| Kriegstagebuch August 1941 | |
| 1.8.1941 | privates Tagebuch
7./Schtz.Rgt.64. Richtung Odessa. Ein Dorf „A“ an der Vormarschstrecke wird von unserer 8.Kompanie (MTW Komp.) gesäubert (MTW = Mannschaftstransportwagen, von der frz. Wehrmacht übernommen). Gepanzerte Gefechtsfahrzeuge mit 2 MG und Handgranaten bzw. mit leichter Pak 3,7 cm. Große Beute an Zucker, Butter, Rauchwaren, Fleisch und Zündhölzer u.a. Im Dorf Kampfpause des Bataillons, das seine eigene Marschstraße hat. Auftrag für unseren Zug: Spähtrupp ins nächste Dorf zu fahren. Nach 500 m Feuer aus kleinem Wald linkes Getreidefeld, rechts der Straße Absitzen. Im Augenblick liege ich hinter dem MG und jage die ersten Garben ins Getreidefeld. Auch die andern Kameraden sind mit abgesprungen, ebenso 2. und 3. Gruppe. Der Zugführer ist auf 1 MTW der 8.Kompanie mitgefahren, 50 Schuss sind durch. Ich will nachladen. Da merke ich, dass nur noch 1 Mann da ist, Hutten. „Wo sind die anderen?“ schreie ich. Er deutet auf die zurückfahrenden Protzen und ruft: „Wieder aufgesessen!“ Ich: „Unmöglich!“ Er:“Tatsache!“ Und der Gruppenführer? “Auch dabei.“ Mir geht der Hut hoch. Gibt es so etwas im deutschen Heere, dass der Gruppenführer Leute seiner Gruppe im Stich lässt? Doch viel Zeit zum Denken gibt es nicht. Ich schieße. Das allein kann uns helfen. Nach etwa 10 Minuten kommt der Zugführer mit 2 MTW wieder nach vorn. Die halten nun die Russen nieder. Ich arbeite mich mit Hutten langsam zurück. Ebenfalls die Gruppe Lehnhausen, die nach links, zum Wald hin, den Feuerkampf aufgenommen hatte. Immer wieder volle Deckung, die Kugeln pfeifen zu oft an uns vorbei. Das ist eine härtere Feuerprobe, als die bei der Infanterie und sie nimmt mich mit. Ich weiß nicht, was mich ärger getroffen hat. Das im Stich gelassen werden oder die Gefahr der Gefangennahme, die gar nicht klein war. Im Dorf geht die Kompanie 1 km vor dem Dorf in Stellung. Ich baue mein 1.Schützenloch, aber es geschieht nichts. Nachts unsere Gruppe Spähtrupp. Auftrag: Feststellen, ob Dorf feindfrei. Wir stoßen auf das I.Bataillon, das nun wieder zu unserer Marschgruppe gehört. Gleich darauf schwerer Feuerkampf der Spitze des I.Bataillons mit russischer Pak u. Fahrzeugkolonnen. Die Kolonne wird vollständig aufgerieben. Es ist, als ob die Straße brennt. Alle russischen Fahrzeuge in Brand. Verwundete schreien. Das gellt in den Ohren! Unsere MTW haben ihre „Stukas zu Fuß“ (Luftdruckgranaten) verschossen. Das war ein unsagbarer Lärm. Aber wo die hinkamen, ist alles kaputt. Am anderen Morgen wieder bei der Kompanie, Auftrag nicht ausgeführt. Bei dem Durcheinander der Nacht kannte sich ja kein Schwein mehr aus. Auch bei der Kompanie soll es in dieser Nacht toll zugegangen sein. Russen hatten die Sicherungen mit Panzern und Infanterie angegriffen. Deutsche und Russen, alles durcheinander. Am Morgen, als wir zurückkamen, kamen die Kameraden ins Dorf, einzeln, zu zweit, ganz durcheinander. Der Schrecken der Nacht steht ihnen noch im Gesicht. Pak hatte 2 Panzer vernichtet, Pioniere einen 52 t (52 Tonnen-Panzer KW 2) in die Luft gesprengt. E.Graunhorst mit dem MG LKW in Brand geschossen (14 Stück.). Einige Kameraden vermisst. |
