördlich der Reimser Straße am Waldrand mit Front nach Süden; ein Zug nördlich, ein Zug südlich der Reimser Straße imm Wald südostwärts Festieux mit Front auf
Festieux; bei letzterem Zug auch der Kp.Gefehchtsstand, dabei eine M.G.Gruppe und eine s.Gr.W.Gruppe. Das Pakgeschütz bleibt in seiner Stellung, die Panzerbüchse wird dicht an
der Straße in Stellung gebracht.

In der Zwischenzeit ist es 13.00 Uhr geworden. Der Kp.Führer beobachtet auf der von Norden nach Festieux führenden Straße eine lange mot.Feindkolonne, bestehend aus Krädern. Pkw,
Lkw. und 10 18t Panzern. Die s.Gr.W.Gruppe und die s.M.G.Gruppe erhalten sofort Feuerbefehl auf die sich um Festieux Nordeingang verteilenden Feindfahrzeuge. Die Wirkung der
Wurfgranaten auf 1300m ist ungeheuer. Beim Feind läuft alles durcheinander Ein Teil der Fahrzeuge versucht zu entkommen. 3 Panzer fahren ab, 7 Panzer stoße gegen die günstig
aufgebaute verst.5.Kp. vor, voraus 1 Kradschütze, der sofort zusammengeschossen wird. Dann versucht der vorderste Panzer durchzustoßen. Er wird durch die Pak zusammengeschossen.
Auch den nächsten Panzer erreicht das gleiche Schicksal. Die restlichen 5 Panzer fahren in Richtung Festieux zurück, wobei noch ein Panzer kurz vor Festieux brennend stehen bleibt;
die Besatzung entkommt.
Nun fahren von Norden her in Richtung auf Festieux 4 feindliche Panzerspähwagen an, während auf der Reimser Straße unmittelbar beim Gefechtsstand der 5.Kp. die Masse der Panzer-
Jäger-Kp. eintrifft. Sie eröffnet sofort mit allen zur Verfügung stehenden Geschützen das Feuer auf 1800m Entfernung. Die Spähwagen werden zwar nur gering beschädigt, jedoch verlassen
die Besatzungen ihre Kampfwagen und entkommen.
In der Zwischenzeit ist es 15.30 Uhr geworden. Der Führer der verst.5.Kp.entschließt sich jetzt zum Angriff auf Festieux. Die Bereitstellung von Osten her ist um 16.15 Uhr beendet.
Bei dem nun folgenden Angriff leisten nur einzelne Feindschützen Widerstand. Der größe Teil wird gefangen genommen. Die 4 feindlichen Panzerspähwagen und eine große Anzahl
motorisierter Fahrzeuge fallen kampflos in unsere Hand. Eigene Verluste treten nicht ein.
Unterdessen hat das Btl.den Befehl bekommen, noch heute abend bei Braye en Laonnais und südostwärts de Oise-Aisne-Kanal zu erreichen. Der Kommandeur steht mit seinen Chefs über die
Karten gebeugt und bespricht den kommenden Einsatz:
"Feind geht in Richtung auf die Aisne zurück; Vom Nachbarn rechts und links feheln bis jetzt noch sichere Nachrichten; mit feindlichen Panzern und Flankenbedrohung auf dem Vormarsch
muß jederzeit gerechnet werden; die Kp.erreichen den 5km breiten Abschnitt des II.Btl. und richten sich dort zur Verteidigung ein.- Grenzen...."

Rechts an der Straße sind die Grashalme noch niedergetreten von den zurückmarschierenden französischen Truppen. Eine verlassen Feuerstelle schwelt noch neben den Resten einer
flüchtigen Rast. Da was ist dort? Der Führer der Infanteriespitze des Btl. hat es gerufen. Balken, Bretter und Baumstämme versperren den Weg. Bewegt sich dort nicht etwas?
