| Kriegstagebuch Mai 1944 | |
| 5.5.1944 | KTB 9.Armee. Die Beurteilung der derzeitigen Lage der Armee, die heute der Heeresgruppe auf deren Anforderung vorgelegt wird, geht davon aus, daß trotz der augenblicklichen Kampfruhe mit einem Festhalten des Feindes an seinen alten Angriffszielen Paritschi, Shlobin und Bobruisk und außerdem mit der Möglichkeit eines gegnerischen Vorstoßes gegen die Süd - und Südostfront der Armee zur Unterbrechung der Bahn Nowosselki - Starushki auch weiterhin gerechnet werden muß. Das AOK weist dabei erneut darauf hin, daß das Vorhandensein von etwa dreißig Feinddivisionen vor der Armeefront den Gegner jederzeit die kurzfristige Bildung von Angriffsschwerpunkten und - infolge seines günstigen Bahn- und Wegenetzes - die schnelle Verstärkung bzw. Nährung dieser Schwerpunkte gestattet. Das täglich fortschreitende Abtrocknen bisher versumpfter Abschnitte vor der HKL eröffnet dem Gegner überdies in vermehrtem Umfang die Möglichkeit örtlicher Angriffe und zwingt die Armee zur Verstärkung ihrer Abwehrmaßnahmen. Durch Aufstellung der beweglichen Gr.W.-Kpn., Schaffung der "Verfügungs-Artillerie-Abteilungen", Zusammenfassung der div.-eigenen Flak, Forcierung des Stellungsbaus, weitgehende Schwächung nicht unmittelbar angriffsbedrohter Abschnitte zugunsten der Bildung von Abwehrschwerpunkten und Ausscheiden möglichst zahlreicher Reserven hat das AOK versucht, dieser Lage Rechnung zu tragen, dennoch kann kein Zweifel daran bestehen, daß bei der augenblicklichen dünnen Besetzung der HKL (Durchschnittsgrabenstärke: 45 Mann pro km) im Falle von stärkeren feindlichen Angriffen, wenn sie nicht rechtzeitig erkannt werden, Einbrüche fast unvermeidlich sein dürften. Um eine erfolgreiche Verteidigung durch Bereinigung oder zum mindesten durch Abriegelung derartiger Einbrüche zu gewährleisten, hält die Armee deshalb die Bereithaltung einer Division als Armeereserve für unbedingt erforderlich. Das AOK weist infolgedessen darauf hin, daß, falls die Heeresgruppe sich gezwungen sehen sollte, die 110.I.D. abzuziehen, die Armee ihrerseits zur Herauslösung einer weiteren Division genötigt sein würde; infolge der dadurch entstehenden weiteren Schwächung der Front sei dann allerdings eine erfolgreiche Verteidigung nur mehr bei rechtzeitiger Zuführung von Verstärkungen gewährleistet. Andernfalls hält das AOK eine Vermeidung feindlicher Durchbrüche nur in hinhaltender Kampfführung für möglich, diese aber hat angesichts des schwierigen rückwärtigen Wald- und Sumpfgeländes wiederum den frühzeitigen verstärkten Einsatz von Pi- und Baukräften zur Voraussetzung (s Anl. V 1). Hierzu teilt die Heeresgruppe mit, sie teile die Ansicht der Armee zwar im Grundsatz, verweise jedoch darauf, daß sich die Armee auch weiterhin auf die Abgabe auch der 20.Pz.Div. einstellen müsse (Ia H.Gr./Ia, 7.55 Uhr). Auf den Einwurf des den Chef vertretenden Ia 9, daß das AOK auf Grund der bisherigen Mitteilungen der Heeresgruppe an sich mit einer vorläufigen Belassung der 20.Pz.Div. im Armeebereich gerechnet habe, wird erwidert, daß die Planung der Heeresgruppe von vornherein auf eine Abgabe in erster Linie der 20.Pz.Div. und erst in zweiter Linie der 110.I.D. gerichtet gewesen sei. Den Antrag, im Falle einer Abgabe der 20.Pz.D. wenigstens eine Südverlegung der linken Armeegrenze um zwei Btls.- Abschnitte vorzunehmen, lehnt die Heeresgruppe unter Hinweis auf die ohnehin schon überdehnte Front der 4.Armee ab - es wird infolgedessen nichts anderes übrig bleiben, als durch Verbreiterung der 296.I.D. und 134 I.D. nach Norden einen Ausgleich zu schaffen, sobald die Herauslösung der Division gefordert werden sollte. Die Frage, ob der Armee die Abgabe der. 20.Pz.Div. unter Belassung der 110.I.D. bei der derzeitigen Lage tragbar erscheint, wird vom Ia bejaht. An der Armee verläuft der Tag wieder ruhig. Lediglich aus dem Abschnitt der 383.I.D. wird feindliche Fliegertätigkeit mit vereinzelten erfolglosen Bombenwürfen gemeldet. Die Ablösungsbewegungen der 110.I.D. dagegen verlaufen planmäßig und vom Feinde ungestört. Trotzdem weist das AOK das Gen.Kdo. XXXXI.Pz.K. noch einmal auf die erhöhte Bedeutung eines ausreichenden Flakschutzes hin - besonders gilt das für die Bahnlinie. Tschernyje Brody - Nowosselki als Hauptversorgungsweg des südlichen Armeeabschnitts (Ia/Ia XXXXI., 9.30 Uhr). |