| 2.8.1941 | privates Tagebuch
7./Schtz.Rgt.64. Dorf x vom 1. Bataillon genommen. Es geht weiter. Angriff auf kleines Dorf in enger Mulde. Wir müssen über einen Vorderhang. Beiderseits Pak, IG und Granatwerfer eingesetzt. Granate haut dicht bei mir ein. Verdutzt. Unsere sMG (Schweres MG) schießen tadellos. Gegner bald geworfen. Ruhe bis 3 Uhr morgens. |
| 3.8.1941 | privates Tagebuch
7./Schtz.Rgt.64. Weiter Richtung Perwomaisk. Die Stadt muss genommen werden, um einen Kessel zu schließen. Marschfolge der Division. Pz. Reg.2, Sch.Reg.79. Sch.Reg.64 (I. - II. Batl.). Wir also ganz hinten. Unsere Protze fällt aus. Wir fahren mit dem Tross nach. Angriff russischer Kampfflieger auf die dichtgedrängte Trosskolonne. Fahrer und Beifahrer stieben von der Straße weg ins freie Feld. Noch ist mir der Ernst nicht voll bewusst, (1. erlebter Fliegerangriff) ich wetze gemütlich und nicht so weit, lege mich auf den Rücken und sehe zu, wie die Russen die Bomben ausklinken. Reihenwurf, wie im Film. Wir zurück zu den Fahrzeugen, da kommen sie schon wieder die frechen Kerle, im Tiefangriff, mit MG und Bordkanonen. Ich lege mich unter die Protze, rufe Uffz. Walter und Hutten auch dazu. Schon geht’s los. Rechts – links spritzen die Geschosse in den Dreck. Rechts ganz nahe am Fahrzeug . Uffz. Walter zittert am ganzen Leib, ich kalt, ganz kalt. Bei Walters Anblick muss ich lachen. Wir kommen zur Kompanie. Sicherung des Kessels nach Westen. Reg.79 und I./64 greifen mit Panzerunterstützung die Stadt an. |
| 4.8.1941 | privates Tagebuch
7./Schtz.Rgt.64. Angriff auf die Stadt Perwomaisk durch Rg.79 und I./64. Heftige Artillerievorbereitung. Brückenkopf bald gebildet. Stadt am Abend in deutscher Hand. Der Kessel soll bald vernichtet sein. Von Osten treiben Ungarn und deutsche Infanterie die Russen zusammen. |
| 5.8.1941 | privates Tagebuch
7./Schtz.Rgt.64. Mittags in der Stadt. Bild ungeheuerer Vernichtung und Verwüstung: Menschen, Pferde, Fahrzeuge, haufenweise tot. Furchtbarer Gestank. Es gibt Bier, Eier, Zigaretten. Der Kessel nahezu aufgerieben. Viele Gefangene, darunter 3 Flintenweiber, junge Mädchen mit 17 Jahren, brutale, hässliche Gestalten. Nachts Sicherung nach SW. Mein MG auf einer grasbewachsenen Hütte. Am Morgen des 6.8. - 80 Spiegeleier für 7 Mann. Ungarn lösen uns ab, tadellose Kerls. Ein Deutscher erzählt uns von den Zuständen in Russland. Wir sind erschüttert. |
| 6.8.1941 | privates Tagebuch
7./Schtz.Rgt.64. Weiter nach O, dann nach S. Nachts Sicherung eines Dorfes, das feindfrei angetroffen wurde. Gut ausgebaute Bunker und Feldstellungen nach W. Davor der Bug. Tadellose Verteidigungsstellungen der Russen. Doch wir sind von N gekommen, deshalb ging der Russe stiften. Kaum im Dorf, heftiges Art.-Feuer. Die Hunde schießen Schrapnell. Eine Stunde lang ist die Hölle los. Bange Minuten! Am Morgen kommt eine deutsche Frau in unsere Stellung: „Die Russen nehmen Euch alle gefangen, oh, geht zurück u. nehmt mich mit!“ So haben die Russen ihre Flucht entschuldigt: Sie gingen jetzt zurück u. würden uns in eine Falle locken. Wir lachen bloß und beruhigen die Frau. |