Schon ist unsere Pak in Stellug, ein Schuß kracht und fegt einen Teil der Sperre weg. Da sitzt niemand drin.
Weiter, wir müssen noch bei Tageslicht in die Stellung kommen, wenn die Füße auch nicht mehr mitwollen. und die Augen vom vielen Staub schmerzen.
Nach Chamouille müssen wir noch einmal über eine Querstraße kommen. Was steht denn da geschrieben? Chemin des Dames und dort Ailette, Cerny, Ailles - überall Namen, die durch das
Blut unserer Väter im Weltkrieg unvergesslich geworden sind. Was wird uns der Chemin des Dames bringen?
Von rechts sind Detonationen zu hören; sie können gar nicht weit weg sein, wahrscheinlich in der Ortschaft neben unss? Weiter, wir dürfen uns nicht aufhalten, gerade hier nicht.
Das Btl.marschiert ohne Deckung im Tal. Wer weiß, ob rechts oder links auf den Höhen der Feind sitzt - nur weiter! Es ist wie ein Wunder, niemand stört unseren Vormarsch. Die Dörfer
sind von den zurückflutenden Franzosen ausgeplündert und zerstört.
"Dort drüben sieht man den Chemin des Dames", sagt leise ein Kamerade neben mir - sein Vater ist im Weltkrieg gefallen. Ich habe eine Photographie von meinem Vater, die er dort in
Cerny aufgenommen hat. Das muß der Ailette-Grund sein, da ist er einmal als Essenholer verwundet worden.
Eine breite Autostraße führt durch den Ailette-Grund zu den beherrschenden breiten Höhenrücken am Chemin des Dames. Rechts und links der Straße git es kaum einen Fleck Erde, der im
Weltkrieg nicht mehrmals von Granaten zerwühlt wurde. Nirgends ist ein größerer Baum mit einem richtigen Stamm zu sehen. 1917 gab es hier garkeine Bäume mehr, alles war zusammen-
geschossen. In der Zwischenzeit haben die Wurzeln wieder ausgeschlagen und aus jedem Baumstumpf ist ein Busch geworden. Die alten Granatlöcher an der Straße sind mit modrigem Wassser
gefüllt. Nach rechts zieht sich ein verfallener Stellungsgraben mit einem rostigen Drahthindernis davor.
Schlafen dir Franzosen, oder warum geben sie diesen wichtigen Höhenrücken, dessen beherrschende Bedeutung ihnen vom großen Krieg noch bekannt sein muß, ohne einen Schuß auf?
Unsere SPitze ist am Fuß des Chemin des Dames angekommen. Die Sonne ist schon seit einer Stunden untergegangen, es beginnt zu dämmern. In breiten Windungen zieht sich die Straße hinauf nach Cerny. Von ferne ist M.G.Feuer zu hören. Schon sind die vordersten Leute unserer Spitze im Dorf, da kracht aus den Häusern ein Schuß, noch einer, fünf, sechs! Eine Gruppe ist schon dabei, mit den Kolben die Türen einzuschlagen und die Häuser zu durchsuchen. Da kommt ein schlotternder französischer Soldat zum Vorschein, ein schmächtiger Kerl der offenbar den Abmarsch seiner Kameraden verschlafen hat.
Weiter, wir dürfen uns nicht aufhalten lassen. Die Kompanien zweigen in ihre Abschnitte ab, es ist 22 Uhr. Nachrichtentrups folgen ihnen, um sie gleich an der Strippe zu haben. Die französische Artillerie scheint noch nicht feuerbereit zu sein, denn sie läßt uns unbehelligt über den kahlen Hang am Chemin des Dames marschieren oder können sie uns in der Dämmerung nicht sehen? - Vorwärts, jeder Schritt, den wir heute marschieren, braucht morgen nicht im Artilleriefeuer erkämpft werden. Links liegt der Heldenfriedhof von Cerny. Tausende von weißen, schlichten Holzkreuzen.