| 15.5.1944 | KTB 9.Armee. Die derzeitige Feindlage, vor der Armeefront, einmal in ihrer Gesamtheit betrachtet, steht in steigendem Maße unter dem Eindruck des nunmehr im wesentlichen abgeschlossenen sowjetischen Aufmarschs im Großraum Kowel in der tiefen Flanke der Heeresgruppe Mitte. Der Begin der feindlichen Offensive wird dabei anscheinend von der Gesamtkriegslage beeinflußt; die außerordentliche Funkbeschränkung, die der Gegner sich auferlegt, deutet jedoch an, wie weit seine Vorbereitungen schon gediehen sind. Vor der Armeefront ist - im Zusammenhang damit - mit Wahrscheinlichkeit eine Reihe von Begleitangriffen zur Fesselung deutscher Kräfte zu erwarten und zwar beim XXXXI.Pz.K. in erster Linie aus dem Raum westlich Poganzy (36.I.D.) über die Waldbrücke in Richtung Paritschi, beim XXXV.A.K. voraussichtlich an der Südfront zwischen Ola und Dnjepr mit Stoßrichtung auf Shlobin und westlich und an der Ostfront aus dem Drut-Brückenkopf nach Südwesten zur Unterbrechung der Rollbahn Rogatschew - Bobruisk. Daneben muß mit Versuchen des Feindes gerechnet werden, zur Sicherung und Abschirmung seiner großen Angriffsoperation nach Norden die Querbahn nördlich des Pripjet (LV.A.K.), die schnelle Kräfteverschiebungen an der Südfront der Armee ermöglicht, durch einen örtlichen Angriff zu unterbrechen und auszuschalten. Endlich sind auch beiderseits der nördlichen Armeenaht Beunruhigungs- und Fesselungsangriffe nicht unwahrscheinlich (Einzelheiten dazu siehe Anlage VII 1 vom 14.5.44). Das Maß der insgesamt zu erwartenden Feindangriffe kann vorläufig noch nicht beurteilt werden. Operative Reserven in der Tiefe des feindlichen Hintergeländes sind bisher nicht bekannt geworden. Die festgestellten Stellungsverbände (16 Schtz.Divn. und 3 Verteidigungsabschnitte) und die taktischen Reserven (14 Schtz.Divn.) reichen zwar aus, um bei straffer Zusammenfassung örtliche Erfolge zu erzwingen; für entscheidungsuchende Angriffe dagegen dürften sie nicht genügen. Der Beginn des Großangriffs bei und südlich Kowel steht vermutlich bald bevor und es ist denkbar, daß die Begleitangriffe gegen die Front der Armee vorweg im ersten Tempo geführt werden, wobei man die gestrigen Vorstöße beiderseits Poganzy (XXXXI.Pz.K.) als Anzeichen einer planmäßig zunehmenden Aktivität ansehen darf , die der Feind übrigens auch heute fortsetzt: diesmal führt er nach z.T. starker Artillerievorbereitung in den Morgenstunden mehrere kp.-starke Vorstöße gegen die inneren Flügel der 45.I.D. und 383.I.D., die unter hohen Verlusten für den Gegner abgeschlagen werden (s.Anl. II und III). Am Nordflügel des XXXV.A.K. hat heute um 6 Uhr unter Auflösung der Gruppe v. Kessel das Div.Kdo. 134.I.D. den Befehl über den. bisherigen Abschnitt der 20.Pz.Div. übernommen. Die Herauslösung der 20.Pz.Div. schreitet fort; die zur Übernahme ihres Abschnitts erforderlichen Ablösungen sind im Gange (s.Anl. II, Ziff. 3). |
| 20.5.1944 | KTB 9.Armee. In den Morgenstunden führt der Gegner insgesamt. 4 kp.-starke Vorstöße gegen die inneren Flügel der 296. und 134.I.D., die abgewiesen werden. Ein dabei eingebrachter Gefangener spricht von feindlichen Angriffsvorbereitungen im Raum nördlich Rogatschew, nennt den 20., 21. oder 25 5. als angebliches Angriffsdatum und behauptet die Anwesenheit von Panzern sowie von erst kürzlich aus Kiew eingetroffenen Truppen (s. Ic-Zwischenmeldung). Diese Aussage löst, obwohl das Gen.Kdo. XXXV.A.K. ihr wenig Glaubwürdigkeit beimißt, mehrere Abwehrmaßnahmen des AOK aus, obwahl man sich durchaus darüber im klaren ist, daß sie sich vielleicht als unbegründet herausstellen werden. Das derzeitige Kräfteverhältnis verlangt jedoch, daß schon auf den geringsten Verdacht vorgebeugt wird (Chef/Chef XXXV, 19.50 Uhr). Dem Gen.Kdo. XXXV.A.K. wird infolgedessen eine sofortige Verschiebung infanteristischer und artilleristischer Reserven aus dem südlichen Korpsabschnitt in den Raum Tichinitschi (nordwestl. Rogatschew) noch.in der Nacht vom 20./21.5. aufgegeben und das Gen.Kdo.XXXXI. Pz.K. erhält Befehl, 1 Btl. des G.R.727 und 1 Kp. der Armee-Pz.Jg.Abt. im Lkw.-Transport dem XXXV.A.K. zuzuführen - ebenfalls in der kommenden Nacht - und sich für den Fall eines Feindangriffs bei Rogatschew auf den Abruf auch des zweiten Bataillons und des Rgts.-Stabes 727 einzustellen (s.Anl. IV 1 und VII 1). Beim Unternehmen "Moorbad" erreichen die eigenen Kräfte trotz sehr schwieriger Wegeverhältnisse bei geringem Feingwiderstand die vorgesehenen Linien. Da die Banden nach Aussage Verwundeter/beabsichtigen sollen, nach Osten durchzubrechen, wird dem Gen.Kdo.LV. A.K. befohlen, dem Korück noch 1 Btl. zur Verstärkung der Absperrlinie längs der Bahn zuzuführen (s.Anl. IV 2). |
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