| 7.8.1941 | privates Tagebuch
7./Schtz.Rgt.64. Weiter nach S. Unsere Gruppe und eine Pak voraus als abgesetzte Spitze, soll erkunden, ob das nächste Dorf feindfrei. Wir tasten uns vorsichtig heran. Schussbereit stehe ich hinter dem MG, das in der Fliegerdrehstütze liegt. Prickelndes Gefühl. Für die Russen wäre es ein leichtes, uns abzufangen. Aber meine Pistole sorgte für einen schnellen, schmerzlosen Tod! Dorf feindfrei. Das Batl. rollt durch, wir sichern an einer abzweigenden Straße nach O, dann dem Batl. nach! Unterwegs in kleinem Dorf, backen wir rasch Pfannkuchen. Dann wieder dem Btl. nach, das wir bei der Marschpause erreichen. Bier, 1 Stunde Schlaf. Kunde, dass Bruno Fröhlich, der Kamerad vom 10./420 der allzeit lustige Geselle, bei einem Angriff des I.Btl. gefallen ist. Abends Angriff auf ein Dorf. Geringe Vorbereitung durch IG (Inf. Geschütze). Starkes Feuer empfängt uns, als wir über die freie Höhe kamen. Unwegsames Gelände. Tiefes Quertal mit steilen Hängen und Felsen hält lange auf. Gefechtsvorposten der Russen überrannt. Beim Dunkeln auf der letzten Höhe. Dorf tief im Tal, davor breiter Bach. Brücke nicht zerstört. Nachts Sicherung vor dem Dorf. Mein MG, zwischen Felsen. Nachts geht der Russe türmen. Man hört deutlich Kommandorufe, Lärm der Fahrzeuge sich entfernen. |
| 8.8.1941 | privates Tagebuch
7./Schtz.Rgt.64. Im Dorf! Sicherung, strömender Regen. Nass bis auf die Haut. Volltreffer in 1 Bedienung eines schw. MG., 1 Toter, 4 Verwundete. Eierschnaps! Mirabellen. Abends Bereitstellung zum Angriff am anderen Tag. |
| 9.8.1941 | privates Tagebuch
7./Schtz.Rgt.64. Angriff unnötig. Russe getürmt. Weiter nach O. Dorfsicherung. Schöner Mittag (Skat + Schach). Unsere Gruppe am Abend Spähtrupp: nach 10 km Feind festgestellt. |
| 10.8.1941 | privates Tagebuch
7./Schtz.Rgt.64. Ohne Feindberührung weiter nach O. Protze von Uffz. Schulze-Wischler hängengeblieben. (bei Spähtrupp bis tief in die russ. Linien hinein.) Unsere Protze soll sie herausholen. Verwegene Fahrt bei Nacht und Nebel durch die Russen hindurch, immer nach Marschkompass. Abends 20 Uhr ab, zurück 4.30 Uhr. Mit viel Glück alles gut gegangen. Unterwegs Begegnung mit 5 russischen LKW. Erkennen uns erst auf gleicher Höhe. Wir u. sie mit „Karacho“ ab, Richtung Sicherheit. Marschziel nicht mehr Odessa, sondern Nikolayev. Russische Ausrüstung u. Verpflegung gar nicht ohne. Letztere kommt oft nur nicht nach oder wird von uns geschnappt. Nach Aussagen Gefangener „fressen“ die guten Sachen allerdings immer nur die Kommissare u. deren Weiber. Zum Teil fabelhaft eingerichtete Sanitäts-Wagen. Das Land unsagbar in seiner Weite, seinem Reichtum. Getreidefelder endlos wie ein Meer, ebenso die Sonnenblumenfelder. Doch welches Verbrechen an dem russischen Volk! Welche Armut im Einzelnen. Ich such nach einer Erklärung dieses Widerspruchs. Es kann nur so sein: Stalin hat seit 20 Jahren dem Volk alles genommen, hat es bis zum Verhungern darben lassen, um die Aufrüstung in astronomischer Höhe zu schrauben, zur Vorbereitung der Weltrevolution. Wenn man ins Innere einer Lehmhütte kommt, erschrickt man: Ein Raum ist Küche, Wohn- und Schlafgemach zugleich, nirgends ein Bett, kein Fenster zum Öffnen. Ist es verwunderlich, dass da furchtbarer Gestank ist, Läuse, Flöhe und Wanzen gedeihen, zumal oft zwischen Wohnung und Eingang der Stall für die einzige Kuh, für Hühner und das Schwein ist? |
| 11.8.1941 | privates Tagebuch
7./Schtz.Rgt.64. Ruhetag, Skat in der Stellung, Milchsuppe, Pfannkuchen. |
| 12.8.1941 | privates Tagebuch
7./Schtz.Rgt.64. Ohne Feindberührung nach S. Richtung Nikolayev. Reg.79 greift Nowi Bug(?) an, wir stoßen westlich daran vorbei, nach S. weiter. |
| 13.8.1941 | privates Tagebuch
7./Schtz.Rgt.64. Noch 35 km bis ans Schwarze Meer. Herrliches Wetter. Was wäre jetzt ein Bad und frische Wäsche!? Seit wir motorisiert sind, werden wir noch viel dreckiger als zuvor. Panzer u. MTW. Schneiden Russen auf ihrem Wege ab, mache viele Gefangene. Wir kommen rasch voran, sollen von O. die Stadt angreifen. Angriff auf Nikolajew, die Stadt der Werften mit 110 000 Einwohnern! Es ist soweit. Unser Zug fährt Spitze. Auftrag: Bahnhof anzugreifen, zu nehmen und Igel zu bilden. Nach 500 m Feuer. Absitzen! 1.Gruppe rechts, 2.Gruppe (Lehnhausen) links der Chaussee, 3.Gruppe (Lerch) hinter der 1.Gruppe als Reserve. Langsam vor. Ich, wie meist vor dem Gruppenführer. Ein verwundeter Russe will noch schießen. Ich jage ihm, das MG in der Hand, eine Garbe in den Leib, dann kämpfe ich noch 2 andere nieder. Dann setzt Granatwerferfeuer ein. Wir bleiben liegen. Lt.Becker zurück zum Kompanie.-Gefechtsstand, will Verstärkung holen. Da fangen die Russen auch mit sMG an. Gruppe Lehnhausen springt auf unsere Seite, da hier Deckung durch hochgelegene Straße. Das Feuer kommt nämlich von halblinks. Kaum sind die Kameraden der 2.Gr. bei uns, setzen die Russen einen Gegenangriff an. Granatwerferfeuer zwischen und hinter uns, von halblinks fdl. sMG und von vorn und halbrechts russische Infanterie. Jetzt wird’s heiß. Wir arbeiten uns vor, aus dem Granatfeuer heraus und nehmen den Feuerkampf auf. Zum Glück bietet uns die hochgel. Straße Deckung gegen d. sMG. Die 2 MG-Schützen der Gr.Lehnhausen sitzen phantastisch. (Felix Stachewski) u. der „olle“ Emden, alte Füchse. Da bin ich doch noch ein Stümper. Aber ich halte auch drauf. Mein MG hat Hemmung. Ich fluche, die Lage kritisch, die Russen haufenweise vor uns (200 m). Felix macht dauernd Wechselstellung, legt seinen Stahlhelm auf die Deckung, schießt an anderer Stelle. Ich mache Schloßwechsel, das hilft. Nun bin ich auch ganz dabei. Ein Granatsplitter saust direkt an meinem Kopf in den Boden. Ich erschrecke, doch gleich geht das Schießen weiter. Lieber durch einen Splitter kaputt als durch die angreifenden Russen da vorn. Doch ihr Angriff lässt nach. Die wollten uns von vorn und von der Flanke fassen. Nur noch langweilige Ballerei. Nach 1 Stunde sind unsere MG noch heiß. Pro MG etwa 1500 Schuss verschossen. Der Zugführer ist wieder da, berichtet, dass links der Straße das I/64 eingesetzt wird. Wir bleiben liegen bis die auf unserer Höhe sind und greifen dann weiter an. Was heute Vormittag 1 Zug nehmen sollte, greift nun 1 verstärktes Bataillon an!! Bis es soweit ist (die Russen sind wieder auf die linke Straßenseite zurückgegangen) ruhen wir uns etwas aus. Doch Lehnhausen hat keine Ruhe. Er pirscht sich mit 1 Mann vor und wirft Handgranaten in eine russische MG-Stellung. Erledigt, kein Schuss kommt mehr von dort! Ich bewundere den Kerl. Bei ihm möchte ich sein. Mittags weiter vor mit I.Bat. Der Bahnhof wird genommen. Stellungsbau. Ausbruchsversuche der Russen sind zu erwarten. 3 Bahnlinien vereinigen sich hier. Tiefe Löcher direkt am Bahndamm. Gegen Abend schwerer Ari-Zunder auf unsere Stellungen. Alle Kaliber, dabei schwerste Brocken (Schiffsgeschütze). In der Nacht ohne Unterbrechung Art.-Feuer (beiderseitig). Um uns überall Einschläge. Bahnkörper wird aufgerissen. Die Sauhunde schießen ganz genau. |
| 14.8.1941 | privates Tagebuch
7./Schtz.Rgt.64. Ganzen Vormittag Ari-Trommelfeuer. Zum Verrücktwerden! Wir am weitesten rechts. Links II. und III. Zug, 6.Kompanie I.Batl. beim II. und III. Zug Angriffe, bei uns Ruhe. Ich reinige mein MG peinlichst. Mittags war meine Gruppe rausgezogen, dem II. Zug zugeteilt. Dort hartnäckige Angriffe der Russen, Welle auf Welle. Einzeln springen wir zurück durch das Ari.-Feuer. Dann vor zum II.Zug. Lt.Maier legt uns zunächst in Reserve, da augenblicklich kein Angriff. Seiff (Melder) von Granatsplittern schwer verwundet, am Verbluten. Ich binde ihn ab, Sani Hülsemann u. 1 anderer schaffen ihn weg. Tags zuvor Hans Baumgärtner (Sani in unserem Zug beim Verbinden eines Kameraden der 1. ompanie v. I.Batl. gefallen. Molstar durch Bauchschuss verwundet. 2 tadellose Kerle, selbstlos u. tapfer. Ein neuer Angriff der Russen. Ein vorgeschobener Beobachter sagt mir, dass sich von halbrechts ein russisches Infanteriegeschütz an den II. Zug ran arbeitet. Der 1.Zug kann sie nicht sehen (Maisfeld dazwischen) u. scheinbar auch der II.Zug noch nicht bemerkt. Die IG-Kompanie jedoch hat fast keine Munition mehr. Ich laufe zu Uffz.Walter, verlange er soll auf eig. Befehl unsere Gruppe einsetzen. Er weigert sich und sagt, der Lt. werde ihn schon holen wenn er ihn brauche, verkriecht sich in sein Loch und pennt wieder, der Feigling. Ich krieche zum IG-Beobachter, sehe durch sein Glas das Vorarbeiten der Russen. Jetzt gilt's, ich handle selbständig. Nochmals zu Walter, er weigert sich wieder. Ich kann ja auch im sicheren Loch liegen bleiben. Doch das will ich nicht; laufe zu Emil Weller, meinem Schützen 2, will ihn mitnehmen. „Bist du verrückt ohne Befehl sowas zu tun?“ entgegnete mir das Phlegma, der Fresser. Da packt mich die Wut über soviel Schweinerei, hänge 2 volle Muni-Kästen um, packe mein MG und springe, so gut es geht über den Bahndamm zurück, krieche + robbe (1 Russe schießt nach mir) in 1 Furche nach links und mach mich schussfertig. Ich schwitze furchtbar. Die Tage sind unheimlich heiß, keine Wolke am Himmel, nichts zu trinken, seit 2 Tagen! Da bemerke ich weiter links zusammengestellte Hürden gegen Schneewehen und krieche nach dort. Ideale Stellung. Ich klettere hoch, orientiere mich. Dann feure ich, schieße, was rausgeht, klettere wieder hoch, sehe, dass die Russen graben. Eine Kugel pfeift am Kopf vorbei. Runter, wieder geschossen! Kleine Wechselstellung bezogen. Glück, nun schießen die Russen mit einer sMG in die Bretter. Von meiner neuen Stellung kann ich nicht viel sehen. Ich streue das Gelände ab, bleibe 1 Viertelstunde liegen. Zurück zu den Brettern; beobachtend, geschossen, wieder beobachtend. Dallbeck Schütze 3 kommt. Wir schießen von der Schulter des anderen, abwechslungsweise. Es gelingt uns eine sMG der Russen, die gerade in Stellung gehen will, außer Gefecht zu setzen. Und der II.Zug ist längst gewarnt, geht zum Feuerkampf über. Ich rufe Uffz. Walter, er solle herkommen, Feindbeobachtung und Feuerleitung übernehmen. Ärgerlich kommt er, tut aber dann doch, sehr vorsichtig, was ich ihn heiße. Angriff der Russen scheitert, der Abend bringt Entlastung. 1 Stunde vor Dämmerung Bereitstellung zum Gegenangriff mit Panzern. In zügigem Vorgehen 3 km Russen zurückgeworfen. Viele Tote des Gegners. Wir beziehen neue Stellung an einem anderen Bahndamm. Wir wieder beim I.Zug, unsere Gruppe am weitesten rechts, ohne Anschluß, offene Flanke. Endlich zu essen und zu trinken. |
| 15.8.1941 | privates Tagebuch
7./Schtz.Rgt.64. Nachts gepuddelt, 1 Stunde geschlafen, Vorposten gestellt, wieder eingeduselt. „Urräh, Urräh!“ Ich fahre hoch. Die Russen kurz vor unseren Stellungen. In ungeheurer Übermacht. Alles durcheinander. Niemand hat ihr Nahen bemerkt. Und nun ist die Hölle los. Beim II.Zug schon eingebrochen. Bajonettkampf, Handgranaten krachen, Schreie gellen. Unser Zug zurück, besseres Schussfeld. Aber regellose Flucht. Russen schießen hinterher, zwingen uns in Stellung. Ich schieße wie nie. Die Kugeln pfeifen um unsere Köpfe. Immer wieder Kopf im Dreck. Das ist zum wahnsinnig werden. Doch solange ich selbst schieße, ist's am besten. Zum Glück sind die Munitionsträger auch da. Auch der II. und III.Zug ist wieder Herr der Lage. Angriff gerade noch abgeschlagen. Nur noch einzelne Schüsse. 8 Uhr morgens, schon furchtbar heiß. Nichts zu saufen. Meine ganze Ausrüstung liegt in der nächtlichen Stellung. Ich gehe vor, hole das Zeug (Koppel, Spaten, Kochgeschirr, Feldflasche) gehe die Stellung ab. Furchtbares Bild: Tote, verwundete Kameraden. Sanitäter bergen sie. Ich muss zurück. Die Russen können wieder kommen. Fürchterlicher Durst. Um 10 Uhr russ. Artilleriefeuer in nie dagewesener Stärke. Einschlag auf Einschlag, oft 2 u. 3 zu gleicher Zeit. Russische Tieffliegerangriffe noch und noch. Wo sind unsere Jäger, wo unsere Stuka zur Entlastung?! Keiner ist da. Was könnten die uns helfen?! Gegen 11 Uhr nochmals Angriff der Russen. Unsere Gr. hat keine Munition mehr. Das Regiment ist eingeschlossen. SS und Reg.79 versuchen, uns herauszuhauen. Doch ein Lichtpunkt ist noch da: Der Russe scheint gar nicht zu wissen, dass er uns im Kessel hat. Wir wieder am rechten Flügel der Kompanie. Die Russen versuchen, uns auch hier von der Flanke zu fassen und uns zu umgehen. Der Lt. nimmt unsere Gruppe zur Flankensicherung. Wir 5 Mann mit 1 MG gegen 100 Russen. Wir sehen sie kommen wie eine Walze. Der Lt. wird gleich verwundet, ebenso Böttner. Schießen, schießen nochmals schießen, das ist die einzige Rettung oder kann die einzige Rettung sein. Wir liegen in einem Graben. Warum greifen sie nicht an? Fragen wir uns. Motorengeräusch. MTW von uns!! Das ist die Rettung. Die Russen gehen stiften. Wir hinterher. Die russische Infanterie kommt wieder. Neue Schießerei. Munition geht aus. Wieder kommen MTW, diesmal 5! Gott sei Dank. Dallbeck und ich liegen allein. Wo ist Walter, Förster, Hutten, Weller? Wir wissen es nicht. Wo ist der Zug? Haben die sich zurückgezogen? Die Kompanie? Ist alles verloren? Kein Schwein kennt sich aus. Die Russen sind wieder zurück. Es herrscht Ruhe. Ein MTW sucht Verwundete, sagt uns, dass alles verloren sei. Wir wollen zurück zur Protzenstellung. Wir springen bei ihm auf. Plötzlich russ. Gewehrfeuer. MTW drauf zu. Wir springen ab. Über die freie Fläche zurück in einen Graben. 300 m! Kugeln, das es zum Verrücktwerden ist. Der Riemen meines MG durchschossen. Fällt mir nieder. Ich kann es nicht mitnehmen. Ich laufe um mein Leben. Einmal blicke ich zurück. Dallbeck liegt am Boden. Verwundet? Noch 2 – 3 Schritt, da ist der Graben. Ich stürze hinein. Rettung. Nach einer Weile bin ich wieder bei Sinnen. Die Russen liegen noch drüben. Dallbeck sehe ich nicht. Ich robbe und krieche zurück. Der Damm wird höher. Ich kann gebückt gehen. Ich bin am Verdursten. Ich kaue Blüten vom Wundklee. Das hilft etwas. Ein MTW kommt. Ich winke, sage wegen Dallbeck Bescheid. Die holen ihn. Mich können sie nicht brauchen, da zu viele Verwundete. Sie weisen mir den Weg. Ich komme zum Bat.- Gefechtsstand. Der Major, der Alte von der Mark, fragt mich, was vorn los sei. Ich: „Alles kaputt, habe niemand mehr gesehen.“ Er gibt mir eine Zigarette und 1 Feldflasche voll Wasser. Ich trinke sie aus. Dann lege ich mich hin. Ich kann nicht mehr. Der Major: „Mein armes, starkes Bataillon!“ Ich denke, wenn jetzt die Russen kommen, bist du wenigstens nicht allein.“ Dann schickt mich der Adjutant zur Protzenstellung, dort sei der Rest. An der Ari-Stellung vorbei. Alle Gewehr in der Hand, Geschütze ohne Munition. Ich muss fürchterlich aussehen. Die bieten mir zu trinken und zu rauchen an. Fragen mich, was vorne los sei. Ich: „Alles verloren.“ In der Protzenstellung Hutten, Weller, Förster und der Herr Uffz. „Gottseidank, dass du da bist.“ Ich: „Wo seid ihr gewesen?“ „Ha, wir sind zurück, war ja niemand mehr da.“ Ich will nichts mehr wissen, lege mich unter die Protze und schlafe ein. Immer wieder hoch! Darum gebe ich es auf, gehe zu den Kameraden. Niemand weiß, was mit dem II. und III.Zug los ist. Gefangen? Tot? Der Chef u. der Kompanie.-Truppführer sind verwundet. Das ist gewiss, ebenso Fw.Trappe. Schreiber, Kratt, Lehnhausen, Lt. Maier, Söll, Fuchs, tot: Stachewski, Bertsche, Uffz. Volmer, Buschkröger, Winter, Brauckhoff, Elsner, Züschlag, Meerkötter, Poddi, Wollner, Uffz. Fritz. Von den anderen fehlt jede Nachricht. Nachts Sicherung der Protzenstellung. Ruhig. |
| 16.9.1941 | privates Tagebuch
7./Schtz.Rgt.64. Wir rücken – mit Widerwillen – zu unseren gestrigen Stellungen vor. Da soll noch der Rest der Kompanie mit 7 Leuten liegen. Die Fahrer werden eingesetzt. Sofort ans Schanzen und dann gesichert. Doch der Russe kommt nicht. Warum nicht? Hat auch er die Nase voll. Das verstehen wir nicht. Spähtrupp mit Uffz. Schulze-Wischler kommt zurück. Die Russen im Dorf vor Urkolajew, wollen sich ergeben. Meldung an Bataillon. Protzen kommen ins Dorf. Unzählige Russen gefangen genommen, lauter junge Kerle. Wir erfahren, dass die Angreifer von gestern und vorgestern, die Stalin-Garde, sich restlos verblutet hat. Doch 120 Mann leisten in einer Fabrik noch Widerstand. Pak + Flak, eine Gruppe von uns holen sie nach toller Schießerei, raus. Nachts Sicherung des Dorfes. |
| 17.9.1941 | privates Tagebuch
7./Schtz.Rgt.64. Angriff auf Nikolayev. Der Major, seine beiden Lts. voran, Fahne gehisst. Von russ. Pak angeschossen. Alle schwer verwundet, auch tot. Lt. Maier auch tot. Minen in der Stadt. In Kellern viele Russen, Angst vor ihren Kommissaren, ergeben sich. Sonst kein Widerstand. Ein Teil der Besatzung zu Schiff nach Cherson geflohen. Schwarzes Meer erreicht! Stadt zu großem Teil von Russen selbst zertrümmert und zerstört. Leute verängstigt, können nicht glauben, dass wir von ihnen nichts wollen. |
| 18.9.1941 | privates Tagebuch
7./Schtz.Rgt.64. Einige Tage Ruhe. Schöner Lagerplatz am Bug. Sonne, Wasser, Segeln. Bug etwa 1½ km breit. Ich spiele Skat und Schach. Klamotten werden in Ordnung gebracht. |
| 19.8.1941 | |
| 20.8.1941 | privates Tagebuch
7./Schtz.Rgt.64. Im Lazarett! Meine Schokoladetafel erhält der liebe Seiff aus Biberach, den ich verbunden habe. Doch am andern Tag stirbt er doch. Zigaretten gebe ich anderen, aber nicht alle. Hinterher schäme ich mich. Am andern Tag gibt’s 20! Ich rühre keine an und schicke sie ins Lazarett! |
| 21.8.1941 | privates Tagebuch
7./Schtz.Rgt.64. Wir liegen in Ruhe, in 1 Dorf, 50 km vor Kirowograd, pflegen uns, unsere Waffen und unsere Ausrüstung; kommen etwas mehr ans Briefschreiben, ans Lesen und an Dinge, die uns dem Krieg etwas entrücken. Der Kompanie.-Chef Lt.Schneider und Lt.Balleer, 3 prachtvolle Führer. Der Spieß tut für uns, was er kann, besonders was den Speisezettel anbetrifft. |
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